Harburg

Reportagen zur besten Sendezeit

Der Schierhorner Film-Produzent Manfred Schulz dreht Serien für NDR und WDR. Jetzt reist er an die Ostseeküste

Es war dieses Seminar, das alles veränderte. Sechs Tage war Manfred Schulz am Chiemsee. Jahrelang hatte er bis dahin auf Video-Kassetten gedreht. Nur fragte ihn der Kursleiter, wo er in fünf bis zehn Jahren stehen wolle und riet ihm „mal nach den Sternen zu greifen.“ Schulz musste nicht lange nachdenken. „Freitags abends nach Hause kommen, mich um 20.15 Uhr vor den Fernseher setzen und dann einen Film von mir sehen“, sagt der 51-Jährige, der heute in Schierhorn wohnt. Das war für ihn damals so weit weg, dass er laut lachen musste. Heute lacht keiner mehr. Denn Schulz ist heute der einzige Profifilmer im Kreis, der abendfüllend eigene Serien für zwei Sender der ARD produziert. Einschließlich der Wiederholungen laufen seine Produktionen 30- bis 50-mal im Jahr.

Jetzt steht Schulz einige Kilometer von Schierhorn entfernt in Asendorf in seinem Studio. Eine schmale Nebenstraße führt von der Ortsdurchfahrt dorthin. Gleich nebenan wohnt sein Vater Jürgen A. Schulz, vom dem er 1998 dessen Firma Videosail übernahm und sie acht Jahre später zur Manfred Schulz TV&FilmProduktion umfirmierte. Neben dem Eingang des mit roten Klinkern verkleideten Hauses, das einst eine Filiale der heutigen Volksbank Lüneburger Heide war, hat Schulz eine Signallampe installiert.

Leuchtet sie rot, ist die Klingel stumm geschaltet, der Besucher muss warten. „Weil dann gerade Tonaufnahmen laufen“, erklärt er. Etwa mit Dagmar Berghoff, Wilhelm Wieben, zuletzt aber vor allem mit Volker Lechtenbrink.

Seine Stimme gehört zu den Zutaten, mit denen der Film-Produzent den Durchbruch in die erste Liga der Branche schaffte. „Wenn Lechtenbrink kommt, hat er die von meiner Partnerin Andrea Dorschner geschriebenen Texte so gut drauf, dass wir für die Aufnahme nur etwa die doppelte Filmlaufzeit brauchen“, sagt Schulz. Zum Vergleich: Zum Schneiden eines 90-Minuten-Films sind etwa sechs Wochen, für die Farbmischung vier Tage und zur Tonmischung noch 20 Stunden notwendig.

Als Sprecher wird der Schauspieler Volker Lechtenbrink engagiert

Feste Standbeine für die Produktionsfirma sind heute die Serien „Land im Gezeitenstrom“ für den NDR und „Tief im Westen“ für den WDR. Beide haben Schulz und Dorschner gemeinsam entwickelt, den Sendern angeboten, den Auftrag bekommen und die einzelnen Serienteile dann mit ihrem Team produziert. Zu ihm stoßen bei Bedarf freie Mitarbeiter, die die beiden Produzenten seit Jahren kennen.

Erst am 28. Februar hatte der Titel „Ostfriesland von der Jade bis zur Ems“ am Freitagabend um 20.15 Uhr im NDR hochgerechnet rund eine Million Zuschauer. Nach solchen Folgen steht in Asendorf für mehrere Tage das Telefon nicht still, weil Menschen aus dem TV-Publikum an weiteren Informationen über die Regionen interessiert sind oder einen Mitschnitt des jeweiligen Films kaufen wollen.

Die nächsten Termine sind der 21. April und der 1. Mai. Dann sendet der WDR die beiden neuesten Teile einer bislang 26teiligen Serie, zunächst über eine Reise mit dem Dampfboot vom Ruhrgebiet zur Nordsee, dann über eine Schlauchbootfahrt auf der Erft.

Erste Erfahrungen mit maritimen Themen sammelte Schulz schon zu seiner Videozeit ab 1981 mit Segelfilmen. Fürs Fernsehen spezialisiert sich das Duo weiter. Sie queren mit dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ den Atlantik oder spüren auf der Maas mit der niederländischen Wasserschutzpolizei Temposünder auf.

„Wir wollen in unseren Reisereportagen Geschichten mit Bildern erzählen. Beim Dreh muss die Kamera für die Menschen in den Hintergrund rücken. Es geht uns darum, dass sie sich dann so verhalten wie sie es gewöhnlich tun“, sagt Schulz.

Die Hintergrundmusik, die den Eindruck der aufgenommenen Landschaften verfestigen soll, stammt dabei meist auch vom Produzenten. Weil der Selfmademan, der in Friedberg bei Frankfurt zunächst Videotechnik lernte und später als kaufmännischer Assistent in der Branche in Hamburg arbeitete, selbst nicht singen kann, summt er den Komponisten die gewünschten Melodien am Telefon vor. Für eine Produktion erzielt die Firma Einkünfte in fünf- bis sechstelliger Höhe, die während der Arbeiten von den Sendern in Abschlagsraten gezahlt werden.

Das Wissen in der Branche verändert sich alle fünf Jahre grundlegend

Schulz kommt auf einen Jahresumsatz von 300.000 Euro und schreibt schwarze Zahlen. 110 Tage im Jahr ist er unterwegs, viel in Norddeutschland aber auch in Europa und für Reportagen weltweit. „Ich mag den Wechsel zwischen dem Leben aus dem Koffer und den langen Wochen, wenn wir im Winter zu Hause die Filme schneiden“, sagt er. Längst erhält er für seine Filme auch Zuschüsse von Nordmedia, der niedersächsischen Filmförderungsanstalt. Sie gelten in der Branche als Auszeichnung für die Qualität der Produktionen.

Die Frage, wo er von heute an in fünf bis zehn Jahren stehen will, beantwortet Schulz jetzt anders. Klar ist: Er wird auch künftig in sein Equipment investieren müssen, um die hohen Ansprüche der TV-Anstalten auch in Zukunft erfüllen zu können. Dazu gilt: Wer sich nicht weiterbildet, verliert. „Innerhalb von fünf Jahren verändert sich das gesamte Wissen in der Branche“, sagt der Film-Produzent aus Erfahrung.

Einen Sprung in die Kinobranche wird es nicht geben. Schulz liebt es, alles in der eigenen Hand zu behalten. „Ein Teil eines 20-Mann-Teams möchte ich nicht werden.“ In den kommenden Monaten stehen dagegen Dreharbeiten für drei 60-Minuten-Teile über die deutsche Ostseeküste von Flensburg bis Usedom an. Den Titel für die Filme hat der NDR noch nicht festgelegt. Den ersten Teil werden die Zuschauer aber zu Weihnachten einschalten können. Mit den Filmen wird die Serie über maritime Regionen auf insgesamt 13 Teile ausgeweitet. „Tja“, sagt Schulz, „damals hat der Wechsel zum Fernsehen mein Leben verändert. Mein Traum hat sich erfüllt. Von mir aus kann aber jetzt alles so bleiben, wie es ist.“