Harburg
Buchholz

Buchholz ist nicht rollstuhlgerecht

Bei einer Testfahrt durch die Innenstadt wurden zahlreiche Mängel an Straßen und Wegen deutlich

Buchholz. Breite Straße, Adolfstraße, Poststraße, Caspers Hoff und Peets Hoff. Auf den Straßen der Buchholzer Innenstadt herrschte am Sonnabend geschäftiges Treiben. Es war Markt. Taschen wurden gefüllt mit den Einkäufen für das Wochenende. Aber der vergangene Sonnabend fiel gegenüber der sonst üblichen Wochenendgeschäftigkeit ein wenig aus dem Rahmen.

Eine Gruppe Rollstuhlfahrer hatte sich diesmal auf die Straßen der Innenstadt begeben, um zu testen, ob das Straßen- und Wegenetz tatsächlich so behindertengerecht ausgebaut ist wie es auf den ersten Blick anzunehmen wäre. Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Der schöne Schein trügt. Rollstuhlfahrer kommen auf den Straßen und Wegen der Buchholzer Innenstadt schlechter voran als gedacht.

Als sich die Gruppe der Rollstuhlfahrer kurz vor 10 Uhr auf dem Parkplatz hinter dem Rathaus zu ihrer Testfahrt getroffen hatte, war schon das erste Übel offenkundig: Irgendjemand hatte auf dem Parkplatz zwei leere Bierflaschen fallen und die spitzen Glasscherben einfach liegen gelassen. Ein Rollstuhl mit herkömmlicher Luftbereifung könnte sich daran leicht die Reifen aufschlitzen. Aber um diese Art der Mängel ging es den Rollifahrern bei ihrem Test nicht. Sie hatten es auf die baulichen Mängel im örtlichen Straßen- und Wegenetz abgesehen.

Peter Weh, ehemaliges Mitglied im Behindertenbeirat des Landkreises Harburg und in Buchholz der Hauptansprechpartner für Menschen mit Handicap, sagt, er habe sich mit dem Test-Thema an Ronald Bohn gewandt, der als Parteiloser zur Bürgermeisterwahl am 25. Mai antritt. Weh: „Ich wollte wissen, wie er zum Thema Menschen mit Behinderung steht, und er hat spontan seine Mitwirkung am Test zugesagt. Es ist erstaunlich, dass in Buchholz beim Integrierten Stadtentwicklungskonzept ISEK weder ein Seniorenbeauftragter noch eine Behinderteneinrichtung beteiligt war. Buchholz hat auch keinen Behindertenbeauftragten. Nun ist im Rat gerade das Thema Inklusionsbeauftragter abgekommen.“

Bohn: „Ich nehme an der Rolli-Testfahrt völlig unabhängig von meiner Bürgermeister-Kandidatur teil, weil ich es ganz einfach für wichtig halte, dass Menschen mit Handicap gefahrlos durch unsere Stadt fahren können. Zu berücksichtigen ist der demografische Wandel. Die Zahl der alten und damit häufig auch gehbehinderten Menschen wird weiter zunehmen. Deshalb wird in der Stadt weiter an Verbesserungen gearbeitet werden müssen.“ Für die Rolli-Testfahrt hatte die Rollstuhl-Basketballabteilung von Blau-Weiß Buchholz mehrere Rollstühle zur Verfügung gestellt.

Rolli-Fahrerin Erika Möller sagt, dass die kleinen Vorderräder der Rollstühle häufig sogar an den nur wenig erhabenen weißen Fahrbahnbelägen der Zebrastreifen anstoßen und sie oft Mühe hat, derartige geringe Hürden zu überwinden. Bei der Testfahrt blieb auch Dajana Matthies mit dem Rollstuhl in einem Spalt zwischen zwei Pflastersteinen stecken. Sie ist Auszubildende in der Heilerziehungspflege in Buchholz und war kürzlich mit einer Gruppe behinderter Kinder auf dem Weg zum Bahnhof. Vier Kinder mit Rollstuhl waren dabei. Die Fahrt mit der Bahn nach Hamburg musste abgeblasen werden, weil die Rollstuhlkinder wegen des defekten Bahnhoflifts beim Kabenhof nicht auf den Bahnstein kamen. Der Lift war zehn Tage lang außer Betrieb.

Horst Dekarz hat bei einem Autounfall ein Bein verloren, ist seit zehn Jahren auf den Rollstuhl angewiesen, spielt bei Blau-Weiß in der Basketballgruppe und sagt: „Das viele Kopfsteinpflaster in der Stadt mag zwar gut aussehen, es ist für Rollstuhlfahrer aber eine Katastrophe. Im Allgemeinen gilt allerdings: Je kleiner eine Gemeinde, um so schlechter steht es um den behindertengerechten Ausbau von Straßen, Wegen und Plätzen.“

Per Bahn und Rollstuhl war Hans Heinrich Riebesell von Schneverdingen zur Testfahrt nach Buchholz gekommen. Er sagt: „Es hapert am Zustand zahlreicher Straßenübergänge. Bordsteine sind häufig nicht weit genug abgesenkt. Ich stelle aber fest, dass Bahnschaffner und Busfahrer uns Rollstuhlfahrern in der Regel ohne zu Murren beim Ein- und Aussteigen helfen.“

Und Bürgermeisterkandidat Ronald Bohn erklärt abschließend, er wolle alle Eindrücke der Testfahrt schriftlich auswerten und die Ergebnisse anschließend an die Stadt weiter leiten. Und vorausgesetzt er gewinnt die Wahl, will er sich selbst für Verbesserungen beim behindertengerechten Ausbau der Stadt einsetzen.