Harburg
Buchholz

Das „Fass“ bleibt jetzt leer

Andrea Schulz hat vier Jahre lang ihr Geschäft im Buchholzer City-Center betrieben. Nun ist sie insolvent

Buchholz. Der Weinladen war ihr großer Traum und sollte ihren Lebensunterhalt bis zum Renteneintritt sichern. Doch heute steht Andrea Schulz vor einem Scherbenhaufen. Mehrere Zehntausend Euro Schulden, die Insolvenz läuft, und ihr Geschäft „vom Fass“ im Buchholzer City-Center ist geschlossen. Ein „riesiger Fehler“ sei es gewesen, überhaupt in das Center hineinzugehen, sagt die 57-Jährige im Rückblick. Der Anfang vom Ende war aus ihrer Sicht, als die Buchhandlung Heymann in die Ende 2012 eröffnete Buchholz-Galerie umzog und es im Untergeschoss, wo auch ihr Geschäft lag, schlagartig leerer wurde.

Andrea Schulz, die mit ihrem Mann Jörg zusammen den Weinladen betrieben hatte, konnte täglich mitverfolgen, wie immer weniger Leute in dem mehr als 25 Jahre alten City-Center flanieren gingen. Weitere Geschäfte verließen das Einkaufszentrum, und als dann auch noch der große Frequenzbringer Lidl im Mai 2013 seine Zelte abbrach, kam die Laufkundschaft im Untergeschoss quasi komplett zum Erliegen.

Die gebürtige Hamburgerin hoffte zwar noch, dass der neue Eigentümer, die Investmentfirma Cerberus Capital Management, die das Center Ende vergangenen Jahres von der insolventen Secur-Gruppe gekauft hatte, rasch für neue Mieter sorgen würde. Doch da war es für sie schon zu spät. Andrea Schulz musste Insolvenz anmelden, weil sie keine andere Möglichkeit mehr sah, ihre Schulden loszuwerden. „Vorher hatte ich versucht, vorzeitig aus dem Mietvertrag rauszukommen, doch das ging nicht“, sagt sie. Auch den Franchise-Vertrag mit „vom Fass“ konnte sie nicht ohne Weiteres kündigen.

Dabei hatte das Abenteuer Weinladen für die gelernte Kosmetikerin, die mit ihrem Mann lange im Filmgeschäft hinter den Kulissen tätig war, aussichtsreich begonnen. 2005 übernahm sie den „vom Fass“-Laden an der Poststraße, die Lage gefiel ihr, alles war gut, doch als nach einiger Zeit die Galerie-Baustelle direkt vor ihrer Nase entstand und die Finanzkrise 2008 die Welt erschütterte, tauchten erste Probleme auf. 2009 zog sie schließlich ins City-Center um, „weil es sehr zentral liegt und allein schon durch das Parkhaus viele Leute vorbekommen“. Der Mietvertrag, den sie abschloss, sollte über zehn Jahre laufen, jedoch bestand nach fünf Jahren die Möglichkeit, mit einem Vorlauf von einem Jahr zu kündigen.

Als schon kurz nach ihrem Einzug klar wurde, dass die Secur-Gruppe insolvent ist, machte sich Andrea Schulz Sorgen. „Uns wurde aber versichert, dass alles so weiterläuft.“ Sie vertraute darauf, doch die Realität hatte schon längst eine andere Sprache gesprochen. Immer wieder hatte die Weinhändlerin Schwierigkeiten gehabt, die Miete für den 85 Quadratmeter großen Laden zu zahlen. Ihr Plan deshalb: Einen kleineren Laden anmieten, vielleicht sogar in der Buchholz-Galerie. „50 Quadratmeter hätten uns gereicht.“ Doch auch dieser Plan zerschlug sich, der Umzug wäre zu teuer geworden. Am Ende blieb nur noch die Insolvenz, um aus allen Verpflichtungen herauszukommen.

Immer wieder muss Andrea Schulz mit den Tränen ringen, wenn sie ihre Geschichte erzählt. Sie arbeitet jetzt bei Budnikowsky an der Kasse und bedient manchmal genau die selben Kunden wie früher in ihrem Weinladen. Viele würden erstaunt fragen, was sie denn hier mache. „Für mich ist das ganz furchtbar, auch wenn mir nichts anderes übrig bleibt.“ Unheimlich gerne würde sie wieder in einem Wein- oder Feinkostgeschäft arbeiten. Ihr Mann hat größere Schwierigkeiten, eine neue Stelle zu finden. Er ist 53 Jahre alt und hat lange als Kameraassistent, Kameramann und im Kameraverleih gearbeitet – keine Branche, die allzu gefragt ist.

Wie die wenigen übriggebliebenen Mieter im Untergeschoss des City-Centers überleben können, ist Andrea Schulz noch immer ein Rätsel. Zu ihren jeweiligen Mietverträgen beispielsweise hat sie keine Informationen. „In unseren Verträgen stand, dass wir nicht darüber reden dürfen.“ Was sie hätte anders machen können, kann sie im Rückblick ebenfalls nicht sagen. „Ich denke nur, wir hätten nie ins City-Center gehen dürfen.“ Hilfe hätte sie dort nicht erfahren.

Und was sagt Centermanager Franz Jebavy dazu? Nur so viel: „Die Insolvenz hat nichts mit dem neuen und dem alten Eigentümer oder etwa dem Mietvertrag zu tun.“ Ganz im Gegenteil, er hätte alles getan, um Andrea Schulz zu helfen. „Wer gute Konzepte hat und um seinen Laden kämpft, besteht auch“, sagt er. Als Beispiele nennt er das Taschengeschäft vom Heede und den Textiler Hübner, die bis heute existieren.