Harburg
Adolphsens Einsichten

Achtsame Beziehungen – die neue Lust am Reparieren

Vor einer Woche hat Evelien Nissen ein Café in Sprötze eröffnet.

Wäre es ein normales Café, müsste ich das gar nicht erwähnen. Aber ihr neues Café ist ein besonderes. Es ist ein Repair-Café. Die Kirchengemeinde war von ihrem Plan angetan und hat ihre Räume zur Verfügung gestellt.

Zehn Reparateure waren da, um Lampen und Bremsen von Fahrrädern in Ordnung zu bringen. Um „Klamotten“, wie sie sagt, wieder auf Vordermann zu bringen, Socken zu stopfen, die Elektrik von Kaffeemaschinen und anderen Haushaltsgeräten wieder funktionsfähig zu machen. Die Hälfte der 43 Reparaturanfragen wurde erledigt. Bei einigen Geräten fehlten Ersatzteile, die die Besucher leicht besorgen können. Was nicht mehr repariert werden konnte, machte die Eigentümer nicht traurig. Es gab ja Kaffee und Kuchen, Klönschnack und Kommunikation. Der Ortsbürgermeister war begeistert über die Veranstaltung. Wie alle Sprötzer. Das Dorf hat keine Kneipe. Es herrschte eine tolle Atmosphäre. Ältere und jüngere bastelten gemeinsam, das Dorf wuchs spürbar zusammen.

Evelien Nissen hat ihr Café nicht erfunden. Die Idee hatte eine Frau in Holland. Sie berät engagierte Menschen bei der Gründung neuer Cafés. Es gibt sie in Köln, Duisburg und Berlin. Beim zweiten Treffen in Hamburg-Sasel wurden die dortigen Frauen förmlich überrannt. 380 Besucher kamen, auch Evelien Nissen. In Heimfeld hat das Ehepaar Schumacher zusammen mit der SPD zum zweiten Mal ein Repair Café veranstaltet. Auch in Bergedorf lief es prächtig. Repair Cafès schließen wie Pilze aus dem Boden. Die Wirtschaft folgt dem neuen Trend. Ein Schuhmachermeister hat lange Wartezeiten. Reparaturen sind nicht billig. Gute Schuhe wirft man nicht weg. Firmen bieten Hilfe für teure Handys, deren Display zersplittert ist oder deren Akku sich ‚festgefressen‘ hat. Gut 300 ramponierte Smartphones bringen sie täglich wieder in Schwung. Die Industrie bringt in immer kürzeren Abständen neue Fernseher, Handys und Autos auf den Markt.

Das wollen zunehmend Menschen nicht mehr mitmachen. Sie wehren sich gegen eine Gesellschaft, die immer mehr zu einer Überfluss- und Wegwerfgesellschaft wird und Berge von Elektroschrott, Kleidung und und anderem Abfall wachsen lässt. Sie sagen: Es gibt sie noch, die guten alten Dinge, aber man muss sie nicht kaufen. Sie ärgern sich, wenn die Industrie bewusst Verschleißteile in Geräte und Autos einbaut, um den Absatz zu steigern. Sie hören nicht mehr darauf, dass das Neue das Beste ist. Sie wollen umdenken. Und dazu anstiften, schonender mit Rohstoffen und den natürlichen Ressourcen umzugehen. Das ist gut für die Umwelt. Ich sage lieber Mitwelt. In diesem Wort steckt die persönliche achtsame Beziehung zu den Dingen, die wir zum Leben (und Überleben!) brauchen.

Ich kann mich für die Lust am Reparieren begeistern. Ich habe gottlob keine zwei ‚linken Hände‘. Als Jugendlicher habe ich aus drei Schrotträdern mein erstes Fahrrad gemacht. Bei sechs Kindern war das Geld knapp. Wie war ich stolz!

Später habe ich alte Möbel, Erbstücke der Großeltern, aufgearbeitet, Schränke aus Weichholz abgebeizt, gewachst und fehlende Teile ersetzt. Die haben unsere Kinder noch heute in ihrem Haus. Meine Frau hat aus Freude am Schneidern Kleider genäht. Sie kürzt die durchgescheuerten Manschetten meiner Hemden. Nicht, weil wir sparen müssen, sondern weil ich die Hemden doppelt so lange tragen kann. Oder sie näht sich aus einem aufgetragenen Hemd eine Bluse. Wir sind stolz darauf, dass wir die Sessel aus dem Jugendzimmer meiner Frau neu gepolstert und bezogen haben. Sie stehen immer noch in unserem Wohnzimmer. Es gibt sie noch, die guten alten Dinge! Reparieren und Heimwerkern macht Freude. Man sieht, was man mit eigenen Händen, Phantasie und Geduld geschafft hat.

So sehen das auch Evelien Nissen und all die anderen, die Repair Cafés gegründet haben und nutzen. Die freiwilligen Reparateure erfahren Wertschätzung, Rentner finden eine sinnvolle Aufgabe. Die Sprötzer wollen wie alle anderen Reparaturbegeisterten Handwerkern keine Arbeit wegnehmen. Sie wollen vielmehr dazu beitragen, dass wieder eine Reparaturkultur wächst. Wenn mehr repariert wird, hilft das auch den kleineren Betrieben im Dorf oder im Stadtteil.

Die haben dann mehr Aufträge. Ein kluger Mann hat darauf hingewiesen, dass Reparieren ein Grundprinzip der Natur ist. Es sollte auch wieder ein Grundprinzip für unseren Umgang mit allen Dingen werden, die wir im täglichen Leben verwenden.

Helge Adolphsens ist emiritierter Hauptpastor des Hamburger Michel. Seine Kolumne erscheint im Zwei-Wochen-Rhythmus sonnabends in der Abendblatt-Regionalausgabe Harburg&Umland