Harburg
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Das Ende der Toilettenspülung?

TUHH-Forscher will Abwasser vermeiden und Fäkalien zu wertvollen Düngemitteln für Bodenverbesserung aufbereiten

Harburg. In das Kürzel „WTO“ ließe sich alles mögliche hineindeuten. In diesem Fall steht die Abkürzung für eine nicht allzu bekannte private Stiftung, die sich Word Toilet Organisation oder Welt Toiletten Organisation nennt. Diese Organisation hatte ein Preisgeld in Höhe von 50.000 Dollar für die Gestaltung von Sitz- oder auch Hock-Toiletten ausgelobt, die in wasserarmen Regionen unserer Erde mit sehr wenig Spülwasser oder ganz ohne Spülung eingesetzt werden können und am Ende auch noch dazu beitragen, dass die aus den Toiletten eingesammelten Fäkalien auf einfache Weise zu hochwertigem Dünger für die Landwirtschaft weiter verarbeitet werden können.

Prof. Dr.-Ing. Ralf Otterpohl, seit 1998 Leiter des Arbeitsbereichs Kommunale und industrielle Abwasserwirtschaft an der Technischen Universität Hamburg Harburg (TUHH), hatte zusammen mit der WTO die Entwicklung voran gebracht und mit dem Preisgeld zu einem internationalen Designwettbewerb aufgerufen. Die Harburger Designerin Sabine Schober war Siegerin, und nun steht ihr weißes Kunststoff-Designstück als Baumuster in Otterpohls Büro neben einer herkömmlichen Porta-Potti Camping-Toilette und verschiedenen Modellen einfacher Holzgas-Kocher.

Der nächste Schritt folgt nun an der TU Berlin, wo mit einem Designpreis über 10.000 Euro, gestiftet von einer internationalen Organisation für nachhaltige Produktion, ein produktreifes Gesamtkonzept für die Toiletten ohne Wasserspülung geschaffen werden soll. Ähnlich wie Baustellen-Toiletten, die ebenfalls keine Wasserspülung haben, sollen auch die an den Technischen Universitäten neu entwickelten Toiletten einmal pro Woche von Sammelfahrzeugen entleert werden. „Gegen Geruchsentwicklung verwenden wir Milchsäurebakterien“, sagt Otterpohl, „unser Verfahren arbeitet rein biologisch, im Gegensatz zu Baustellentoiletten, bei denen Chemie eingesetzt wird. Mit unserem Verfahren lassen sich die Fäkalien unter anderem durch Zusatz von Holzkohle zu wertvollem Dünger verarbeiten.“

Otterpohl, der auch Geschäftsführer der auf ökologische Abwasserkonzepte spezialisierten Firma OtterWasser GmbH in Lübeck ist, berichtet, dass zur Zeit in ländlichen Regionen Westafrikas mit Unterstützung der Welthungerhilfe einfache Holzgasofen-Technik eingeführt wird. In den Öfen wird Holz in Form von Schilfgras-Pellets nicht verbrannt sondern lediglich erhitzt. Beim Erhitzen entsteht Holzgas, das zum Essen kochen verbrannt wird. Und am Ende fällt aus den Öfen statt nutzloser Asche wertvolle Holzkohle, die direkt für die Verbesserung der Böden eingesetzt werden kann oder in Verbindung mit kompostierten Fäkalien zu hochwertigem Dünger. Otterpohl sagt: „Die Verbesserung der Böden ist die wichtigste Zukunftsaufgabe der Menschheit. Bereits ein Drittel aller Agrarflächen weltweit sind stark degradiert oder sogar komplett zerstört, weil versäumt wurde, Kompost zurück zu führen. 800 Millionen Menschen auf der Welt hungern bereits.“

Kritisch sieht Otterpohl unsere derzeitige Art der Bodendüngung unter anderem durch die aus dem Kali-Bergbau erzeugten Düngemittel, da sie zunehmend giftiges Cadmium oder auch radioaktives Uran enthalten, die über die Äcker in unsere Nahrungskette gelangen. Und kritisch betrachtet er auch die bisherige Ressourcenverschwendung in Ländern wie Deutschland durch das aufgebaute Abwassersystem aus Spültoiletten, das teure Reinigen des Abwassers und das ebenso teure Verbrennen des in den Klärwerken gewonnenen Klärschlamms.

Für die Zukunft rät Otterpohl auch in Städten wie Hamburg zum Aufbau eines neuen Systems, bei dem Fäkalien und Urin mit einer nur geringen Wassermenge zu Sammelbehältern transportiert und einmal pro Woche zur Düngemittelaufbereitung per Lkw abgeholt werden.

Otterpohl: „Ein Mensch produziert pro Jahr etwa 500 Liter Urin und 50 Liter Fäkalien. Bei Sammlung mit einer nur geringen Wassermenge ließe sich daraus Biogas oder auch natürliches Düngemittel gewinnen. Mit modernen Wasserspülungen werden aber aus den geringen Urin- und Fäkalienmengen zum Teil mehr als 100.000 Liter nutzlosen Abwassers pro Mensch. Bei dem großen Volumen handelt es sich um einen gefährlichen, wertlosen Abfallstrom, mit dem schwer umzugehen ist. Bei nicht ausreichender Reinigung können Krankheitserreger sogar in unsere Wasserressourcen gelangen.“

Wie bei uns die Zukunft der Toilettenspülung aussehen kann, wird seit Anfang 2013 im Auftrag der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) an der öffentlichen Toilettenanlage zwischen Hauptbahnhof und Mönckebergstraße getestet. Dort wird mit nur 3,5 Liter Wasser gespült. Das Spülwasser wird zur Wiederverwendung gefiltert. Urin und Fäkalien kommen in getrennte Sammelbehälter. Pharmazeutische Rückstände sind noch nicht biologisch abbaubar. Sie werden über Nanofilter abgeschieden. Otterpohl: „Die BSU verfolgt damit einen weitestgehenden Gewässerschutz bei einer gleichzeitig vollständigen Rückgewinnung der Nährstoffe. Umdenken und Umbau haben weltweit begonnen.“

In Hamburg-Jenfeld entsteht derzeit auf dem Gelände der früheren Lettow-Vorbeck Kaserne eine neue Wohnsiedlung, die ihre Heizenergie aus dem Abwasser beziehen wird.