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Lüneburg

Ein Zimmermann in Tansania

Tillman Kiehn aus Lüneburg lebte ein Jahr lang in einem afrikanischen Dorf und baute ein Ausbildungszentrum auf. Jetzt ist er wieder dort

Lüneburg. Der 31 Jahre alte Zimmerermeister Tillman Kiehn aus Lüneburg hat es gewagt. Im Jahr 2008 ging er nach Tansania. In dem Dorf Mhero, das in den Pare-Bergen liegt, half er dabei, ein Ausbildungszentrum aufzubauen.

Jetzt fährt Tillman Kiehn wieder nach Afrika. Gemeinsam mit seiner 30 Jahre alten Ehefrau Viola, einer Hebamme, und der vier Jahre alten Tochter Julina will der Weltenbummler drei Monate durch Tansania reisen. Unterwegs zu sein und in fremde Kulturen einzutauchen, das gefiel ihm schon immer. Nach dem Abitur in Ratzeburg zog Tillman Kiehn durch Mittelamerika. Dann kam die Lehre als Zimmerer im niedersächsischen Springe, anschließend gleich der Meisterlehrgang.

Wir treffen Tillman Kiehn in seiner Lüneburger Wohnung, kurz vor seiner erneuten Abreise nach Afrika. Über die Zeit nach 2008 sagt er: „Nach einem Jahr Freiheit wieder in einen in einen im Minutentakt geregelten deutschen Handwerker-Alltag zurückzukehren, war nicht einfach.“ Tillman Kiehn liebt die Abwechslung. Im Jahr 2009 ging er an die Lüneburger Leuphana-Universität. Dort machte er seinen Bachelor in Umweltwissenschaften und Politik, bestand mit Note 1,5. Dann war wieder Schluss mit Studieren, es war ihm einfach zu viel Stubenhockerei.

Auf die Frage, was ihn damals nach Tansania verschlagen hat, sagt der Zimmerermeister schlicht: „Es hat sich so ergeben.“ Der schlaksige Zweimeter-Mann mit dem Strubbelhaar hat am großen Holztisch in seinem Wohnzimmer Platz genommen, das schon fast leergeräumt ist. Auf dem Tisch steht eine Kanne Kaffee, gewürzt mit Kardamom.

Als Schüler lebte er mit den Eltern auf einem Resthof in Zarrentin. Aus den vielen Kontakten der Familie erwuchs der Draht zur Schweriner Landeskirche. Damit bot sich dem jungen Zimmerermeister die Gelegenheit, in eine Partnergemeinde nach Tansania zu gehen. Kurz zuvor hatten Tansanier vom Volk der Wapare mithilfe der Deutschen begonnen, in dem Dorf Mhero ein Ausbildungszentrum für Holzhandwerk aufzubauen.

Die junge Generation im Dorf zieht es in die Stadt. Bauern wollen sie nicht mehr sein. Doch was haben sie für Chancen ohne Ausbildung? Hätten die Männer Fachkenntnisse im Holzbau und Frauen welche im Schneidern, könnten sie mit ihrer Arbeit in der Stadt leichter Geld verdienen.

Als Tillman Kiehn 2008 ankommt, kann er nicht wie geplant loslegen. „Das Projekt war eingeschlafen, vorhandenes Geld für andere, wichtige Dinge ausgegeben“, erklärt er. Die beiden Lehrer im Dorf bestellen wieder ihre Felder. Häufig erhalten Familien Geld von Angehörigen, die irgendwo anders in der Welt arbeiten. Kiehn fällt kein Urteil darüber. „Die Menschen machen oft unter den gegebenen Umständen das Beste, was sie können“, sagt er.

Die Dorfgemeinschaft baut Gemüse an, in erster Linie, um sich damit selbst zu versorgen. Der Rest wird auf dem Markt in der Stadt Gwanga verkauft oder geht an Großhändler in Dar-es-Salaam. Während der Regenzeit schaffen es selbst Geländewagen mit Allradantrieb nicht, aus den Bergen in die Stadt zu gelangen. Wie alle Tansanier wandert der junge Deutsche dann zu Fuß stundenlang die matschigen Ziegenpfade hinunter.

Kiehn lässt sich nicht entmutigen. Er nimmt sich Zeit, das Projekt neu zu organisieren. Er spricht mit dem Evangelisten, einem Hilfspastor, den Gemeindemitgliedern, den Lehrern. Von der Straßeninstandhaltung bis zum Ziegel-Brennen – fast alles wird über die Kirche organisiert.

Allein ist er selten. Mit einigen Dorfbewohnern kann er sich auf Englisch unterhalten. Schnell lernt er Kiswahili. Kein Problem, denn er ist sprachbegabt, spricht außerdem noch Französisch und Spanisch. Nicht, dass Tillman Kiehn damit hausieren ginge. Das erfährt man erst auf Nachfrage.

Mit dem Direktor der Grundschule führt er abendfüllende philosophische Gespräche. Das Wort für Fremder auf Kiswahili ist gleichbedeutend mit dem für Gast. Alle Frauen im Dorf, die älter sind als er, sind „Mamas“, alle jungen Männer und Frauen seine Brüder und Schwestern. „Für die Kinder war es kurios, zum ersten Mal einen Weißen zu sehen“, berichtet er.

Als Tillman Kiehns Zeit in Afrika endet, unterrichten wieder Lehrer in dem Dorf

Direkt neben dem Ausbildungszentrum, aus deutscher Sicht ein bescheidener Bau, wohnt Tillman. Er genießt den gehobenen Standard: zwei Räume, kein Stampflehm-, sondern Betonfußboden. Als Ehefrau Viola ihn einmal besucht, ist ihr Koffer hauptsächlich mit fehlenden Dingen für Tillman gepackt: Wasserfilter, Digitalkamera, Lakritz, Schokolade, Schwarzbrot, Trockenfrüchte, Nudeln und ... Käse!

In der Lüneburger Wohnung im Schützenplatz-Viertel fällt der Blick auf Bücherreihen in einem dunklen Schrank, dem die Türen fehlen. Farbenfrohe Batikstoff-Bilder mit afrikanischen Motiven zieren die Wände. „Wir singen viel, machen Musik mit Freunden“, sagt Kiehn vergnügt.

Am Ende seiner Zeit in Mhero unterrichten wieder Lehrer im Ausbildungszentrum, nähen junge Frauen Röcke und schreinern junge Männer Stühle. Manchmal bekommt Oma einen neuen Hocker, manchmal kommt Geld durch Auftragsarbeiten herein.

Bis heute hält Tillman Kiehn Kontakt nach Mhero. Jetzt er mit seiner Familie dort zu Besuch – bei „Mamas“, Brüdern und Schwestern.