Harburg
Wilstorf

Stadtplaner haben ihr Ziel verfehlt

Der Platz unter der Autobahnüberführung über die Winsener Straße sollte einmal zum gemütlichen Verweilen einladen, doch er wird gemieden

Wilstorf. Die Sonne gleißt, der Verkehr dröhnt, aber hier ist davon wenig zu spüren: Unter der Autobahnüberführung in Wilstorf herrscht Schatten und der Verkehrslärm ist noch als gedämmtes Brummen wahrzunehmen. Hier gibt es Sitzgelegenheiten, der Platz ist gepflastert, eine Wand aus Granitmonolithen schirmt auch den Lärm der Winsener Straße ab, gegenüber der Wand ist die Engelbek noch einmal zu einem kleinen Teich aufgestaut, bevor sie unterirdisch in Richtung Seevekanal weiterfließt.

Auf dem Pflaster findet man ein buntes Muster: Das gedeckte Gelb von Kippenfiltern wechselt sich mit den Aufmerksamkeit heischenden Farben von gut drei Dutzend Zigarettenschachteln ab. Hier und da wehen farbenfrohe Plastiktüten umher und verfangen sich an leeren Schnapsflaschen. Ein leicht fauliger Geruch liegt in der Luft. Er könnte mit der Unterhose und dem undefinierbaren anderen Kleidungsstück zusammenhängen, die zwischen den Granitstelen verrotten, aber so genau will man das nicht untersuchen. Ein paar zerzauste Blässhuhnküken entsteigen dem algigen Gewässer, suchen etwas Essbares, finden nichts und kehren zurück zu ihrem Schwimmslalom zwischen umhertreibenden Tüten und halb versunkenen Einkaufswagen. Auch die Frühschicht der Bierbuddelbrigade brät lieber in der prallen Sonne, als im miefigen Schatten zu trinken. Die Bänke sind, wenn überhaupt noch vorhanden, auch wenig einladend.

Da tut sich etwas auf dem Platz: Ein Mitarbeiter der Stadtreinigung taucht auf, in der einen Hand eine große Mülltüte, in er anderen Hand eine Sammelzange. Flink huscht er über den Platz, sammelt dabei drei Zigarettenschachteln ein und verschwindet. Kommt auch nicht wieder. Bevor man ihn ansprechen kann, steigt er in der Ferne zu seinen Kollegen in den Kleinlaster.

„Das ist jedesmal so", sagen die Bierboys. „Die wollen zum Bäcker, Pause machen. Die kennen hier jede Kaffeeklappe.“

Die Biertrinker stört das nicht weiter, außer, dass sie ungern unter der Brücke sitzen. Einer, den das stört, ist allerdings Joachim Bode. Er ist Vorstand des Eisenbahnbauvereins Harburg. Seine Genossenschaft hat nicht nur generell zahlreiche Wohnungen in Wilstorf, sondern in direkter Nachbarschaft des Schmuddelplatzes eine Wohnanlage für Senioren, die Engelbekhöfe. Der schön geplante Fußweg zu den Engelbekhöfen führt über den Platz, und an dem kleinen Teich vorbei durchs Grüne.

„Viele unserer älteren Mieter nehmen mittlerweile lieber einen Umweg entlang der lauten Winsener Straße in Kauf, als hier über den Platz zu gehen“, sagt Bode.

„Einmal im Jahr beteiligen sich sehr viele unserer Genossenschaftsmitgleider an der Aktion Hamburg räumt auf“, fährt Bode fort. „Dabei nehmen wir uns unter anderem auch diese Ecke vor. Danach sieht es immer erst mal gut aus Aber nach ein paar Wochen ist wieder alles schmutzig.“

Das ärgert Bode: „Eine Stadt kann sich doch nicht darauf verlassen, dass die ordentliche Mehrheit der Bürger immer selbst aufräumt was einige Schmutzfinken hinterlassen. Zu irgend etwas haben wir doch eine Stadtreinigung. Sonst könnten wir sie ja auch einfach nur Müllabfuhr nennen!“, sagt er.

Die Hamburger Stadtreinigung gibt an, den Platz regelmäßig zu säubern. „Die Fläche ist im Hamburger Wegereinigungsverzeichnis enthalten und wird von uns dementsprechend betreut.“, sagt Stadtreinigungs-Pressesprecher Reinhard Fiedler. Die Kennzahl des Platzes im Wegereinigungsverzeichnis ist 001. Das bedeutet: Einmal pro Woche soll sich jemand um die Reinigung kümmern. Es gibt in Hamburg zahlreiche öffentliche Plätze mit höheren Kennzahlen. „Wenn jemandem eine besondere Verschmutzung auffällt, kann er sich an unsere Müll-Hotline wenden“, sagt Fiedler.

Joachim Bode kennt die Müll-Hotline: „Unsere Mieter beschweren sich bei mir, dass nichts passiert, wenn sie dort anrufen“, sagt er. Bode greift dann selbst zum Hörer. Allerdings ruft er nicht die Hotline an, sondern kommuniziert auf Führungsebene. Das funktioniert. „Aber bürgerfreundlich ist das nicht“, sagt Bode.

Nun ist die Stadtreinigung nicht als einzige für das Areal unter der Autobahn zuständig. Das Gewässer, die Wege, die Grünanlagen und die Bänke sind Angelegenheit des Bezirksamtes. Allerdings ist von dort auch wenig Abhilfe zu erwarten. „Unsere Wegewarte gehen dort regelmäßig entlang und beseitigen Gefährdungen“, sagt Bettina Maak, Pressesprecherin des Bezirksamts. Was mit den Einkaufswagen im Teich ist, oder wer eventuell wann neue Bänke bestellt, kann allerdings auch sie nicht beantworten.

Die Blässhuhnküken sind wieder da. Unschlüssig steigen sie aus der trüben Brühe und gucken, ob es an Land nicht vielleicht doch schöner ist. Oben brummt der Verkehr. Auf dem Platz ist es schattig. Ein buntes Muster zeigt sich auf dem Pflaster. Es riecht leicht faulig aus der Ecke mit der Unterhose. Einer Taube klebt ein Fetzen Kaugummipapier am Schnabel. Die Blässhühner drehen wieder um. Vor zwei Minuten war die Stadtreinigung da.