Harburg
Tostedt

Jugend kämpft für mehr Toleranz

110 Hauptkonfirmanden aus Tostedt und Heidenau nehmen an einem gemeinsamen „Aktionstag gegen Rechts“ teil

Tostedt. 110 Hauptkonfirmanden aus Tostedt und Heidenau trafen sich am vergangenen Wochenende zu einem gemeinsamen Aktionstag gegen Rechtsradikalismus. Unter dem Motto „Gib dem Hass keine Chance – Neo-Nazis enttarnen“ informierten sie sich über die menschenverachtende Ideologie des Nationalsozialismus und lernten unterschwelliges, rechtes Gedankengut in Musik, Bildern und Parolen zu erkennen. Unterstützung gab es dabei von der Evangelischen Jugend der Nachbarschaft Tostedt, dem Forum für Zivilcourage (FFZ) und Projektleiter Maik Bischoff vom „Haus der kirchlichen Dienste“ in Hannover.

Als die Johanneskirchengemeinde vor einem Jahr den Beschluss fasste, das Thema „Rechtsradikalismus“ zum Hauptbestandteil des nächsten KU-8-Tages zu machen, war noch nicht abzusehen, welche aktuelle Brisanz in dieser Entscheidung steckte. Besser hätte der Zeitpunkt für den „Aktionstag gegen Rechts“ kaum sein können. Denn der Landkreis Harburg will ab April etwa 116 Asylbewerber in der Samtgemeinde Tostedt unterbringen. In zwei Wohncontainer-Anlagen im Kernort soll den Flüchtlingen dann ein menschenwürdiges Alltagsleben ermöglicht werden. Um ihnen die Integration vor Ort zu erleichtern, erarbeiten verschiedene Tostedter Vereine und Organisationen zurzeit konkrete Projekte und Konzepte. Und auch „Angehörige des rechten Spektrums“ wurden tätig: Sie störten kürzlich einer Informationsveranstaltung. Im Internet grassiert seither auch eine Petition, die dazu aufruft, sich gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in Tostedt zu wehren. „Durch die Ereignisse in den vergangenen Wochen hat unser Aktionstag einen sehr konkreten Bezug bekommen“, sagt Gerald Meier, Pastor der evangelischen Johanneskirchengemeinde in Tostedt.

In welch prekärer Situation sich viele Flüchtlinge befinden, machte der Workshops „Fluchtwege freihalten“ deutlich. Er stellte rechtliche, soziale und emotionale Probleme der Flüchtenden nach. „Wir erklären, dass es viele Barrieren gibt, die ein Flüchtling überwinden muss und Empathie und Solidarität bei den Jugendlichen wecken“, sagt Friedensarbeiter Maik Bischoff. Und das sei ein grundsätzlicher Ansatz, den das Projekt verfolgt: Jungen und Mädchen sollten nicht über die Vortragsebene, sondern über die Erlebnisebene für das Thema begeistert und so frühzeitig ins Boot geholt werden, betont Bischoff. „Was ich nicht erleben kann, das lass ich nicht an mich ran: Diese Erfahrung machen wir häufig“, so der 39-Jährige.

Aber sind 13-Jährige nicht noch zu jung, um die Tragweite des Themas vollständig zu erfassen? „Nein. Ich würde zwar gerne mit Älteren arbeiten und noch weiter in die Tiefe gehen, aber man darf ja nicht vergessen, dass rechte Kameradschaften ihre Mitglieder auf dem Schulhof rekrutieren. Die Kinder sind oft nicht älter als 12 Jahre“, betont Maik Bischoff. Auch die Rekrutierungs-Kampagne der NPD richte sich gezielt an die Jüngsten. Sie bieten den Kindern und Jugendlichen genau das, was sie in der Pubertät suchten: die Möglichkeit der Teilhabe. „Wenn wir also zu lange warten, überlassen wir anderen das Feld. Und die übernehmen dann die Bildungsarbeit. So gesehen sind die Konfirmanden jetzt genau im richtigen Alter“, sagte der Experte.

Dass Themen wie „Rechtsradikalismus“ und „Asyl“ den Teilnehmern nicht gänzlich unbekannt waren, machte auch das Feedback deutlich, das die Teilnehmer den Organisatoren gaben. Viele hatten sich bereits vorher, im Religionsunterricht oder in der Familie, informiert. Fast alle wussten, dass bald Flüchtlinge in Tostedt leben werden. Und einigen war ebenfalls bewusst, dass es in Tostedt Menschen gibt, die davon nicht viel halten. „Ich habe davon aus der Zeitung erfahren“, sagte ein Mädchen. „Und da hab ich gedacht: Wenn das man gut geht, mit den Rechtsradikalen hier vor Ort. Deshalb finde ich es auch toll, dass wir uns damit heute beschäftigen.“

Zum Programm gehörten neben den einzelnen Workshops auch Filmvorführungen und der Parcours „Spürnase rechts“. Diakonin Delia Nahwold produzierte außerdem mit zwei Mitarbeitern der evangelischen Jugend einen Kurzfilm mit den Titel „Mister Hitler 2.0 und Miss Fair Trade“. Die Jugendband sorgte in der Johanneskirche für Stimmung. Der Tag endete mit einer von den Organisatoren und Konfirmanden gestalteten Andacht. In dieser Form fand der Konfirmandentag übrigens zum ersten Mal statt. Doch alle Beteiligten waren so von den Inhalten und der Umsetzung begeistert, dass eine Wiederholung bereits angedacht ist.