Harburg
Winsen

Günel Rasulova – ein großes Talent

Zwölfjährige aus Stelle erhielt den Förderpreis der Rotarier. Sie spielt erst seit drei Jahren Geige

Winsen. Sie spielt, als hätte sie es schon immer getan: Mit Leichtigkeit gleitet der Bogen über die Saiten, auch die komplizierten Kadenzen bereiten ihr keine Schwierigkeiten. Günel Rasulova und ihre Geige scheinen eins zu sein. Ihr Gesichtsausdruck ist konzentriert, aber nicht ernst, sie spielt souverän und doch voller Gefühl. Wie ein Profi eben – doch Günel Rasulova ist erst zwölf Jahre alt, und erst seit drei Jahren lernt sie das Geigespielen in der Musikschule Winsen. „Ich hätte auch früher, am liebsten gleich mit sechs Jahren, angefangen, aber es war kein Unterrichtsplatz frei. Ich musste zweieinhalb Jahre warten“, erzählt sie.

Ihre Geduld, ihre Spielfreude und ihr Talent werden nun belohnt. Gestern hat sie den Jugendförderpreis des Rotary-Clubs Winsen, dotiert mit 3000 Euro, erhalten. Mit dem Preis würdigt der Club außergewöhnliche Leistungen junger Menschen aus der Region in den Bereichen Kunst, Wissenschaft und Soziales. „Die Rotarier sind an mich herangetreten, ob es jemanden gibt, der eine besondere Begabung hat. Wir hatten uns zuvor kennengelernt, als der Club uns 20.000 Euro für die Anschaffung eines Flügels gespendet hat. Bei der Einweihung des Flügels hat Günel auch gespielt“, berichtet die Leiterin der Musikschule, Christiane Dräger-Meier. So hat die Zwölfjährige schon ein bisschen Auftrittsroutine, beim Ensemblewettbewerb der Musikschulen hat sie ebenfalls einen ersten Platz belegt. „Da gab’s 20 Euro“, sagt sie stolz. Auch in der Winsener Stadthalle und im Marstall ist das Mädchen aus Stelle schon aufgetreten. „Wir erhalten regelmäßig Anfragen von Veranstaltern nach Schülern für kleine Einlagen“, sagt Dräger-Meier. Bei der Preisverleihung hat sie natürlich auch selbst gespielt: den ersten Satz aus dem Violinkonzert Nr. 1 von Anatoli Komarowski. Ihre Eltern durften bei der Generalprobe nicht zuhören: „Das soll eine Überraschung für sie werden“, sagt sie selbstbewusst.

Dass es die Geige sein sollte, war für Günel schon früh klar: „Meine Mutter hat immer gern Konzerte im Fernsehen angeschaut. Ich bin dann immer in die Küche gegangen, hab mir die Teigrolle geholt und darauf ,gespielt’“, berichtet sie. Zum Glück waren ihre Eltern sehr offen für das musikalische Talent ihrer Kinder – auch Günels zwei Jahre älterer Bruder Yusif musiziert, er spielt Klavier. Die Eltern sind vor 16 Jahren aus Aserbaidschan eingewandert, sie hätten gern selbst ein Instrument erlernt – doch es kam nicht dazu.

Zwar erhält Günel in der Musikschule bei ihrer Lehrerin Katharina Kowalski eine klassische Ausbildung. Festgelegt auf diese Musikrichtung ist sie jedoch nicht. „Ich spiele auch gern Jazz oder was poppiges“, sagt sie. Ihr Bruder sucht im Internet nach Stücken, die sie beide gut zusammen spielen können. So verwundert es nicht, dass Günels Vorbild eher David Garrett ist, der für seine genreübergreifende Musik bekannt ist, als Klassik-Star Anne-Sophie Mutter.

Günel spielt auch mit im Streichorchester der Musikschule, das den Namen „Fiedel.io“ trägt. Sie besucht das Gymnasium Roydorf, das allerdings den Schwerpunkt auf Bläsermusik setzt. Nichtsdestoweniger können ihre Freunde auch ihr Violinspiel einschätzen. „Sie finden, dass ich gut spiele“, sagt das Mädchen und wirkt dabei ganz bescheiden.

Für sie steht heute schon fest, dass sie Berufsmusikerin werden möchte. Mit dem Preis der Rotarier wird dafür ein wichtiger Baustein gelegt: „Günel braucht dringend ein neues Instrument. Die 3/4-Geige, die sie heute spielt, wird ihr bald zu klein sein“, sagt Christiane Dräger-Meier. Die Musikschule will Günel gern so lange es geht unterstützen. „Wir haben ein Förderprogramm, das heißt, sie bekommt mehr Unterrichtszeit bewilligt“, sagt Dräger-Meier. Dies hänge aber wiederum von der Förderung ab, die die Musikschule selbst erhält.

Obwohl Günel mindestens eine Stunde täglich übt, bleibt ihr neben der Schule noch Zeit für weitere Hobbys. Zum Beispiel Malen oder Schwimmen. „Besonders gern mag ich Trampolinspringen“, erklärt sie. Ein besonderes Talent zu haben, hält sie noch längst nicht davon ab, eine ganz normale Zwölfjährige zu sein.