Harburg
Wilhelmsburg

Wo die Elbe des Adlers Tisch deckt

Das Naturschutzgebiet Heuckenlock in Hamburg-Wilhelmsburg ist beeinflusst von Ebbe und Flut im Stromgebiet

Wilhelmsburg . Es sind nur ein paar Schritte vom Elbdeich über die Brücke und schon ist man im verwunschenen Wald. Der Pfad ist nicht lang und verzweigt sich auch nicht, aber er windet sich ein paar Mal und wenn man etwas Glück hat und gerade niemand anderes unterwegs ist, kann man ganz schnell vergessen, dass man nur zehn Kilometer von der Spitalerstraße, sieben vom Harburger Rathaus, zwei vom hamburger Hafen und nicht mal einen von der Hochhaussiedlung Kirchdorf Süd entfernt ist.

Das Heuckenlock kann als das älteste Naturschutzgebiet in Hamburg. bezeichnet werden Schon im Königreich Preußen galten hier besondere Vorschriften, um den Tide-Auenwald zu erhalten. Das hatte auch politische Gründe: Es ging darum, sich im Streit, den mit Hamburg um den Fluss Flächen zu sichern. Der Natur kam das zugute: Während fast überall entlang der Elbe Vordeichflächen entweder bewirtschaftet wurden oder aber der Schiffahrt oder dem Hochwasserschutz weichen mussten, erhielt sich hier ein kleines Stück Urwald mitten in der Stadt. Offiziell steht das Heuckenlock allerdings erst seit 1977 unter Naturschutz.

Der verwunschene Wald ist nur ein Teil des Naturschutzgebietes. Schilfzonen, kleine Wiesen, Sümpfe und Priele gehören ebenfalls dazu. Zweimal am Tag steht der größte Teil des Heuckenlocks unter Wasser. Die Elbe und ihre Tiden beeinflussen das Gebiet nachhaltig. „Mit jeder Flut kommt eine hauchdünne Schlammschicht voller Nährstoffe“, sagt Kai Schmille von der „Gesellschaft für öffentliche Planung“ (GÖP), dem Träger des Naturschutzgebiets. Das bedeutet: Was hier wächst, gedeiht auch. Die Sumpfdotterblumen im Heuckenlock sind zum Beispiel viel größer, als anderswo. So sehr, dass Biologen schon überlegen, die Wilhelmsburger Sumpfdotterblumen zu einer eigenen Art zu erklären. Auch die Pappeln im Heuckenlock wachsen schneller und höher, als anderswo und fremde Arten, wie das Springkraut wandern ein..

Typisch für das Heuckenlock sind auch das Flussgreiskraut im Auenwald und die Schachbrettblume auf den Wiesen. Diese seltene Art profitiert davon, dass abseits des Waldpfades das Gebiet meist zu feucht ist, um betreten zu werden, so dass niemand kommt, um sie zu pflücken – und wenn es jemand versucht, muss er bald aufgeben. „man kann im Heuckenlock von der Flut eingeschlossen werden, wie im Wattenmeer“, sagt Schmille. Alle paar Jahre müssen Verirrte aus dem Schilf gerettet werden., aber die meisten Besucher nehmen die Warnschilder ernst.

Nicht nur die Pflanzen profitieren davon, sondern auch die Vogelwelt: Baum- und Schilfbrüter, wie Nachtigall, diverse Rohrsänger und -ammern sowie die Beutelmeise fühlen sich hier angemessen in Ruhe gelassen und brüten fleißig. Größere Wasservögel, wie Kormorane und Reiher kommen hier nur noch zum fressen vorbei. Vielleicht halten sie mit ihrer Brut lieber etwas Abstand von dem Fischadler, der seit einigen Jahren im Heuckenlock brütet. Der profitiert ebenfalls davon, dass im Auwald Ebbe und Flut das Geschehen bestimmen: „Üblicherweise haben Fischadler ein Revier mit etwa 20 Kilometer Durchmesser“, sagt Schmille. „Dieser hier bewegt sich nur selten aus dem Gebiet heraus. Er muss nur das ablaufende Wasser abwarten, schon zappeln mehr trockengefallene Fische im Schilf, als er fressen kann.“

Der verwunschene Wald bleibt meistens auch bei Hochwasser trocken. Etwas über 100 Mal im Jahr ist allerdings auch er überflutet Die Spülsäume mit Treibsel aus Schilf und Zweigen zeugen davon. „Die Überflutungshäufigkeit ist gestiegen“, sagt Schmille. „Die Hochwasser der Elbe werden höher, die Niedrigwasser niedriger.“

Eine der Folgen des größeren Tibenhubs: Es wachsen fast nur noch Pappeln und Ulmen. Vor dem Krieg bestimmten hier Eichen das Bild, aber die wurden als Reparationsleistung von Briten abgeholzt und wachsen nicht mehr nach. „Bis zu sechzig Überflutungen würden Eichen noch mitmachen, aber 100 sind zu viel“, sagt Schmille. Er geht ein paar Schritte. Da ist die Brücke wieder. Da der Deich. Es sind nur 10 Kilometer bis zur Spitalerstraße.