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Ganz Harburg im WM-Fieber

Wie Fußballfans am Montag das Spiel Deutschland gegen Algerien feiern und mit der Anstoßzeit um 22 Uhr umgehen

Harburg. Mit Beginn der sogenannten K.o.-Spiele bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien und dem ersten Alles-oder-Nichts-Spiel der DFB-Elf gegen Algerien am kommenden Montag steigt das WM-Fieber: 600 Jungen und Mädchen der Schule In der Alten Forst in Eißendorf tanzen Montagmittag für den Sieg. Das Gesundheitszentrum des Mercedes-Werks in Bostelbek öffnet extra länger bis zum Schlusspfiff um Mitternacht oder später, normalerweise ist um 21.30 Uhr Schluss. Und Gemüsehändler Otto Jürgens gönnt sich höchstens vier Stunden Schlaf, bis die „Schicht“ auf dem Harburger Wochenmarkt beginnt.

Erstmals bei dieser Weltmeisterschaft spielt die deutsche Mannschaft am Montag erst um 22 Uhr. Die späte Anstoßzeit trifft die jüngsten Fans am härtesten. Viele Kinder werden vor Abpfiff ins Bett müssen - auch, weil sie am nächsten Tag zur Schule müssen.

In Hamburg ist die Rechtslage unerbittlich: Ein späterer Unterrichtsbeginn nach späten Spielen der Deutschen bei der Weltmeisterschaft sei nicht möglich, heißt es aus der Schulbehörde.

Keine andere Schule in Hamburg dürfte die Fußball-Weltmeisterschaft mehr zelebrieren als die Schule In der Alten Forst in Eißendorf. 600 Jungen und Mädchen, vom Kindergarten bis zur 4. Klasse, tanzen an den Spieltagen der deutschen Mannschaft gemeinsam auf dem Schulhof den selbst kreierten WM-Tanz.

Schulleiter Andreas Wiedemann sucht dem Kompromiss zwischen Schulgesetz und WM-Euphorie der Kinder. Er stellt den Eltern frei, ihre Kinder nach dem Spiel gegen Algerien ein wenig später erst zur zweiten Stunde um 8.45 Uhr zur Schule zu bringen. Diese Regelung sei auch nach Laternenumzügen an der Schule üblich, sagt er. Die Erfahrung habe aber gezeigt, dass die Schüler doch schon zur ersten Stunde kämen.

An den Grundschulen im niedersächsischen Landkreis Harburg beginnt der Unterricht eine halbe Stunde später als in Hamburg um 8.30 Uhr. Mehr Zeit zum Ausschlafen gewährt die Grundschule Jesteburg auch nach späten Spielen der deutschen Mannschaft nicht. Die Schüler haben ihre eigenen WM bereits gespielt. Überraschungssieger ist Italien.

Die späte Anstoßzeit wird auch für den Gemüsehändler und Landwirt Otto Jürgens zum Kraftakt. Ihm bleiben höchstens vier Stunden Schlaf, wenn er am nächsten Morgen 4.30 Uhr seinen Verkaufsstand auf dem Harburger Wochenmarkt aufbauen muss. Das Spiel der Deutschen wird er trotzdem live gucken: „Ich bin fußballbekloppt“, sagt der frühere Trainer des TSV Elstorf. Und ohne das Ergebnis zu wissen, könnte er ohnehin nicht einschlafen.

Thomas Hauschild, Chef des Restaurants Zum Dorfkrug in Neu Wulmstorf und Erfinder der Sylter Salatfrische, kann der späten Anstoßzeit sogar etwas Gutes abgewinnen: „So schaffe ich es, rechtzeitig zu Hause zu sein.“

Wie gehen die Menschen im Hamburger Süden das Spätspiel der deutschen Mannschaft am Montag an? Modeschöpferin Ramona Bellmann schaut mit etwa 30 Freunden und Bekannten in einem Schuppen ihres Heimatdorfes Ramelsloh. Bei jedem deutschen Tor gibt es ein Gläschen Kokoslikör, sagt sie. Entweder bleibt der Vater bei dem vier Monate alten Sohn Leonhard zu Hause oder der Kleine schläft im Kinderwagen.

Im „Rudel“ schaut auch Andrea Schrag, die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises: Für die Diplom-Sozialarbeiterin geht es am Montagabend ins „WM-Studio“ bei Freunden im Garten. „Dort kommen schon mal 30 Fans zusammen“, sagt der bekennende Fan vom FC St. Pauli. Schrag ist beim Viertelfinale an der Reihe für das Studio. Ihr Mann passt auf den drei Jahre alten Sohn auf. Gewinnt Deutschland, darf ihr Mann dann zum Viertelfinale.

Cartoonist und Comiczeichner Ulf Harten aus Wilhelmsburg sieht sich das Spiel lieber allein an. Das ist wohl auch besser so: Der Fußballfan spielt nebenbei „Gitarre, billiges Keyboard und Bongos“, um die Spannung abzubauen.

Gelassener zeigt sich Beate Pohlmann aus Hausbruch. Die Krankenschwester hat die richtige Therapie gegen das WM-Fieber: „Füße hoch und was Nettes zu trinken, und dann mal sehen, ob die deutsche Mannschaft jetzt mal mehr Fahrt aufnimmt“, bewahrt die 1. Vorsitzende des Freibadfördervereins Neugraben kühlen Kopf. Auch Andreas Dibowski, Olympiasieger im Vielseitigkeitsreiten aus Döhle, zelebriert die Fußball-WM in den eigenen vier Wänden. Sohn Marvin ist Fußballfan und wird sich das Spiel am Montag mit ansehen. „Der Termin ist bei uns dick angestrichen“, sagt Dibowski. Das Zeugnis des Zehnjährigen steht schon fest, deshalb darf er länger aufbleiben.

Die Wasserski- und Wakeboardanlage am Neuländer See schließt am Montagabend nicht wie gewohnt zum Sonnenuntergang. Betreiber Siegfried Weckler bewirtet die Gäste zum Public Viewing bis zum Schlusspfiff. Er denkt darüber nach, an diesem Tag das nordafrikanische Gericht Couscous auf die Speisekarte zu nehmen.