Harburg
Nenndorf

Ein Stück Werkskultur geht

Phoenix-Werkorchester musste Schlüssel abgeben. Neuanfang in Nenndorf

Nenndorf . Kurt Eberle hebt die Hände, atmet auf die Eins ein und sagt: „Zwo, drei vier...“ Auf die nächste Eins setzen 18 Musiker mit einem Big-Band-Klassiker ein: Billy Vaughns „Sail Along Silv'ry Moon“. Vor dem Orchester steht ein Schild mit einer in Harburg wohlbekannten Flügelraute. „Phoenix-Werksorchester“ steht auf dem Schild.

Das Schild steht zum letzten Mal vor dem Ensemble. Das Phoenix-Werksorchester ist bei der Phoenix rausgeflogen, wie die meisten der einst über 7000 Arbeiter auch, nur etwas später. Ende des letzten Jahres mussten die Musiker ihre Notenschränke im Hauptgebäude räumen.

Die Verwaltungskantine steht nicht mehr als Probenraum zur Verfügung. Die Continental AG, seit knapp 10 Jahren Eigentümerin des Werks, will das alte Verwaltungsgebäude verkaufen. Für Klaus vom Malleck ist das sein zweiter Rauswurf bei der Phoenix. Der organisatorische Leiter des Orchesters verlor schon seine Arbeit als Maschinenschlosser im Werk, blieb dem Orchester jedoch treu.

„Eines Tages richteten mir dann die Pförtner etwas aus, als ich den Schlüssel für den Proberaum holte: Ich sollte mich bei der Werksleitung melden. Dort teilte man mir dann mit, das wir den Raum nicht länger nutzen könnten“, sagt er.

Klaus vom Malleck war schon 1978 als Jugendlicher zur Phoenix gekommen, hatte dort gelernt und wurde übernommen. Als ein Kollege, der auch im Werksorchester spielte, mitbekam, dass der junge Klaus Trompete spielen kann, überredete er ihn, mit zu einer Probe zu kommen. Seitdem ist Klaus vom Malleck dabei. Das war 1985. Als echter Phoenixianer, also einer, der auch tatsächlich in der Gummifabrik arbeitet oder gearbeitet hat, ist er übrigens ein Exot im Orchester: Die meisten anderen Musiker kamen schon immer von außerhalb. Das Prinzip kennt man aus dem Fußball: Bayer 04-Profi Stefan Kießling hat bestimmt auch noch nie in dem großen Chemiewerk in Leverkusen gearbeitet.

Gegründet wurde das Orchester schon 1949. Die Phoenix-Werke veranstalteten ein Fest für die Kinder ihrer Mitarbeiter und wollten auch Musik dazu haben. Damals war das Werksensemble ein Salonorchester: Alle Streicher waren mindestens einfach besetzt und trugen die Melodie, Bläser komplettierten das Orchester höchstens. Ob Werksfeste, Jubilarehrungen oder Repräsentation der Phoenix nach außen: Das Werkorchester hatte stets gut zu tun, ging zeitweilig sogar auf Tourneen und gab in Harburg große Konzerte – einmal, in den 80er-Jahren, sogar mit Ilse Werner als Stammgast in der Friedrich-Ebert-Halle. Für diese Botschaftertätigkeit wurde das Orchester von der Werksbelegschaft geschätzt und unterstützt.

„Ich war ja im Schichtdienst“, erinnert sich Klaus vom Malleck, „aber die Proben haben beide Schichten betroffen. Mein Meister hat es mir jedoch immer ermöglicht, zur Probe zu gehen, solange ich die Stunde wieder aufholte.“

Die Wertschätzung für das Orchester schwand schnell, als 2004 die feindliche Übernahme der Phoenix durch die Continental AG vollzogen war. „Danach sind wir nur noch einmal auf einer Veranstaltung des Werks aufgetreten“, erinnert sich Klaus vom Malleck.

Anderweitige Auftritte hat die mittlerweile zur Bigband umbesetzte Kapelle genug: Gewerkschaften buchen das Phoenix-Orchester für Jubilarehrungen, man spielt zum Tanztee auf und ist auch in der einen oder anderen Kurkonzertmuschel gern gesehen. Nur als Teil einer Werkskultur wird das Orchester nicht mehr gesehen – welcher auch?

Wenn Continental überhaupt eine Phoenix-Werkskultur pflegt, dann nicht so, dass sie öffentlich wahrgenommen wird. So wie sich das Werk aus der Stadt zurückzieht – Tausende Arbeitsplätze wurden abgebaut, die innerstädtischen Werkshallen zum Einkaufszentrum und zum Ausstellungsraum für moderne Kunst umgewandelt, nun wird auch das Verwaltungsgebäude verkauft – so zieht sich die Phoenix auch aus der Kultur Harburgs zurück.

Diesen Prozess bekamen auch die Musiker zu spüren: „Wir sahen ja in den letzten Jahrzehnten, wie es im Werk immer ruhiger wurde und wie immer weniger Autos kamen“, sagt Klaus Peter Meissler, Trompeter, wie Klaus vom Malleck. Auch zur Probe zu kommen, wurde immer schwieriger. Die Verwaltungskantine war nach der Übernahme stets abgeschlossen, und am Verwaltungseingang saß kein Pförtner mehr. Klaus vom Malleck musste am Haupt-Werkstor an der Wilstorfer Straße einen Schlüssel vom Pförtner holen, damit durchs Werk und durch das leere Verwaltungsgebäude nach vorne zur Hannoverschen Straße, um seine Mitmusiker hereinzulassen.

„Man kann ja nicht einmal pro Woche über ein Dutzend Leute im laufenden Betrieb übers Werksgelände laufen lassen“, sagt er. Dass die Musiker bei den neuen Hausherren nicht wohl gelitten waren, merkten sie überall. Zunächst wurde ihnen der Zuschuss zum Notenetat gestrichen, dann wurde die Weihnachtsfeier für die Werksrentner abgeschafft, dann der Zugang zu den Fotokopierern verwehrt – wäre das Orchester ein Arbeitnehmer, man könnte hier eine eskalierende Mobbing-Strategie des Arbeitgebers vermuten. Im Oktober kam dann der finale Akt: Klaus vom Malleck musste die Schlüssel abgeben.

Ans Aufhören denken die Musiker jedoch nicht: Sie haben rasch einen neuen Übungsraum gefunden und proben nun im Jugendzentrum von Nenndorf. Aus Dankbarkeit gegenüber den Gastgebern wird sich das Orchester jedoch umbenennen: „Rosegarden“ ist der neue Name. Erste Entwürfe für ein neues Schild machen bei der Probe bereits die Runde. Die Werkskultur mag untergegangen sein, aber das Orchester spielt weiter.

Eine Inspiration für die Musiker ist dabei ihr Dirigent: Kurt Eberle ist 87 Jahre alt. „James Last ist jünger als ich“, sagt er. „aber ich mache hier weiter, so lange ich gesund bin.“ Trotz der langen Haltbarkeit seiner Mitglieder würde sich das Orchester über frisches Blut sehr freuen. Wer Interesse hat, erreicht Klaus vom Malleck unter der Telefonnummer 040/7 92 40 50.