Harburg

Eine andere Kultur im eigenen Haus

Über Austausche, wie das parlamentarische Patenschaftsprogramm, lernen US-Schüler Deutschland kennen. Metin Hakverdi sucht Gastfamilien

Eißendorf. „Wenn ich mich mit meinen Mitschülern unterhielt, stellte Ich fest: Wir kannten alle nur Indianapolis“, sagt Olivia Harshbarger. Das hat sich geändert. Olivia sitzt jetzt an einem Esstisch in Eißendorf und erzählt von ihren Erfahrungen als Austauschschülerin.

Mit der 16-Jährigen am Tisch sitzen Gastmutter Caroline Spintzyk und Gastbruder Olaf Schmelzer. Gastvater Wolfram und Gastschwester Louise Schmelzer sind gerade nicht da. Dafür ist ein waschechter Bundestagsabgeordneter anwesend: Metin Hakverdi (SPD). Der ist nicht zufällig hier: Olivia ist Teilnehmerin des Parlamentarischen Partnerschaftsprogramms, über das Abgeordnete des US-Kongresses und des Bundestages je einen Schüler pro Wahlkreis in das jeweils andere Land schicken können.

Hakverdi möchte für das Programm werben. An Austauschkandidaten mangelt es nicht, aber Gastfamilien werden stets gesucht. „Ich würde mich freuen, wenn sich in unserem Wahlkreis viele Familien für die Aufnahme eines Austauschschülers begeistern würden“, sagt der Abgeordnete. „Ein Jahr mit einem Jugendlichen aus einem anderen Land zu verbringen, ist eine ganz besondere Erfahrung, die das Familienleben bereichert und gleichzeitig interkulturelle Verständigung stärkt.“

Metin Hakverdi war selbst als Austauschschüler in den USA. „Meine Gastfamilie und ich waren sehr unterschiedlich, aber gerade das hat dazu geführt, dass beide Seiten viel gelernt haben“, sagt er. Hakverdi war als Schüler in Los Angeles. Als Jurastudent ging er noch mal in die USA, daher kennt er Olivias Heimatstadt, denn er studierte nicht weit entfernt, in Bloomington, Indiana.

Das Programm geht über alle Parteigrenzen hinweg. Congresswoman Susan W. Brooks, die Olivias Wahlkreisabgeordnete ist, ist zum Beispiel Republikanerin. Als SPD-Politiker ist Hakverdi eher für die Demokratische Partei.

In Eißendorf fühlt Olivia sich wohl: „Ich bin hier aufgenommen worden wie ein Familienmitglied. Das ist schön“, sagt sie. Gastmutter Caroline Spintzyk ergänzt: „Es war am Anfang schon etwas ungewöhnlich, plötzlich ein Kind mehr zu haben, aber daran gewöhnt man sich sehr schnell“, sagt sie. „Und es bereichert das Familienleben.“

Gastgeberfamilien müssen ihren jungen Gästen keinen besonderen Luxus bieten, betont Metin Hakverdi. „Schließlich geht es darum, den normalen Alltag im Gastgeberland kennenzulernen.“

Olivia wollte als Austauschschülerin nach Deutschland, um das Geburtsland ihrer Großeltern kennenzulernen und ihr Deutsch zu verbessern – wobei es aus schulischer Sicht wohl kaum etwas zu verbessern gab: Im Februar letzten Jahres legte sie die beste Deutschprüfung ihres Jahrgangs im ganzen Bundesstaat Indiana ab. Der sprachliche Einfluss der Großeltern hatte wohl geholfen. Mittlerweile hat Olivia auch Dresden besucht, wo ihre Oma aufgewachsen ist. Weitere Reisen führten sie nach Dänemark, Frankreich und England, außerdem ist sie auch in Deutschland schon viel herumgekommen, sei es mit der Gastfamilie, mit Freunden, oder mit dem Schulorchester. Olivia ist Posaunistin. Deshalb hat sie sich in Harburg das Friedrich-Ebert-Gymnasium ausgesucht. Dort ist sie im Musikzweig eingeschrieben.

Wenn Olivia nach Indianapolis zurückkehrt, hat sie noch zwei Jahre an der Lawrence North High School vor sich. Denen sieht sie jetzt gelassener entgegen als vorher: „Ich bin hier in Deutschland viel selbstständiger und unabhängiger geworden“, sagt sie. Metin Hakverdi kann diesen Aspekt des Austausches nur bestätigen: „Ganz abgesehen davon, dass das 17. Lebensjahr wohl das prägendste ist, bringen einen die neuen Erfahrungen dazu, ganz viel über sich selbst zu lernen“, sagt er. „Ich musste mich ohne Ansprechpartner an einer High School mit 2700 Schülern zurechtfinden, in einem fremden Land mit einer fremden Sprache. Das lässt einen schnell reifen.“

Olivia wird eine Menge neuer Eindrücke mit in ihre Heimatstadt nehmen. „Hier in Deutschland ist vieles anders“, sagt sie. „Die Leute denken analytischer und alles ist schnell und effizient.“ Soweit decken sich ihre Erkenntnisse über Deutschland mit den Klischees, die nicht nur in den USA über Deutsche gedacht werden. Nur, das Vorurteil, dass Deutsche keinen Humor haben, will sie nicht bestätigen. „Wir lachen hier viel zusammen und haben Spaß“, sagt sie. „Meine Gastfamilie ist total nett!“