Harburg

Mit 2 PS durchs Gehölz

Einmal im Jahr stampfen kaltblütige Pferdedamen aus dem Wendland durch Harburgs Parks. Sie bergen Holz, wo schwere Forsttechnik nicht durchkommt. Und stellen so alte Sichtachsen wieder her

Die Szenerie hat etwas Archaisches und zugleich Malerisches. Da zieht ein Pferd einen dicken Baumstamm vom Plateau „Ovale Kuppe“ im Harburger Stadtpark. Die Nüstern blasen weiße Schwaden in die kalte Luft dieses frostigen Morgens. Hin und wieder klingt das Rasseln der Ketten herüber. Der Mann, der das Tier begleitet, dirigiert das Gespann nur mit einigen wenigen Lauten. Ansonsten aber ist das Ganze ein fast geräuschloser Akt. In der Ruhe liegt die Kraft.

Einmal im Jahr ordert die Abteilung Stadtgrün des Bezirksamts Kay Stolzenberg, um in den Parks des Bezirks Holz rücken zu lassen. Diesmal geht es vor allem darum, das arg zugewucherte Plateau „Ovale Kuppe“ am nordwestlichen Ufer des Außenmühlenteichs von Sämlingen, Bruch- und Stangenholz zu befreien. Das könnte im Normalfall auch schwere Forsttechnik bewerkstelligen. „Doch dafür ist das Gelände nicht zugänglich“, sagt Felix Petersen, Harburgs Baumkontrolleur. „Außerdem wollen wir die alten Sichtachsen wieder herstellen, hinüber zu den benachbarten Dalienterrassen und hinunter zum Wasser. Dafür sind diese wendigen Gespanne einfach ideal.“

Statt Öl- und Kraftstoffresten bleiben nur Pferdeäpfel zurück

Seit 15 Jahren zieht Kay Stolzenberg von September bis Mai mit seinen Pferdedamen Polka, 11, und Liberté, 15, durch die Lande. Es sind französische Boulonnais-Kaltblüter und wie gemacht fürs Holzrücken. „Sie sind kräftig und doch wendig. Sie sind fleißig, willig und müssen nicht angetrieben werden. Und sie denken anscheinend sogar mit“, berichtet der 39-Jährige. Wenn er sich in eine bestimmte Richtung bewege, würden sich die Kaltblüter von allein mitdrehen. Außerdem genügten minimale Befehle, um sie zu dirigieren.

Die Arbeit mit diesen klugen, genügsamen Rückepferden hat in unwegsamen Revieren aber noch viel mehr Vorteile. „Ihr Einsatz ist in jeder Hinsicht sehr schonend für den Baumbestand“, erklärt Stolzenberg, während sich die 900 Kilo schwere Polka mit einer ganz eigenen Eleganz ihren Weg durchs Unterholz zum nächsten Hauptweg bahnt. Tatsächlich verursacht die Schimmelstute beim Abtransport der schweren Stämme keinerlei Schäden an anderen Bäumen.

Die Kaltblüter taugen aber nicht nur zum Bewegen des geschlagenen Holzes. „Sie helfen auch beim Roden“, so Stolzenberg. Zwischendurch würden sie immer wieder zum Ausreißen von dünnem Stangenholz eingesetzt. Die dickeren, von Baumkontrolleur Felix Petersen zuvor mit grüner Farbe markierten Stämme legt Stolzenbergs Kollege Frank Rösner mit der Motorsäge um.

Überdies hinterlassen die Tiere im Gegensatz zur Forsttechnik keine Öl- und Kraftstoffreste, höchstens ein paar dampfende und düngende Pferdeäpfel. Und die Kaltblüter verdichten den Waldboden nicht so wie die tonnenschweren Maschinen. „Deshalb haben Pferdegespanne in der modernen Forstwirtschaft noch immer ihren Platz, was irgendwie gut für alle und alles ist“, sagt Kay Stolzenberg.

Der Familienvater aus Güstritz im Wendland liebt seinen Job, auch wenn es so kalt ist wie in dieser Woche im Harburger Stadtpark. Gelernt hat er eigentlich Tischler. Doch schnell sei ihm klar geworden, dass er doch lieber unter freiem Himmel arbeite statt in einer Werkstatt. Also ließ er sich zum Forstwirt ausbilden und arbeitete lange für einen privaten Waldbesitzer, bevor er sich selbstständig machte. „Sich den ganzen Tag in freier Natur und an der frischen Luft bewegen zu können, genieße ich ebenso sehr, wie die Nähe zu meinen Tieren“, sagt Stolzenberg.

Als er Polka für die wohlverdiente Verschnaufpause zum Pferdetransporter zurück bringt, um nun Liberté das Rückegeschirr anzulegen, schaut er natürlich bei Schäferhund Timber vorbei. Der zottige Gefährte bewacht den Transporter mit dem gesamten Equipment, während Stolzenberg und seine beiden Kaltblüter bis zu 60 Festmeter Holz am Tag bergen. Natürlich wäre Timber viel lieber hautnah dabei und würde durchs Unterholz jagen. „Doch dagegen sprich die Anleinpflicht im Stadtpark“, weiß der Forstwirt.

Wenn Stolzenberg nicht für Revierförstereien und Bezirksämter im Einsatz ist, pflügt er mit seinen Kaltblütern die Felder von Gemüsebauern oder spannt die Pferde für Kutschfahrten aller Art ein. „Es ist wichtig, sie immer in Bewegung zu halten, damit sie gesund und fit bleiben“, sagt der Mann mit dem wettergegerbtem Gesicht.

Während die Wintersonne langsam hinter den Bäumen verschwindet, haben Kay Stolzenbergs Gespanne das Gestrüpp auf dem Plateau „Ovale Kuppe“ im Stadtpark Harburg ordentlich gelichtet. Felix Petersen, der Mann vom Bezirksamt jedenfalls ist zufrieden. Neben der Pflege des natürlichen Baumbestands gehe es in den Parkanlagen immer auch um landschaftsplanerische Aspekte: „Dafür lohnt so ein Engagement wie das der Kaltblüter aus dem Wendland alle mal.“