Harburg

Es lebe der Leuchtbommel!

Antje Loesdau hatte die geniale Idee, Kindermützen zum Leuchten zu bringen, und wagte sich damit ins Fernsehen

Sie sind kuschelig weich, haben ein Vlies, damit die Ohren nicht jucken und einen Bommel, der leuchten kann: die Mützen von „twinkle kid“ sind zurzeit der Renner in jeder Kindergarderobe. Bommel, die im Dunkeln leuchten – diese Idee muss man erst mal haben! Antje Loesdau aus Hanstedt macht schicke Mützen für Kinder, einfarbig, immer abgestimmt auf die aktuelle Kindermode, entweder aus dicker Schurwolle und etwas zarter aus einem Baumwollmix.

Das Besondere: Diese Mützen haben alle einen Bommel, der strahlend hell leuchtet, wenn Licht darauf fällt. Im Winter, wenn Kinder im Dunkeln auf der Straße unterwegs sind, kann so kein Steppke auf der Straße übersehen werden. Anfang September wagte sich Antje Loesdau mit ihren „twinkle kid“-Mützen in die „Höhle der Löwen“. In der Fernsehshow, die zurzeit dienstags auf Vox läuft, stellen Jungunternehmer ihr Produkt vor einer hochkarätigen Jury vor und hoffen auf finanzielle Unterstützung. Im Gegenzug erhalten die Investoren Anteile an den jungen Firmen.

Die fünf erfolgreichen Unternehmer bewerten knallhart, ob das Produkt etwas taugt oder nicht. Mit dabei sind der Reiseunternehmer Vural Öger, Judith Williams, die Königin des Homeshopping in Europa, Jochen Schweizer, der mit besonderen Erlebnissen Highlights ins Leben bringt, Lencke Wischhusen, die als eine der jüngsten Unternehmerinnen Deutschlands ein Verpackungsunternehmen leitet und Start Up-Experte Frank Thelen. Antje Loesdaus Leuchtmützen waren der Gewinner des Abends, die Jury war sofort überzeugt, und nun hält die Hanstedterin den Schlüssel zum Erfolg in der Hand. Öger, Thelen und Williams sind auf jeden Fall mit in ihrem Boot und werden ihr dabei helfen, es auf große Fahrt zu bringen.

Bevor Antje Loesdau schließlich, begleitet von Tochter Lara und ihrem Partner Marvin, mit zitternden Knien in den Vox-Fernsehstudios in Köln stand, hatte sie fünf Jahre lang im ganz kleinen Stil ihre Mützen verkauft. Die Idee zu dem wolligweichen Produkt, das leuchten sollte, hatte sie als junge Mutter. An einem düsteren Abend beim Laternenumzug mit ihrer zweijährigen Tochter Lara fiel ihr auf, dass die Kinder an den Jacken zwar schön blinkende Reflektoren hatten, wenn sie an der Straße aber von Autos verdeckt waren, konnte man sie aber nur schlecht erkennen. „Das müsste weiter oben blinken“, dachte sich die 39-Jährige und begann gemeinsam mit einer Freundin an der blinkenden Idee zu tüfteln.

Zunächst dachten die beiden daran, einen Regenschirm mit Reflektoren für Kinder zu entwickeln, da brachte sie die Realität aber ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen: „Das war nix, denn welches Kind schleppt schon gern einen Schirm mit sich herum.“ Mützen aber trägt jedes Kind wenn es kalt und dunkel ist. Neun Monate feilte Antje Loesdau an der Idee, eine Kindermütze zum Leuchten zu bringen. Sie machte sogar einen Nähkurs, „aber ich habe für eine Mütze drei Tage gebraucht, das hab ich schnell wieder gelassen“, gibt sie lachend zu. Der Mützen-Urtyp hatte einen dicken Reflektor auf der Stirn, in den Anfangszeiten applizierte sie nach Kundenwunsch Trecker, Schneemänner, Fußbälle oder Elfen darauf und beklebte die Leuchtzeichen auch mal in fisseliger Kleinarbeit mit Strasssteinchen. Heute ziert jede „twinkle kid“ ein runder Reflektor mit einem Seepferdchen drauf.

Antje Loesdau würde wahrscheinlich heute noch Glitzersteine kleben, wenn sie nicht auf eine geniale Idee gekommen wäre. „Warum das Licht nicht auf die Mütze bringen, nämlich in den Bommel?“, überlegte sie sich und ging auf die Suche nach einem leuchtenden Material, das man in die Wolle einstricken könnte. Nach vielem Ausprobieren war irgendwann eine feine biegsame Glasfaser gefunden, die flexibel war aber nicht brach. Und da ihr Bommel einzigartig ist, ließ sie ihn sich als Gebrauchsmuster schützen und ist somit die einzige, die Mützen mit dem strahlenden Wollpuschel vertreiben darf. Richtig Schwung in die Sache brachte die Hamburger Modedesignerin Lilian Haferkamp. Eines Tages erzählte Antje Loesdau ihrer Freundin beim Milchkaffee von Leuchtmützen und weil Lilian Haferkamp die Idee so gut gefiel, übernahm sie von da an das Design und die Farbvorauswahl für die Kollektionen. Mit neuen Farben und dem frisch entwickelten Leuchtbommel fuhren die beiden vor vier Jahren zur Weltleitmesse Kind und Jugend nach Köln – und hatten, ohne es wirklich zu wissen, eine Weltneuheit im Gepäck. Dafür gewannen sie auch gleich den Innovationspreis der Messe. Händler wurden auf sie aufmerksam und wollten gleich in großen Mengen bestellen. Und da genau lag das Problem, denn in der Modeindustrie geht ohne Vorkasse keine Nähmaschine an, Antje Loesdau hatte aber nur ihre Ersparnisse als Investitionskapital, riskanten finanzielle Operationen kamen für sie noch nie infrage: „Wir haben das immer mit Bordmitteln finanziert, das ist heute immer noch so“. Auch wenn sie die großen Bestellungen nicht liefern konnte, gab es ein paar Sport- und Kindergeschäfte vor allem in Norddeutschland, die die Mützen verkauften, und auch beim Outdoorspezialisten Globetrotter liegen die Mützen im Regal. Der Innovationspreis, den sie gewonnen hatte, war es aber schließlich, der Antje Loesdaus „twinkle kid“ wahrscheinlich jetzt zu großem geschäftlichen Erfolg führen wird. „Eines Tages rief die Produktionsfirma bei mir an und fragte, ob ich mich für die „Höhle der Löwen“ casten lassen würde, da hab ich natürlich sofort Ja gesagt“. Diese Ja hieß allerdings, die das Projekt auf professionelle Beine zu stellen, denn in der Show hat jeder Unternehmer drei Minuten Zeit, sein Produkt in bestmöglichen Licht zu präsentieren. Deshalb holte sich Antje Loesdau eine kompetente Ratgeberin an ihre Seite. Über die IHK in Lüneburg kam sie zu Sabine Neumann-Heinen, einer Unternehmensberaterin aus Winsen. Gemeinsam entwickelten sie einen Business-Plan, Konzept und Budget sollten von vorneherein überzeugen. Schließlich ging es um 84.000 Euro, die Antje Loesdau von den kritischen Unternehmern haben, da durften keine Zweifel aufkommen. Die 39-Jährige lernte Produktionsdaten auswendig, überlegte sich Argumente und übte mit einem Regisseur, wie sie auf Kritik und Einwände reagieren sollte. Aber, es ging nicht nur um trockene Zahlen, „uns war klar, Antje muss eine Show machen, damit sie die Jury auf ihre Seite ziehen kann“, sagt Sabine Neumann-Heinen. Die Kinder, die ihre Mützen vorführen sollten, studierten extra mit einem Tanzlehrer drei Wochen eine Hip Hop Aufführung ein. Und vor allem musste dafür gesorgt werden, dass die Mützen bei Dunkelheit zeigen konnten, was in ihnen steckt.

Den Tag der Fernsehaufzeichnung in Köln hat Antje Loesdau nur noch schemenhaft in Erinnerung. Die Aufregung hat alles ein wenig verwischt, kein Wunder, dieser Tag war schließlich ganz entscheidend für die Zukunft von „twinkle kid“. Die Jury war sofort angetan von den Mützen mit dem Leuchtbommel. Antje Loesdau legte trotz Lampenfieber eine überzeugende Vorstellung hin, „das war die extremste Situation meines Lebens“. Die Panik, die sie vor der Kamera fühlte, hat keiner bemerkt: „Sie war einfach unschlagbar gut“, lobt Sabine Neumann-Heinen ihren Schützling. Für Antje Loesdau zählte in diesem Moment nur eins: „Man glaubt an das Produkt, die anderen müssen auch daran glauben“. Alle fünf Unternehmer boten ihr danach die Zusammenarbeit an. Letztendlich entschied sie sich für Vural Öger, Frank Thelen und Judith Williams. Die werden ihr jetzt nicht nur finanziell sondern auch mit Kontakten, Vertriebswegen und Beratung zur Seite stehen.

Nun nimmt ihr kleines Unternehmen, inzwischen ist „twinkle kid“ eine GmbH, Fahrt auf. Nachdem die Sendung Anfang September auf Vox lief, brach die Internetseite wegen Überlastung zusammen, „in drei Tagen haben wir mehr umgesetzt als in den ganzen vergangenen Jahren“, freut sich Antje Loesdau. Der Run hat sie kalt erwischt, mit so viel Nachfrage hatte sie gar nicht gerechnet. Dank der deutschen Firmen, mit denen sie von Anfang an zusammengearbeitet hat und die sie immer unterstützt haben, konnte sie glücklicherweise noch Mützen nachordern. Gemeinsam mit ihrer Designerin hat sie jetzt eine neue Kollektion für Jugendliche und junge Leute entwickelt, die im Winter auf den Markt kommt, denn die Mützen leuchten nicht nur, sondern sehen auch noch richtig cool aus.

Mit Lilian Haferkamp und Sabine Neumann-Heinen hat sie zwei Fachfrauen an ihrer Seite, „ich mach das Design, Sabine die Zahlen und Antje hat das letzte Wort“, bestätigt Lilian Haferkamp. Wenn ihre Chefin nicht am Ball geblieben und nicht so unerschrocken für ihre Idee gekämpft hätte, würden wahrscheinlich nur ein paar Kinder „twinkle kid“ Leuchtmützen tragen. Und das wäre schade, nicht nur, weil sie für mehr Sicherheit auf der Straße sorgen, sondern weil die Kinder sie wirklich lieben, „eine Klassenkameradin meiner Tochter hat ihre verloren und bitterlich geweint – und das wegen meiner Leuchtbommelmütze!“