Tötensen

Hilfe, wenn nichts mehr geht

Operation Zukunft: Der Ginsterhof in Tötensen ist spezialisiert auf Menschen mit psychologischen Problemen

Tötensen . Bongos, Trommeln, ein riesiger chinesischer Gong, aber auch Flöten, eine Harfe, ein Klavier, Celli und ein Akkordeon – im Musikraum der psychosomatischen Klinik Ginsterhof in Tötensen können die Patienten richtig laut werden, musikalisch gesehen zumindest. Oder aber auch mal ganz zart und leise musizieren. Zweimal in der Woche für jeweils 90 Minuten treffen sich die Patienten in dem hellen Raum mit Blick auf Bäume und Grün. Jeder darf sich sein Instrument frei wählen und versuchen, seine innere Gefühlslage in Töne zu fassen. Am Anfang steht die Improvisation, am Ende des musikalische Gespräch.

Musiktherapeut Thomas Jüchter ist das steuernde Element in der Gruppe: „Der Patient soll lernen, mit Klängen seine Stimmung wiederzugeben.“ Höchstens sechs Personen sind bei dieser Therapie in einer Gruppe, neben der Musik geht es in Gesprächen darum, die Geschichte eines jeden einzelnen zu finden, die dahinter steht. „Viele können ihre Gefühle nicht in Worte fassen, die Musik ist eine Möglichkeit, daran zu arbeiten“, sagt Jüchter. Ob man den Geigenbogen schwingt, die richtige Atemtechnik beim Flöten anwendet oder auch bem freien Singen sich selbst anders wahrnimmt – das Angebot spricht viele Patienten an.

Es sind Menschen, wie Du und Ich, die für meistens zehn Wochen die idyllisch am Waldrand gelegene Klinik in Tötensen aufsuchen. Menschen, die mit ihren Problemen überfordert sind. Die immer wieder an den gleichen Hürden scheitern, bei der Arbeit in Konfliktsituationen kommen, Probleme mit Kollegen haben, gemobbt werden oder an Burnout leiden. Dazu kommen diejenigen, die Essstörungen haben, und diejenigen, die sich selbst verletzen.

Auch eine Trennung von den Eltern, eine Scheidung oder ein Todesfall eines nahe Angehörigen kann Menschen so aus der Bahn werfen, dass sie sich allein nicht mehr zu helfen wissen. In der Klinik Ginsterhof lernen sie, sich selbst wahr zu nehmen, das eigene Verhalten zu verstehen und bekommen Hilfsmittel mit auf den Weg, mit denen sie in Stresssituationen anders reagieren können. Das Konzept richtet sich an Erwachsene ab 18 Jahren. „Wir behandeln diejenigen, die psychotherapeutisch behandelbare Symptome wie Ängste, Depressionen, oder Persönlichkeitsstörungen zeigen oder die sich in akuten Lebenskrisen befinden.“

Die 140 Plätze sind immer belegt, weiterhin gibt es 20 Plätze in der angeschlossenen Tagesklinik. Die Patienten leben in der Klinik auf acht Stationen, 16 Ärzte arbeiten dort. 15 bis 20 Patienten – größer sind die Gruppen dort nicht. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, Menschen gleichen Alters oder mit den gleichen Problematiken zusammen zu legen. „Wir ermutigen zum Austausch untereinander“, erläutert Klinikleiter Dr. Christoph Schmeling-Kludas das Konzept. Denn wie in einer große Familie leben die Patenten zum größten Teil selbst bestimmt im Ginsterhof. Tisch decken, Geschirr spülen, Wäsche waschen und Freizeitgestaltung inklusive. „Da entwickelt sich schon bei der Organisation viel Potential für Konflikte, an denen wir ansetzen können“, erläutert die Chefärztin Psychatrie und Psychotherapie, Dr. Maria Anna Deters. Das Haus lebt die „Bezugspflege“: ein Mitglied der Betreuungspersonals ist immer auf der Station als Ansprechpartner anwesend, regelmäßig treffen sich Ärzte und Pfleger zum Austausch und um sich auf den aktuellen Stand über den Einzelnen zu bringen.

Gespräche sind ein wichtiger Baustein auf dem Weg der Gesundung. Nach einer körperlichen Untersuchung am ersten Tag in der Klinik gibt es ein Aufnahmegespräch mit einem Psychologen. Für jeden Patienten wird ein individueller Behandlungsplan aufgestellt, der Einzel- und Gruppengespräche umfasst. Aus der Gruppe der Patienten wird ein Pate ausgewählt, der den Neuankömmling in der ersten Zeit unter seine Fittiche nimmt. Zusätzlich muss jeder körperlich arbeiten: in der Musiktherapie, bei Bewegungs- und Tanzeinheiten oder auch beim Gestalten mit Materialien von Ton bis Filz in der Kunsttherapie. Weiterhin lernen die Patienten Entspannungsund Atemtechniken, die die innere Anspannung abbauen. Die Kapelle des Hauses bietet nicht nur Raum für die Gottesdienste und Konzerte, die hier regelmäßig stattfinden, sondern ist auch gleichzeitig ein Raum der Stille. Am Ende der Zeit im Ginsterhof steht zwar nicht ein völlig neuer Mensch, aber jemand, der viel über sich gelernt hat. „Der Patient soll verstanden haben, welcher Art die eigenen Schwierigkeiten sind. Außerdem bekommt er von uns einen „Notfallkoffer“ mit Tricks, Übungen und Hilfsmitteln, die im Alltag angewendet werden können“, erläutert Dr. Schmeling-Kludas. Aber er betont auch, daß ein Aufenthalt im Ginsterhof nicht das Allheilmittel sein kann. „Nach der Klinik sollten sich die Patienten immer noch Hilfestellung bei einem Therapeuten holen“.