Bezirk und Landkreis

Was Harburg von Hamburg-Harburg trennt

Arbeitslosenquote ist im gleichnamigen Bezirk der Hansestadt doppelt so hoch wie im Landkreis. Das Abendblatt sprach mit beiden Arbeitsagenturchefs über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten.

Hamburg. Es gibt zwei Harburgs auf der Landkarte: einmal als Bezirk (und Stadtteil) von Hamburg, einmal als Landkreis in Niedersachsen. Der Name ist derselbe, aber auf dem Arbeitsmarkt unterscheiden sich beide deutlich. Fast jeder zehnte Einwohner von Hamburg-Harburg (mehr als neun Prozent) ist ohne Job. In der mittelständischen Wirtschaft des Landkreises Harburg ist die Arbeitslosenquote nur etwa halb so hoch. Warum ist das so? Das Abendblatt sprach mit beiden zuständigen Arbeitsagentur-Chefs. Sönke Fock aus Hamburg ist Jurist, Bernd Passier, Chef der Arbeitsagentur Lüneburg, hat vorher als Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte gearbeitet.

Hamburger Abendblatt: Herr Fock, Herr Passier, wie gut kennen Sie sich?

Sönke Fock: Wie eng ist die Zusammenarbeit heute?

Bernd Passier: Jeder von uns hat bei der anderen Agentur seinen Antrittsbesuch absolviert. Seitdem haben wir einen kurzen Draht.

Im Bezirk und im Landkreis ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt völlig unterschiedlich. Was ist jeweils charakteristisch?

Passier: Es gibt im Landkreis keine großen Firmen, 93 Prozent haben weniger als zehn Mitarbeiter. Die größten sind die Krankenhäuser in Buchholz und Winsen mit je rund 600 Beschäftigten. Ein urbanes Zentrum und Hochschulen fehlen. Der Kreis hat bundesweit die meisten Pendler. 60 Prozent der Menschen arbeiten nicht in der Region, sondern vor allem in Hamburg. So gibt es zwar eine hohe Beschäftigung. Aber gut qualifizierte, junge, mobile Arbeitskräfte sind rar: bei den Handwerkern, in der Logistik, bei Kaufleuten und EDV-Experten und bei den Gesundheitsberufen sowieso. Bei Letzteren spielen auch die Gehälter eine Rolle: In Hamburg verdienen Alten- oder Krankenpfleger 200 bis 300 Euro brutto mehr im Monat.

Fock: Der Landkreis hat dagegen Vorteile, da er häufig günstigere und größere Flächen für Firmenansiedlungen bieten kann. Aber die Konkurrenz will ich nicht überbewerten. Wenn eine Firma aus Hamburg am Stadtrand bleibt, ist dies immer noch gut für die Hansestadt.

Wenn, wie Herr Passier sagt, Menschen aus dem Kreis zur Arbeit nach Hamburg fahren, warum bewerben sich nicht Anwohner aus dem Bezirk um diese Jobs?

Fock: Tatsächlich hat Harburg neben dem Bezirk Mitte die höchste Arbeitslosenquote in Hamburg. Menschen mit niedrigem Einkommen, weil sie schlechter ausgebildet sind oder Alleinverdiener suchen schon aus wirtschaftlichen Gründen günstige Wohnungen, wie es sie in Harburg gibt. Sie bieten eine größere Anonymität für Menschen, die auf soziale Beratung angewiesen sind, weil sie arbeitslos, verschuldet sind, gesundheitliche oder Drogenprobleme haben. Die soziale Kontrolle greift weniger. Ausländer mit Sprachproblemen können oder wollen unter Landsleuten bleiben. Für sie gibt es kaum Jobs. In Hamburg werden derzeit 1700 Jobs für Un- und Angelernte angeboten. 20.000 der gut 70.000 Arbeitslosen kommen aber dafür infrage.

Wie wäre es mit einem Versuch, Angelernte im Kreis unterzubringen?

Passier: Solche Jobs sind, wenn vorhanden, längst besetzt. Wir können da keine Alternative bieten.

Welche Rolle spielt die Grenze zwischen Niedersachsen und Hamburg ?

Passier: Diese Grenze haben wir nicht im Kopf. Beide Agenturen vermitteln Kunden sowohl auf Stellen in der Stadt als auch im Kreis. Jeder Dritte, den wir mit Mitteln der Arbeitsverwaltung qualifizieren, findet einen Job außerhalb unseres Arbeitsagentur-Bereiches.

Fock: Ob ein Job im Kreis oder der Stadt vermittelt werden kann, ist egal. Hauptsache, es gelingt. Wir sehen die Metropolregion als einen Arbeitsmarkt.

Passier: Das gilt auch für Ausbildungen. Lernen Jugendliche aus dem Kreis in Hamburg, kann der Kreis später von einer Fachkraft profitieren, die hier eine Wohnung sucht oder ein Haus baut.

Tatsächlich wird die Metropolregion seit Jahren angepriesen. Ist sich bei Ansiedlungen, die Arbeitsplätze versprechen, aber nicht jede Gemeinde, jede Stadt und jeder Kreis selbst der Nächste?

Fock: Das mag nach außen so aussehen, aber sowohl die Städte und Landkreise als auch die Kammern und Verbände haben sich jeweils für die Zusammenarbeit pro Metropolregion ausgesprochen, und die zehn Agenturen für Arbeit in dieser Region gründeten Anfang 2013 einen Kooperationsrat. Es handelt sich um Agenturen aus Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg. Bei geplanten Ansiedlungen und Erweiterungen oder anderen Wünschen von Unternehmen soll so vorgegangen werden, dass die gesamte Region profitiert. Dabei sollen nicht nur die offenen Stellen allen Bewerbern aus der Region zur Verfügung stehen, sondern wir wollen auch Qualifizierungsbedarfe von Beschäftigten und Arbeitslosen abstimmen.

Passier: Vorteile für den Arbeitsmarkt bringt auch die Zusammenarbeit bei Branchen. Ein Beispiel ist die Süderelbe AG, zu der rund 120 Firmen, Institutionen und Kommunen zählen. Dort wurde der Bedarf an Lkw-Fahrern erhoben und eine konzertierte Aktion „Bock auf den Bock“ gestartet, um Fahrer auszubilden. Einen Teil der Lehrgangskosten zahlen die Arbeitsagenturen.

Wird es 2014 neue Ansätze für eine Zusammenarbeit der Arbeitsagenturen geben?

Fock: Ja, wir wollen ausgewählte Daten und Fakten aus dem Arbeitsmarktmonitor der Arbeitsagenturen als Hilfe für Firmen in Stadt und Landkreis nutzen. Dafür gibt es bereits Gespräche mit der Geschäftsstelle der Metropolregion bei der Hamburger Wirtschaftsbehörde.

Hamburg hat seit 2012 sieben Jugendberufsagenturen eingerichtet, um Schüler über den Weg in den Beruf zu beraten. Arbeitsagenturen, Jobcenter und Stadt schicken jeweils Personal dorthin. Klafft da im Landkreis eine Lücke?

Passier: Das sehe ich nicht so. Es gibt im Kreis zahlreiche Initiativen, die sich um Jugendliche kümmern. Nennen möchte ich das Patenprogramm „My Life“, die im Entstehen begriffene Zukunftswerkstatt in Buchholz oder das Projekt „Talentschmiede U25“.

Das Verhältnis zwischen Stadt und Region scheint also nicht von Neid geprägt zu sein?

Fock: Gewiss nicht. Hamburg braucht die Metropolregion. Von 884.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Hansestadt pendeln täglich 340.000 ein. Von ihnen kommen zehn Prozent aus dem Landkreis Harburg. Künftig wird es darauf ankommen, dass sich die Pendler diese Fahrt leisten können und Züge und Busse auf den Bedarf eingerichtet sind. Sonst werden die Pendler in die Stadt zurückgehen, wo es schon heute nicht genug bezahlbare Wohnungen gibt. Das würde vieles verändern und nicht zum Besseren.

Wie wird sich die Arbeitslosigkeit im Bezirk und im Landkreis 2014 entwickeln?

Fock: Eine so niedrige Arbeitslosigkeit wie im Landkreis ist für den Bezirk nicht realistisch. Die wirtschaftliche Erholung wird sich aber 2014 niederschlagen. Den konjunkturell ausgelösten Rückgang bei den Arbeitslosen werden wir mit Qualifikationsprogrammen unterstützen. Derzeit haben wir eine Quote von 9,1 Prozent und 7317 Arbeitslose. Wir könnten im kommenden Herbst wieder bei 8,8 Prozent und knapp 7000 Menschen ohne Job stehen. Das wären im Jahresvergleich 400 weniger als heute.

Passier: Eine Quote von weniger als vier Prozent schließe ich für 2014 aus. Wir könnten im Kreis auf 4,5 Prozent kommen. Das wären 250 weniger als die derzeit rund 6000 Arbeitslosen. Ich gehe von stabilen Zahlen aus, weil bei uns ältere und wenig gebildete Menschen schwer zu vermitteln sind. Neue Stellen besetzen häufig gut ausgebildete Frauen, die wieder ins Berufsleben einsteigen oder Zuwanderer.