Todtglüsingen

Flüchtlinge begrünen Vereinsheim der Spielvereinigung Tostedt

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Asylbewerber erledigen Pflegearbeiten für den Todtglüsinger SV, seit Jahren Vorzeigeclub in der Integrationsarbeit. Bislang sind vier Flüchtlinge beschäftigt.

Bianca Wilkens

Todtglüsingen. Diese Umlaute, zum Verzweifeln. „Gruin“, sagt Mazen Al Abbasi, als er auf die Ampel schaut. „Nee, grün“, entgegnet Eike Holtzhauer, Zweiter Vorsitzender vom Todtglüsinger SV. „Grrruuiin.“ „Grün“. So geht es hin und her. Selbst als Holtzhauer am Steuer sitzt und den Syrer zur Containerunterkunft bringt, ist er ganz bei seinem Schützling und nutzt jede Minute, um an dessen deutsche Sprache zu feilen.

Mazen Al Abbasi ist aus seinem Heimatland Syrien geflüchtet. Seit zwei Monaten lebt der 44-jährige in Deutschland. Vor vier Wochen kam er nach Tostedt. Er ist einer von 50 Asylbewerbern, die in Containeranlagen am Elsterbogen und am Helferichheim untergebracht sind. Und er ist einer der wenigen, der bereits arbeitet. Dank des Todtglüsinger Sportvereins.

Nachdem klar war, dass Tostedt auf lange Sicht 116 Asylbewerber aufnehmen wird, musste der Todtglüsinger SV nicht lange überlegen, was zu tun ist. Mit einem konkreten Aktionsplan trat er an den Landkreis heran. Zum einen bot der Verein an, dass die Flüchtlinge in dem Verein mit mehr als 70 Sparten Sport treiben können. Und, was für die Flüchtlinge noch viel wichtiger ist: Der Sportverein erklärte sich bereit, sie zu beschäftigen.

Der Syrer Mazen Al Abbasi und Youssouf Kone von der Elfenbeinküste sind die ersten, die für den Sportverein arbeiten. Vorrangig pflegen sie die Sportanlagen. Sie schaufeln Sand, reißen Unkraut raus, mähen Rasen. In den vergangenen Tagen waren sie vor allem auf den Tennisplätzen tätig. „Sie sind sehr fleißig, Ganz toll machen sie es“, sagt Holtzhauer.

Zurzeit legen sie das Grün am Vereinshaus der Fußball Spiel Vereinigung Tostedt neu an, entfernen das Gestrüpp und Baumstumpfe. Für ihre Arbeit bekommen sie 1,05 Euro pro Stunde. Mazen Al Abbasi verspricht sich von seinem Engagement, irgendwann seine Frau und zwei Kinder nach Deutschland holen zu können.

Zwei weitere Syrer haben auch einen Vertrag zur gemeinnützigen Arbeit unterschrieben. Gestern hatten auch sie ihren ersten Arbeitstag. Von 50 Asylbewerbern gehen also vier Flüchtlinge einer Beschäftigung nach. Eine überschaubare Zahl. Doch weitaus mehr sind willig zu arbeiten. „Etwa die Hälfte der Flüchtlinge hat das schon signalisiert“, sagt der Sozialarbeiter Thomas Qualmann, Heimleiter der Asylbewerberunterkunft am Elsterbogen.

Doch so einfach ist das nicht. Qualmann hat zwar Angebote von verschiedenen Unternehmen bekommen. Der Knackpunkt aber ist: Die Tätigkeiten müssen gemeinnütziger Art sein. Der Todtglüsinger Sportverein bietet sich da an, da er viele eigene Gebäude hat, in denen die Vereinsmitglieder Sport treiben.

Allein auf dem Gelände in Todtglüsingen sind etwa die Abteilungen Judo, Jazz-Dance, Ju-Jutsu, Tanz, Gymnastik und Reiki untergebracht. Zudem müssen acht Fußballplätze, zwei Hundesportplätze, fünf Tennisplätze, eine Bogensportanlage und das Areal des Baggersees in Schuss gehalten werden. Alle Flächen zusammengezählt umfassen sie 33 Hektar. „Da muss ständig gebaut und repariert werden“, sagt Holtzhauer.

In dem Sportverein gibt es eine lange Tradition, Integrationsarbeit zu leisten. „Früher hieß es nur nicht so“, sagt Holtzhauer. Seit acht Jahren arbeitet der Verein mit dem Amtsgericht und der Samtgemeinde zusammen. Straffällig gewordene Jugendliche leisten ihren Freizeitarrest auf den Anlagen des Vereins mit gemeinnütziger Arbeit ab.

Als Ausgleich dürfen sie die Sportanlagen nutzen. Die Jugendarbeit machte deutschlandweit Schule. Erst jüngst erhielt der TSV dafür den „Stern des Sports“ in Silber auf Bundesebene, und Eike Holtzhauer wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Dahinter steckt eine zähe Arbeit. Es kommt vor, dass die Jugendlichen nicht auftauchen. Dazu die Bürokratie. Ganze Aktenordner füllen die Anträge und Behördenschreiben im Büro von Holtzhauer. Warum tut er sich das an? Der Zweite Vorsitzende spricht von Problemen in Tostedt, die in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen hätten. Das hatte ihn beschäftigt.

Seine Reaktion: „Wir müssen uns mehr kümmern.“ Der Tostedter ist nicht ein Mensch, der etwas halbherzig anpackt. Er weiß, dass man sich auf die Migranten einlassen muss. „Man muss Verständnis aufbringen für die unterschiedlichen Kulturen, Probleme und Sichtweisen. Im günstigen Fall entwickelt man eine Zuneigung“, sagt er.

Um den gesamten Verein für eine erfolgreiche Integrationsarbeit aufzustellen, bildete der Sportverein insgesamt 44 spezielle Integrationslotsen aus. Das hat sich gelohnt. Etwa 1.800 neue Mitglieder hat der Todtglüsinger Sportverein dadurch gewonnen. Und das ist auch eine Antwort auf die Frage, warum sich Holtzhauer so für die Integration aufreibt. Und: „Ein Verein tut gut daran, der Gemeinde etwas zurückzugeben“, so Holtzhauer.

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