Harburg
Neugraben

Ehrung für Neugrabener KZ-Forscher

Vom Senat wurde Heiner Schultz mit der Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes ausgezeichnet. Am 15. April leitet er einen Rundgang

Neugraben. Geschehenes aus der Nazizeit unter den Teppich kehren und vergessen sind nicht seine Sache. Der 80 Jahre alte Karl-Heinz (Heiner) Schultz aus Neugraben, früher engagierter Politiker der SPD unter anderem im Ortsausschuss Süderelbe, hatte schon vor 30 Jahren angefangen, die bis dahin weitgehend unbekannte Geschichte des zum Konzentrationslager Neuengamme gehörenden Frauen-Außenlagers Neugraben sowie weiterer Lager im Hafengebiet zu erforschen.

1988 gründete er den Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und brachte zehn Jahre später zusammen mit Unterstützern und in Kooperation mit dem Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreis die „Initiative Gedenken in Harburg“ auf den Weg. Und Heiner Schultz war es auch, der zusammen mit dem Freundeskreis das 2001 von Senat und Bürgerschaft ins Leben gerufene Besuchsprogramm für ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gestaltete.

Für seine Verdienste wurde Schultz kürzlich von Hamburgs Zweiter Bürgermeisterin Dr. Dorothee Stapelfeldt mit der Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes in Silber ausgezeichnet. „Ich freue mich sehr über die Anerkennung meiner Arbeit“, sagt Schultz.

Am 15. April 1945 befreiten Engländer nach Bergen-Belsen gebrachte Frauen

Und wer den engagierten Neugrabener Geschichtsforscher selbst erleben möchte, hat dazu am Dienstag, 15. April, ab 17.30 Uhr, Gelegenheit. Treffpunkt: Bushaltestelle Neugrabener Heideweg (Bus 240 ab S-Bahn Neugraben in Richtung Waldfrieden). Der Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme lädt zu einem Abendspaziergang in die Vergangenheit ein. Geplant ist ein Rundgang über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers am Falkenbergsweg. Heiner Schultz wird über den Lageralltag und die Zwangsarbeit der gut 500 jüdischen Frauen in Neugraben und Umgebung berichten. Der Termin des Abendspaziergangs ist bewusst gewählt: Am 15. April 1945, vor 69 Jahren, waren die noch lebenden Frauen des Lagers Neugraben - es war eines von 86 Außenlagern des KZ Neuengamme - im Vernichtungslager Bergen-Belsen von englischen Truppen befreit worden. Schultz: „Wie viele Frauen in den letzten Tagen getötet wurden oder nach der Befreiung starben ist nicht bekannt.“ Im Anschluss an den Rundgang bietet sich noch die Gelegenheit, gemeinsam zu den Stolpersteinen, die zum Gedenken an die Opfer am Falkenbergsweg verlegt wurden, zu gehen.

Zu den letzten größeren Forschungsarbeiten von Heiner Schultz zählte die Recherche zur Zwangsarbeit in der früheren Feuerwerksfabrik von Carl Flemming. Die Feuerwerksfabrik befand sich zwischen der Bergheide und der Ringheide in Fischbek. Der Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme hatte im Rahmen des Besuchsprogramms für ehemalige Zwangsarbeiter Kontakt zu Misjun Natalija Dmitriewna. Sie musste von Mai 1942 bis April 1945 bei der Firma Flemming Leuchtmunition herstellen und war im Brückenbaulager am Falkenbergsweg untergebracht. Schultz fand im Staatsarchiv Hamburg bereits heraus, dass die Firma Flemming 100 weibliche und 20 männliche ausländische Arbeiter angefordert hatte. In einem Brief von 2004 hatte Misjun Natalija Dmitriewna geschrieben, dass sie im Mai 1942 mit Heu ausgelegten Viehwaggons nach Hamburg gebracht worden war. Mit ihr waren 32 weitere Mädchen im Alter von 15 und 16 Jahren aus Lettland. Drei Jahre lang gingen die Mädchen für alle sichtbar in ihrer Arbeitskleidung vom Lager zur Fabrik und zurück.

Dort mussten sie die Hülsen für Leuchtraketen mit Schießpulver füllen. Es sei eine sehr ungesunde Arbeit gewesen, hatte sich die Frau in ihrem Brief erinnert. Das Pulver sei auch eingeatmet worden und in die Kleidung eingedrungen. Heiner Schultz erinnert sich an ein Telefonat in den 1980er-Jahren mit der früheren Seniorchefin der Feuerwerksfabrik Flemming. Schultz: „Sie sagte damals, dass der Betrieb keine Zwangsarbeiter beschäftigt habe.“ Alle Untersuchungen hatten allerdings das Gegenteil bewiesen.