Harburg
Adolphsens Einsichten

Jahrhunderte alte Glockenklänge

Als Konfirmand hatte ich einen besonderen Sonntagsdienst.

Unser Konfirmator teilte uns Konfirmanden jeweils zu zweit ein zum Glockenläuten. Das ging damals noch nicht elektrisch. Ich musste mit aller Kraft am Glockenstrang ziehen, bis der erste Ton erklang. Dann aber sofort einen gleichmäßigen Rhythmus finden. Sonst gab es nur ein schreckliches Gebimmel. Gar nicht so einfach für einen Vierzehnjährigen!

Seitdem faszinieren mich Kirchenglocken. Wie viele Menschen. Und das seit Jahrtausenden. Seit fünfzig Jahren beginnt der Deutschlandfunk den Neujahrstag mit Glockengeläut aus aller Welt. Dabei auch die größte Glocke Deutschlands. Sie hängt im Kölner Dom und ist 24 Tonnen schwer, „dicker Pitter“ genannt. Die monumentalste Glocke der Welt gibt es in Myanmar. Weil sie 90 Tonnen wiegt, steht sie auf der Erde und bleibt stumm.

Kirchenglocken erklingen nach einer festgelegten Läuteordnung. Ihre vornehmlichste Aufgabe ist es, zum Gottesdienst zu rufen. Also auch zu Tauf-, Trau- und Beerdigungsgottesdiensten. Zu Letzteren wird nur mit einer Glocke, der „Totenglocke“, geläutet. So auch am Karfreitag. Wird in Gottesdiensten zum Vaterunser eingeladen, ertönt die dafür bestimmte Glocke.

Am ersten Tag der Deutschen Einheit 1990 rief Bundeskanzler Kohl dazu auf, mit allen Kirchenglocken in Deutschland zu läuten. Manche meiner Kollegen sagten: „Was kann der uns schon befehlen?“ Sie ließen die Glocken schweigen. Mich störte das. Denn früher war es üblich, zu besonderen regionalen und nationalen Ereignissen, fröhlichen und traurigen, zu läuten. Bei der Sturmflut 1962 ist der Pastor in Finkenwerder in die Kirche geeilt, um vor dem Hochwasser zu warnen. Daran erinnern sich Finkenwerder noch heute dankbar.

Vor einigen Tagen fragte mich ein jüngerer Mann auf dem Rathausmarkt in Harburg: „Warum läuten am Alltag die Kirchenglocken um 12.00 Uhr?“ Das Läuten am Alltag morgens, mittags und abends geht zurück auf die Stundengebete der Mönche. Zu diesen Zeiten laden die Glocken ein zum Gebet und zum Innehalten. Mittags wurde daraus das Geläut der „Fressglocke“, die die Arbeiter auf den Feldern und Höfen des Dorfes zum Essen aufforderte. In Moorburg wird morgens um 7 Uhr und abends um 17 Uhr geläutet. In der katholischen Kirche in Finkenwerder um 19 Uhr.

Zur Jahrtausendwende erhielt der Michel eine große Spende, zweckbestimmt für eine neue Glocke. Der Spender hatte gelesen, dass 1917 alle sechs Glocken vom Glockenboden geholt wurden. Wie so oft in Kriegszeiten sollten Glocken zu Kanonen werden. Einer meiner Vorgänger hielt eine bewegende Predigt mit dem Titel „Glockenabschied“. Neben der Trauer über den schmerzlichen Verlust erklangen aber auch Sätze wie „Aus Friedensglocken werden Kriegsfanfaren. Gott will, dass feuerspeiende Schlünde aus tiefen Glocken werden. Sie werden in stiller Dankbarkeit auf dem Altar des Vaterlandes geopfert.“ Solche Äußerungen machen uns heute sprach- und fassungslos!

Unsere „Jahrtausendglocke“ wurde in Heilbronn gegossen. Jede Glocke trägt den Namen des Gießers, hat einen eigenen Namen und eine Zier mit einem biblischen Vers. Mit einer ganzen Busladung von Gemeindegliedern fuhren wir zum Glockenguss. Der findet immer nur freitags um 15 Uhr statt, zum Gedenken an die Sterbestunde Jesu. Ein eindrucksvolles Erlebnis! Der Glockengießer in der siebenten Generation der Gießerei sagte wie alle seine Vorfahren den Spruch: „In Gottes Namen lasst’s rinnen, stoßt den Zapfen aus, Gott bewahr das Haus.“ Dann floss die 1.100 Grad heiße Glockenspeise durch Kanäle in die Form, die in der Erde lag. Am Tag danach rief mich der Inhaber einer Spedition aus Nienburg an. Sein Vater habe den Auftrag von den Nazis erhalten, Glocken von Kirchen abzuholen und zum Glockenfriedhof im Hafen zu bringen. Das habe er nicht übers Herz gebracht und die Glocken auf dem Lagerplatz seiner Firma versteckt. Ein lebensgefährliches Risiko! Zum Gedenken an die Tat seines Vaters wolle er unsere mit Girlanden geschmückte Jahrtausendglocke umsonst auf einem offenen LKW durch Deutschland nach Hamburg bringen.

Manche Anwohner von Kirchen sind nicht so begeistert von Glocken wie dieser Spediteur. Ein Mann hat in Stuttgart gegen die Beschallung durch Kirchenglocken wegen Wertminderung seines Hauses und wegen Störung der Nachtruhe bei Gericht geklagt. Der Richter wies die Klage ab. Das Glockengeläut sei eine allen „zumutbare Äußerung kirchlichen Lebens“.

Für mich haben Glocken eine Botschaft. Alexander Solschenitzyn beschreibt sie so: „Das Abendläuten… mahnte, die unbedeutenden, irdischen Dinge abzulegen, Zeit und Gedanken der Ewigkeit zu widmen. Dieses Läuten bewahrte die Menschen davor, zu vierbeinigen Kreaturen zu werden.“