Harburg
Meckelfeld

Plädoyer für Menschen mit Macken

Die Theater AG des Gymnasiums Meckelfeld spielt die Komödie „Mein Freund Harvey“ und drückt dem Klassiker den eigenen Stempel auf

Meckelfeld. Wie geht unsere Gesellschaft mit Menschen um, die zwar einen kleinen Tick, aber einen wunderbaren Charakter haben? Die Toleranzfrage stellte die Autorin Mary Chase im Jahr 1943 und schrieb die Komödie „Mein Freund Harvey“. Die Geschichte um eine Freundschaft zu einem unsichtbaren, zwei Meter großen weißen Hasen lief in New York fünf Jahre am Broadway und wurde 1945 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Das zeitlose Plädoyer für das Anderssein führt jetzt die Theater AG des Gymnasiums Meckelfeld auf und fügt dem Komödien-Klassiker sogar noch einige Neuinterpretationen in Details hinzu.

Elwood P. Dowd (Simon Schmidt) ist ein liebenswürdiger Mensch, der niemandem etwas Böses will. Der Gentleman kümmert sich nicht um Standesdünkel und setzt in seiner Großzügigkeit Maßstäbe. Er lädt sogar den Taxifahrer, dem seine Schwester Veta (Laura Hillemann) nicht einmal Trinkgeld geben will, zum Abendessen ein. Am liebsten sitzt Elwood mit seinem Freund Harvey in Bars. Die Sache hat einen Haken: Harvey, mit dem der Lebemann offen plaudert, ist ein menschengroßer weißer Hase und bleibt unsichtbar. Um den Ruf der Familie besorgt, versucht Veta ihren Bruder in eine psychiatrische Klinik einweisen zu lassen. Doch der Geist in Tiergestalt wickelt den Psychiater um den Finger.

Theater-AG-Leiter und Regisseur Edwin Hagemann lässt in diesem Jahr seine persönliche Lieblingskomödie spielen. Ihn fasziniere die Frage, in wie weit eine Gesellschaft Visionen aushalte, die dem Alltag eine Poesie entgegensetzt. Hagemann sieht seine Aufgabe nicht darin, Schüler auf Normalität zu trimmen. „Das Nicht-Konventionelle zuzulassen, könnte Teil einer Pädagogik sein“, sagt der Lehrer.

Womöglich auch deshalb hat das Schauspiel am Gymnasium Meckelfeld Tradition. Angefangen hat alles im Dezember 1981 mit der Aufführung von Weihnachtsgeschichten. Seitdem leitet Edwin Hagemann die Theater AG. „Wir sind eine spielende Schule“, sagt er. 170 Jugendliche von den insgesamt rund 700 Schülern am Gymnasium Meckelfeld spielen Theater. 100 Schüler des zehnten Jahrgangs und 60 Schüler des elften Jahrgangs machen im Fach Darstellendes Spiel Bühnenerfahrung. Sie spielen in diesem Jahr „Hexenjagd“ von Arthur Miller, „In Love with Shakespeare“ von Marlena Skala und die Shakespeare-Adaption „Romeo und Jasmin“ von Markus Tiedemann. Diese Produktionen bilden das Ausbildungscamp für die Theater AG, das Ensemble der Abiturienten.

Es dürfte kaum eine dem Genre Komödie zugeneigte Bühne geben, die das hintergründige Stück „Mein Freund Harvey“ noch nicht aufgeführt hat. Bis noch in den Januar hinein plauderte Volker Lechtenbrink am Hamburger Ernst-Deutsch-Theater mit einem unsichtbaren Partner. Harvey eroberte auch die Kinoleinwand. Weltstar James Stewart hatte den weißen Riesenklopfer ebenso zum Freund wie Heinz Rühmann.

Im Forum des Gymnasiums Meckelfeld tritt Simon Schmidt in der Rolle des Elwood also in große Fußstampfen bei der besonderen Herausforderung, sich mit einem Unsichtbaren zu verbrüdern. „Ich spiele einen Dialog mit dem Nichts“, sagt der Schüler.

Edwin Hagemann und seinem blutjungen Emsemble gelingt das Kunststück, dem viel gespielten Klassiker einen eigenen Stempel aufzudrücken. Sie ziehen die Geschichte aus der Anonymität einer amerikanischen Kulisse mitten in die Lebenswelt ihres Publikums hinein. „Du könntest im Vorstand des TV Meckelfeld sitzen“, wirft Veta ihrem Bruder Elwood vor, wenn er doch endlich dem Puka, dem Geist in Gestalt eines Hasen, abschwören würde. Der unerwartete Satz mit Lokalkolorit, der Mary Chase nicht im Traum eingefallen wäre, provoziert Gelächter.

Existiert der Riesenhase nun wirklich? Ist er zumindest eine harmlose, und damit zu tolerierende Fantasie? Oder ist Harvey doch nur Ausdruck des Wahnsinns? Das Meckelfelder Ensemble bezieht in der Frage klar Position. Edwin Hagemann fügt seiner Lieblingskomödie eine eigens neu geschaffene Szene hinzu. Während Mary Chase die Figur Jo Lofgreen nur erwähnt, verhilft Hagemann dem Bruder des Taxifahrers zu einer Sprechrolle und literarischer Bedeutung.

Jo Lofgreen (Axel Dittmann) erzählt von seiner Begegnung mit einem gut Deutsch sprechenden Eisbären, der schwarz-weiß gemusterte Lederstiefel kauft. Leider habe er den Freund nie wieder gesehen, seitdem er in der Klinik mit einer Spitze behandelt worden sei. Hundert Prozent mehr Geist in Tiergestalt – wer zweifelt bei diesem poetischen Beweis noch daran, dass weiße Riesenhasen existieren?

„Mein Freund Harvey“, Theater AG des Gymnasiums Meckelfeld, Donnerstag, 20., und Freitag, 21. März, jeweils 19.30 Uhr, Gymnasium Meckelfeld (Forum), Appenstedter Weg 100, Eintritt: 3 Euro (Erwachsene), 2 Euro (Schüler)