Harburg
Adolphsens Einsichten

Unser tägliches Brot – ein Kulturerbe

Ich öffne die Tür zur Backstube. Es riecht nach Brot, angenehm und sympathisch. Ich mag diesen Geruch. Auch bei uns zu Hause.

Meine Frau backt seit über vierzig Jahren unser tägliches Brot. Vollkornbrot mit Sauerteig, Weißbrot. Nicht weil wir sparen müssten. Es schmeckt uns einfach. Beim Backen duftet es im ganzen Haus. Nie stört es uns. Brät meine Frau Steaks, stinkt es nachhaltig.

Es ist Sonnabend. In der Backstube meines Freundes Peter Becker in Eißendorf stehen Bäckerinnen und Bäcker an Tischen, rollen Teig aus, formen ihn mit ihren Händen zu verschieden großen Broten und Brötchen. Andere schieben sie in die Öfen.

Ich bin verabredet. Will mehr vom alten Handwerk wissen.. Peter ist mit Leib und Seele Bäcker. Er hat als Kind und Jugendlicher im elterlichen Betrieb den Geruch von Brot eingeatmet hat, den Eltern geholfen und das Bäckerhandwerk gelernt.

Hat dann studiert, war in einem Konzern tätig und ist doch irgendwann wieder zum Bäcker geworden. In seiner Zeit als Präsident der Handwerkskammer hat er weiter in der Backstube gestanden. Ist nachts aufgestanden, es ist ihm bis heute nicht lästig geworden.

Für Peter ist Brot ein faszinierendes Lebensmittel. Eines, das sich seit fast sechstausend Jahren nicht verändert hat. Er hat viel nachgedacht über Brot. Es ist für ihn mehr als Mittel zum Sattwerden. Dieses einfaches Grundnahrungsmittel, gebacken aus Mehl, Salz und Wasser: für ihn – wie für mich – ein Symbol. Es steht für Arbeit, Nahrung, tägliches Auskommen, ein Dach über dem Kopf, für Leben im Frieden. Er sagt: „Wo Brot war, gab es keine Kriege.“ Brot hat die Geschichte der Menschheit bestimmt. Auf seinen Reisen als Weltpräsident des Bäckerhandwerks von Russland bis Südamerika hat er entdeckt, dass Brot die Sesshaftigkeit der Menschen ermöglicht hat. Es hat zur Bewirtschaftung des Bodens und zur Landtechnik beigetragen.

Für alle war es ein verlässliches und preiswertes Lebensmittel. So wie für die Menschen in Asien Reis. Brot. Es ist ein Kulturgut. Um das deutsche Brot mit seiner Geschichte, Tradition, Qualität und Vielfalt zu erhalten, hat die Regierung in Berlin vor kurzem auf Anregung des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks den Beitritt zum immateriellen Unesco-Abkommen zur Erhaltung des Kulturerbes Brot beschlossen.

Für meinen Freund wie für mich ist klar, dass wir mit unserem Anspruchsdenken vergessen haben, was Brot eigentlich ist. Die vielen Brotsorten - es gibt bei uns dreitausend - haben das Brot auf das Niveau eines beliebigen Konsumguts sinken lassen. „Wir müssen die Menschen hungriger machen, damit wir traditionellen Bäcker überleben können“. Es gibt die harte Konkurrenz der Großbäckereien und einen Konzentrationsprozess. 2013 haben fünfhundert Bäckereien in Deutschland dicht gemacht. Bei vielen Kunden zählt nur der billige Preis, nicht die Qualität. Ein 1.250 Gramm gutes Vollkornbrot kostet 3,95 Euro. Zu teuer? Davon essen zwei Personen sechs Tage. Den Burger für 3,95 verzehrt man in wenigen Minuten.

Dies Billigbrot ist nicht Brot als Lebensgrundlage; es ist ein beliebiges Lebensmittel, nur für mich. In der Bitte des Vaterunsers heißt es aber: „Unser tägliches Brot gib uns heute“. So bitten wir darum, dass nicht nur ich, sondern auch andere, dass alle Menschen satt werden und nicht hungern müssen. Brot ist nicht nur Leben für mich, es ist immer auch „Brot für die Welt“. Darum heißt es eben nicht : „Mein tägliches Brot gib mir heute“. Peter Becker sagt: „Deshalb bin ich dagegen, dass mit Getreide auf dem Weltmarkt spekuliert wird. Denn das treibt die Preise für das tägliche Brot der Menschen in Afrika und anderen Regionen der Welt in die Höhe. Und die Menschen in den Hunger.“

Ich esse auch altes und hartes Brot. Ich kann kein Brot wegwerfen. Peter Becker sagt: „Es gibt kein hartes Brot. Kein Brot zu haben, ist hart.“ Brot ist Leben. Dazu diese kleine Geschichte:

‚Als der Autobusfahrer Gerard zufällig in seinen Pariser Brotladen kommt, sagt der alte Bäcker zu ihm: „Sie sehen bedrückt aus!“

„Ich habe Angst um meine kleine Tochter“, antwortete Gerard. „Sie ist gestern aus dem Fenster gefallen, vom zweiten Stock.“ „Wie alt?“ „Vier Jahre.“

Da nimmt der alte Bäcker ein Stück vom Brot, das auf dem Ladentisch liegt, bricht zwei Bissen ab und gibt das eine Stück dem Busfahrer.

„Essen Sie mit mir“, sagt der alte Bäcker, ich will an Sie und Ihre kleine Tochter denken.“

Zuerst ist Gerard erstaunt, dann essen beide zusammen ihr Brotstück und schweigen und denken an das Kind im Krankenhaus. Einer Frau, die hereinkommt und schnell noch Brot kaufen will, gibt der Bäcker ein Stück Weißbrot in die Hand und sagt: „Kommen Sie, essen Sie mit uns. Die Tochter dieses Herrn liegt schwerverletzt im Krankenhaus. Der Vater soll wissen, dass wir ihn nicht allein lassen.“

Helge Adolphsen ist emeritierter Hauptpastor des Hamburger Michel. Er lebt in Hausbruch.