Klecken

„Es ist ein Geben und Nehmen“

| Lesedauer: 4 Minuten

Verein „Mentor Buchholz/Rosengarten“ hilft Grundschülern beim Lesenlernen

Klecken. Es ist so eine Sache mit dem „st“. Ein Laut, der nicht einfach zu sprechen ist und auch nicht leicht zu hören. Allein schon deshalb, weil wir zwar „Stern“ schreiben, aber „Schtern“ sagen. Für Leseanfänger ziemlich verwirrend. Theo sitzt in der Bücherei der Grundschule Klecken und konzentriert sich auf die Begriffe, die Karin Hueck ihm aufsagt. Bei jedem Wort, das ein „st“ enthält, soll er auf den Tisch klopfen. „Blume.“ Theos Hand bleibt still. „Fenster.“ Theo pocht. „Buch.“ Ruhe. „Stiefel.“ Theo zögert eine Sekunde. Klopft dann, ein kleines Lächeln um die Mundwinkel. So leicht lässt er sich nicht foppen. Nicht mehr.

Seit Schuljahrs-Beginn trifft sich der Zweitklässler einmal in der Woche mit seiner Leselernhelferin. Während die Mitschüler im Klassenverband mit ihrer Deutsch-Lehrerin Lesen üben, sitzt er entweder allein oder mit einem Kameraden mit Karin Hueck beisammen. Der Achtjährige genießt Aufmerksamkeit und Zuwendung der 65-Jährigen. Er mag die Ruhe im kleinen, mit Bücherregalen vollgestellten Raum, in dem er sich besser konzentrieren kann als in der Klasse. Und weil es hier nicht auffällt, dass er noch etwas langsamer liest als die meisten seiner Altersgenossen, entfaltet er sich ungehemmt.

„Theo hat in den vergangenen Monaten schon riesige Fortschritte gemacht“, sagt Karin Hueck zufrieden. Die pensionierte Lehrerin ist ganz in ihrem Element. Seit sie nicht mehr an der Grundschule Klecken unterrichtet, engagiert sie sich als ehrenamtliche Mentorin an ihrer einstigen Wirkungsstätte. Unter dem Dach des eingetragenen Vereins „Mentor Lüneburg“ hat sie vor drei Jahren die Außenstelle „Mentor Buchholz/Rosengarten“ gegründet und wird inzwischen von 13 Mitstreiterinnen und einem männlichen Leselernhelfer unterstützt. Das Freiwilligen-Team ist in Buchholz, Sprötze, Nenndorf und Hittfeld im Einsatz.

Nur ein Drittel der Aktiven ist „vom Fach“. Außer Pädagoginnen sind Pensionäre verschiedenster Berufsgruppen vertreten. Was alle eint, ist die Freude am Umgang mit Kindern, am Lesen und an der deutschen Sprache. Und die Bereitschaft, sich unentgeltlich wöchentlich für eine oder mehrere Stunden in einer Grundschule zu engagieren. „Es ist ein Geben und Nehmen. Man bekommt viel zurück“, sagt Karin Hueck. Sie meint die spürbare Freude der Kinder über ihre wachsende Lese-Kompetenz. Der Erfolg befördert den Spaß am Umgang mit Büchern. Aber auch neben diesem sich verstärkenden positiven Effekt bekommen Leselernhelfer einiges geboten: Der Verein Mentor Lüneburg gibt eine Einführung, bietet individuelle Unterstützung und Beratung, stellt Unterrichts-Material bereit und übernimmt die Koordination mit den Schulen. Für alle Mentoren besteht während ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit eine Haftpflichtversicherung.

Karin Hueck und ihre Kollegin Helga Wiethüchter-Dreyer, beide einst in der Lehrerausbildung tätig, bieten außerdem im Sechs-Wochen-Rhythmus Treffen zum Erfahrungsaustausch und Fortbildungsseminare zur Didaktik des Lesens an. Es macht Karin Hueck Spaß, ihre Erfahrungen weiter zu geben – ob an Erwachsene, oder an Kinder. „Lesen ist doch unser wichtigstes Kulturgut, Lesefähigkeit die Voraussetzung für alle anderen Bereiche. Weil aber durch den Einfluss der anderen Medien die Freude am Lesen nachlässt, ist die Schule allein überfordert.“ Eine der Aufgaben der Leselernhelfer ist deshalb, auf spielerische Weise die Motivation zum Lesen zu fördern. Um das in der Schule geweckte Interesse aufrecht zu erhalten, ist es wichtig, dass Bücher auch zu Hause zum Alltag gehören. „Aber: Vorlesen allein reicht nicht. Die Kinder müssen selbst aktiv sein“, betont Karin Hueck. Die Übungsstunde ist zu Ende, doch Theos Augen hängen noch immer am Text, der aufgeschlagen vor ihm liegt. Seine Lippen formen lautlos: „Stein, Kiste, Ast.“ „Stolz“ gehört zu den Worten mit dem verflixten „st“.

( (mb) )

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