Der doppelte Donizetti

Wer den Unterschied zwischen Regietheater und Stadttheater sehen will, guckt sich „Lucia di Lammermoor“ in Hamburg und in Lüneburg an.

Premiere in dieser Saison in Lüneburg, Wiederaufnahme der noch jungen Inszenierung in Hamburg: Gaetano Donizettis Belcanto-Hit „Lucia di Lammermoor“ von 1835 läuft derzeit sowohl im Theater Lüneburg als auch in der Hamburgischen Staatsoper. Wer den Unterschied zwischen Stadttheater und Regietheater sehen will, guckt sich beide Versionen an.

Zur Geschichte: Lucia liebt Edgardo. Ihr Bruder aber zwingt sie, einen einflussreichen Lord zu heiraten, um die Familie zu retten. (Edgardos Familie ist dummerweise mit Lucias verfeindet.) Lucia und Edgardo schwören sich die Treue, doch Lucia kann dem Druck ihres Bruders nicht standhalten und unterschreibt den Vertrag. Ihren Zwangsgemahl bringt sie noch in der Hochzeitsnacht im Ehebett um und verliert den Verstand. Am Ende sind die Liebenden tot: Lucia (durch Wahnsinn) und Edgardo (Suizid nach Erkenntnis über Lucias Tod).

Die Geschichte spielt in Schottland, jedenfalls im Libretto. In Lüneburg bei Regisseur Hajo Fouquet tut sie das auch auf der Bühne – unverkennbar erkennbar an dem Bühnenbild aus See mit Bergen und Karo in den Kostümen. In Hamburg ist kein klares Land zu erkennen: Hier verlegt Regisseurin Sandra Leupold das Stück ins Lager eines Theaters.

Lucia ist in Lüneburg ein Mädchen mit langen blonden Kunsthaaren und Schulmädchenuniform, darüber trägt sie ein durchsichtiges Mäntelchen wie zum Fasching, um Prinzessin zu spielen. Hamburgs Lucia trägt erst im zweiten Akt ein Schulmädchenkostüm – davor hat sie einen Schlafanzug an, aus dem barocke Spitze ragt.

Schließlich ist die Lucia von Sandra Leupold nicht wie die Lucia von Hajo Fouquet: Die Hamburger Lucia ist eine verdoppelte Figur. Eine Figur aus der vergangenen Welt des Belcanto, die gemeinsam mit den anderen noch einmal das Stück ihres Lebens spielt: im Lager, zwischen den Requisiten, ohne Publikum, halb in Kostüm, halb in Alltagskleidung. Ohne, dass jemand zusieht.

Die Theater-auf-dem-Theater-Situation, einen Tick modifiziert.

In Lüneburg ist die Bühne zweigeteilt: Es gibt vorne, und es gibt hinten. Vorne ist es eng und schmal und niedrig, hinten ausladend und breit und deckenlos. Vorne sind die Gesellschaft, die Konvention, die Ordnung – hinten die Individuen, die Selbstbestimmtheit, die Freiheit. Lucia ist natürlich lieber hinten als vorne. Und unterschreibt ihren Ehevertrag natürlich vorne.

Ein paar Schlüsselszenen im Vergleich: Beim Liebes-Duett zwischen Lucia und Edgardo stehen die beiden Liebenden in Lüneburg Rücken an Rücken auf dem Boden der Bühne, in Hamburg schwanken sie auf zwei Palmen im Takt – Palmen auf einer Insel der Glückseligen, die Lucia zuvor aus dem hinteren Winkel der Bühne nach vorne gezogen hatte. (Und die weg ist, als sie später noch einmal nach ihr sucht.) Während das Hamburger Publikum das rührend oder albern findet, lacht oder sich das Lachen nicht traut, bringt Hajo Fouquet in Lüneburg eine Szene auf die Bühne, bei der sich wohl die wenigsten ein Lächeln verkneifen: Edgardo feiert seinen ersten Auftritt auf einem riesigen weißen Pferd, das nicht nur offensichtlich aus Plastik ist, sondern auch noch eine solche Zottelmähne hat, dass es ganz bestimmt nicht gucken könnte, selbst wenn es Augen hätte. Die Verbindung zur jungen Lucia schafft Fouquet später mit einem Schaukelpferd in ihrem Zimmer.

Auftritt Lucia zu ihrer Zwangshochzeit: In Lüneburg steht sie kreidebleich im Hochzeitskleid auf einer weißen Treppe, die aus dem Nichts kommt und ins Nichts führt. In Hamburg streift ihr ein unehrlicher Vertrauter ein weißes Hochzeitskleid über ihr Schulmädchenkostüm.

Wahnsinnsarie: In Lüneburg kleben die Rosenblätter der Blumenmädchen an Lucias blutverklebten Händen. In Hamburg schneidet sie Stücke von der Hochzeitstorte mit dem Messer ab, das sie zuvor in den Leib ihres Vertragsmannes gerammt hat.

Und hier, in der wichtigsten Arie des Abends, liegt auch der größte und deutlichste Unterschied neben der Frage: „Übertragung des Stoffes oder nicht? Schottland oder Theater-Lager?“ zwischen Lüneburg und Hamburg. Bei dieser Oper ist es ein Unterschied, der aus dem Orchestergraben kommt: In Lüneburg begleitet eine Querflöte Lucia bei ihrem Weg in den Wahnsinn, in Hamburg eine Glasharfe. Da klingt nicht nur die Stimme irre, sondern auch das Instrument. Wahnsinn!

Wahnsinnig teuer aber ist das auch – und für ein Haus wie Lüneburg nicht zu bezahlen. Die Stücke stehen in beiden Häusern auf dem aktuellen Spielplan – das nächste Mal sogar an einem Tag zu schaffen: am Sonntag, 1. Dezember in Hamburg mit Beginn um 19 Uhr, in Lüneburg schon um 15 Uhr. In Hamburg kosten die Karten zwischen fünf und 98 Euro (Telefon 040/356868), in Lüneburg ist die Spanne etwas anders, sie liegt zwischen 16 und 23 Euro (Telefon 04131/42100).