Harburg
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Energiewende im hit-Technopark

Ein Blockheizkraftwerk sorgt für Strom und Wärme in den Räumen, sparsam und effizient

Harburg. Von oben, durch die frischen Büroräume, in denen eine Mitarbeiterin der ersten Zimmerpflanze einen sonnigen Platz am Fenster reserviert hat, müssen wir tief hinabsteigen. Im Keller, ein kleiner, enger Raum, vollgestopft mit modernster Technik. Dunkel ist es hier nicht. Im Gegenteil. Denn das hier ist das kraftvolle Herzstück des stolzen Bürokomplexes mit der Nummer 19 im hit-Technopark auf dem Gelände des früheren Tempowerkes in Harburg. Von hier aus werden die mehr als 2000 Quadratmeter Büro- und Laborflächen mit der notwendigen Energie versorgt, mit Wärme und mit Strom für all die Computer und Lampen.

Aber wir stehen hier unten im Mittelpunkt von dem, was seit Monaten die politische Diskussion aufwühlt und uns fast täglich aus den Nachrichten entgegen hallt. Das hier ist die Basis der Energiewende in Deutschland. Der effizientere, sparsamere Gebrauch und dazu eine neue, zukunftsweisende Erzeugung von Wärme und elektrischer Energie – hier wird sie in diesen Tagen Wirklichkeit.

Christoph Birkel, der junge Geschäftsführer des Technoparks, steht neben zwei geradezu bescheiden kleinen Blechquadern in weiß und rot. Von denen führen Schläuche wie metallene Lebensadern in ein Rohrsystem nach oben. „Das hier“, sagt der Mann im blauen Pullover und klopft mit der flachen Hand auf einen der Kästen, „ist Teil unsere Zukunft. Mit solchen Blockheizkraftwerken und der gesamten energiesparenden Technologie, die wir in unserem Neubau installiert haben, können wir die Energiewende meistern. Das ist doch die ganz große Chance für unser Land. Damit schaffen wir neue Arbeitsplätze. Ich bin auch überzeugt“, fährt der 41-jährige Vater von zwei Kindern fort, „wenn wir Deutschen mit unserer großen Ingenieurkunst konsequent diesen Weg gehen, werden andere Länder folgen. Was die Deutschen schaffen, heißt es dann, können wir auch.“

Was die Ingenieurkunst für den effektiveren und damit umweltschonenden Einsatz unserer Energien betrifft, so ist die Innovation im Haus Nummer 19 im Wesentlichen die kluge Verknüpfung längst bewährter Erfindungen.

Das Kernstück eines Blockheiz-Kraftwerks ist ein Ottomotor, millionenfach bewährt in unseren Autos. Zum besseren Verständnis für uns technische Laien muss man daran erinnern, dass die Motoren in unseren Statussymbolen im Grunde ja auch nur Öfen sind, in denen Benzin oder Gas verbrannt werden. Wie bei jeder Verbrennung entsteht auch im Ottomotor vor allem Wärme. Von jedem Liter Benzin, den wir tanken, werden rund 70 Prozent als Wärme vergeudet. Der Rest nur lässt uns über die Straßen rollen. Mit der Drehenergie des speziellen, mit Gas betriebenen Ottomotors im Blockheißkraftwerk wird ein Drehstrom-Generator angetrieben. Der liefert Strom für das ganze Gebäude. Mit der Wärme aus dem Verbrennungsmotor aber wird das Wasser für die Heizung erhitzt. Das ist der entscheidende Spareffekt.

Der nächste ist die Heizungsanlage selbst. Die Heizkörper hängen hier an den Decken. Sie bestehen auch nicht wie üblich aus Rippen sondern sind glatte Metallflächen. Die umschließen die Heizschlangen, durch die das warme Wasser aus dem Keller strömt.

Beim Blick nach oben auf die dünnen Platten aber wehrt sich unser Schulwissen. Warme Luft steigt doch nach oben, haben wir es gelernt?

„Aber hier wird nicht die Luft erwärmt“, entgegnet Thies Schomann, Senior Consultant der Firma Netzwerk Management, die die Sparanlage plante, mit einem wissenden Lächeln. „Von oben kommt wohlige Wärmestrahlung, ähnlich wie bei einem Kachelofen“.

Für Väter, die jetzt ihren Kindern den Unterschied erklären wollen, bieten wir dieses, zugegeben stark vereinfachte Beispiel an. Stellen Sie eine Tasse mit heißem Tee oder Kaffee auf den Tisch. Hält man die Hand darüber, wird sie heiß, eben weil die Luft sich erwärmt und nach oben steigt. Hält man die Hand aber seitlich der Tasse, spürt man auch Wärme, aber lange nicht so stark. Das eben sind Wärmestrahlen, die auf unsere Hand treffen. Zirkulierende Luft spielt keine Rolle dabei.

Die moderne Heizungsanlage macht es übrigens für Mitarbeiter an den Schreibtischen schwieriger, kühlen Kopf zu bewahren. Da die Häupter der Menschen der Wärmestrahlung von der Decke näher sind, bekommt der Kopf auch die meiste Hitze ab. Wenn wiederum an heißen Tagen die Sonne trotz der automatischen Jalousien vor den Fenstern, für Schwüle in den Büros sorgt, komm Kühlung von oben. Dem Wasser in den Leitungen wird dann in einer Anlage im Keller Wärme entzogen. Das ist sozusagen das umgekehrte Kühlschrank-Prinzip.

Wer, wie Christoph Birkel, der Spross aus der einstigen Buxtehuder Nudeldynastie, noch mehr Energie sparen will, darf natürlich die Leuchten nicht vergessen. An den Decken gibt es in dem supermodernen Bau schon mal keine. „Wir verwenden nur Stehfluter, die das Licht an die Decke und auf den Arbeitsplatz lenken“, erläutert Thies Schomann, der Sparkommissar für moderne Energieanlagen. „Und sparsame LED-Leuchten, übrigens in allen 16 Gebäuden des Technoparks“.

Wer Strom sparen will, darf natürlich auch das Ausschalten nicht vergessen. Die Erkenntnis ist nicht neu, nur etwas aus der Mode gekommen. Wenn in den 60er Jahren ein Redakteur beim Bauerverlag bis in die Dunkelheit über einem Artikel saß, öffnete sich gelegentlich die Tür einen Spalt und es kam eine Hand und schaltete das Licht aus. Der alte Herr Bauer, Besitzer eines der größten deutschen Zeitschriften-Verlages, machte seine Runde.

Heute könnte der alte Herr mit einem Laptop oder einem Ipad von Zuhause aus das Licht oder auch die Computer aus schalten.

Die Klimaerwärmung, die dringend geforderte Verringerung des CO2-Ausstoßes, unsere bedrückende Abhängigkeit von russischem Gas, all das schürt bei Christoph Birkel nicht wirklich Ängste. „Gemeinsam können wir das packen“, sagt der Chef des hit-Technoparks in Harburg. „Ich bin da optimistisch. Entscheidend ist aber, all diese Innovationen müssen sich am Ende auch rechnen.“

Tun sie das?

„Für die Antwort ist es noch zu früh“, sagt der Geschäftsführer. „Noch wissen wir nicht, wie viel Energie der Neubau mit der sparenden Dämmtechnik wirklich benötigt. Frühestens in einem Jahr ziehen wir Bilanz. Aber ich bin zuversichtlich. Und wenn die Zahlen uns dann Freude machen, werden wir in den kommenden Jahren alle Gebäude auf Blockheißkraftwerke umrüsten.“

Die Energiewende – auf dem Gelände des ehemaligen Tempowerkes ist sie auf den Weg gebracht.