Harburg
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Mein Tag mit Fatih Akin

Schülerreporter Tim Ole Schlüschen begleitete den Star-Regisseur bei seinem Besuch auf der Goethe-Schule. Im Abendblatt schreibt der Harburger über den berühmten Gast und die Idee, Film als Unterrichtsfach anzubieten

Harburg. Heiß erwartet und mit ein wenig Verspätung war er am vergangenem Donnerstag endlich da! Der Filmregisseur Fatih Akin besuchte die Deutschkurse des Vierten Semesters der Abituroberstufe unserer Goethe Schule Harburg. Was eigentlich als kleine Veranstaltung im Klassenverbund geplant war, erregte so viel Aufmerksamkeit im Jahrgang und im Lehrerkollegium, dass es am Ende nur wenige Schüler gab, die den Besuch des weltbekannten Regisseurs verpassten. Mit enthusiastischem Applaus empfangen, nahm der 40-Jährige Platz und stellte sich den Fragen der Moderatoren Fatima und Ladji.

Dass Fatih Akin ein angenehmer Gesprächspartner ist, war jedem klar, als er als allererstes den beiden das „Du“ anbot: „Es muss niemand aufgeregt sein, mit mir zu sprechen. Ich habe das in Cannes gelernt, dass man seinen Gesprächspartner nur nervös macht, wenn man selbst angespannt ist. Also: Immer locker bleiben!“

Besonders interessant war für uns der Besuch deshalb, weil Akins Drehbuch zu dem Film „Auf der anderen Seite“ Thema in unserer Abiturprüfung sein wird. Dass er mit seinen Texten Schüler „quält“, ist ihm ein wenig unangenehm. Das erinnerte ihn an seine eigene Abiturprüfung, die er in Deutsch über Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ schreiben musste. „Hoffentlich hasst ihr mich nicht", scherzte Akin. Doch hassen tut ihn niemand für sein Werk, viel mehr wussten wir die Chance zu schätzen, mit dem Autor unseres Abiturthemas über Inhalte und Absichten diskutieren zu können. „Eigentlich möchte ich doch nur Geschichten erzählen" verriet der Hobbyboxer. Dabei gehts ihm nicht um diejenigen, über die sowieso immer geschreiben wird, ihn interessieren die kleinen Geschichten. „Wenn ich Brad Pitt auf dem roten Teppich treffen würde, wäre das natürlich eine interessante Begegnung. Aber die mexikanische Putzfrau, die im Hintergund still und unscheinbar sauber macht, hat eine viel spannendere Geschichte als so ein Star. Mir geht es darum, dass der Zuschauer mitdenkt, dass er etwas mitnimmt.“

Der Vater von zwei Kindern nimmt sich für jede Frage viel Zeit und schweift gerne etwas ab. So erzählt er über seine Kindheit als türkischer Gastarbeitersohn in Hamburg-Altona, wo er sich noch immer zu Hause fühlt, über seinen offenen Brief an den türkischen Staatspräsident Abdullah Gül, auf den er nie eine Antwort erhielt, über Drehpannen und Improvisationen und über Fehler, die er nicht bereut, da man „mehr lernt aus nicht gelungenen Situationen.“

Auf die Frage, was für ihn Heimat sei und mit welcher Kultur er sich mehr identifizieren würde, antwortet Akin: „ Ich entscheide mich nicht, das verlange ich nicht von mir selbst. Ich empfinde es vielmehr als Reichtum, beide Kulturen zu kennen."

In Deutschland fühlt sich der sympathische Regisseur am wohlsten in Hamburg: „Die Mentalität der Menschen hier ist einfach anders. Ich liebe auch Städte wie Köln oder Berlin - aber in Hamburg, da kann ich in der U-Bahn sitzen, ohne dass ich angesprochen oder angestarrt werde.“

Seine Filmtriologie „Liebe,Tod und Teufel“ wird Fatih Akin in diesem Jahr vollenden. „The Cut“, ein Western, der während des ersten Weltkriegs spielt, soll am 18. September in den deutschen Kinos anlaufen. Die Hauptrolle spielt der französische Newcomer Tahar Rahim (“A Prophet“), für den Regisseur „einfach ein cooler Typ.“ Talente zu fördern und auf unbekannte Gesichter zu setzen, dafür hat Akin ein Gespür: er entdeckte für seinen Film „Gegen die Wand“ (2004) Sibel Kekilli, die für die bekannte US-Serie „Game Of Thrones“ gecastet wurde und bei uns die neue Kollegin des Kieler Tatort-Kommissars Borowski spielt.

Als es zum Schluss um Träume und Wünsche ging, die sich der mehrfach ausgezeichnete Filmemacher noch erfüllen möchte, sagte er: „Ich würde mich gerne dafür einsetzen, dass Film als Schulfach eingeführt wird. Es gibt viele tolle Filme aus der Stummfilmzeit und aus den 20ern, 30ern und 40ern, und so viel über die Techniken und die Geschichte des Filmes zu lernen.“

Es war ganz sicher ein Privileg, Fatih Akin bei uns in der Schule zu Gast zu haben und ich als Schüler bin sehr beeeindruckt - von seiner Bodenständigkeit, seiner Ehrlichkeit und seinem lustigen und lässigen Auftreten.