Zu schön, um wahr zu sein

Der Fotograf Heiner Kalhorn präsentiert „Puppen – Gesellschaft hinter Glas" in seiner Neugrabenener Schaufenstergalerie

Neugraben. Die Deutschen sind ein Volk der Jäger und Sammler. Landauf, landab finden sich in heimischen Arsenalen Kollektionen aller Art. Frauen horten gern Handtaschen und Schuhe, Männer eher Bierdeckel und -dosen. Hoch im Kurs stehen aber auch Briefmarken, Pins und Schlüsselanhänger – man kennt das. Den Neugrabener Heiner Kalhorn treibt seit vielen Jahren eine ganz andere Sammelleidenschaft um: Fotos von Schaufensterpuppen.

Eine illustre Auswahl davon ist in den nächsten Wochen in seiner Schaufenstergalerie in der Lütt Enn zu sehen. Seit 1996 hat der 69-Jährige die Vitrine in der kleinen Nebenstraße in Neugrabens Fußgängerzone gemietet. Und verwandelt sie seitdem regelmäßig in eine Minigalerie. Um die 60 Ausstellungen gab es dort im Laufe der Jahre. Die aktuelle trägt den Titel: „Puppen – Gesellschaft hinter Glas“. Es ist schon die vierte zum Thema.

Für Kalhorn sind Schaufensterpuppen weit mehr als leblose Kleiderständer. „Für mich sind sie interessante Spiegelbilder unserer Gesellschaft: mal animierend sexy, aber auch abstoßend, und grotesk, stilisiert, anonymisiert, dekoriert oder eben nackt“, sagt er.

Wenn er aus dem Haus gehe, dann nie ohne Kamera, so Kalhorn. Die Fotografie sei eine Leidenschaft, von der er schon als junger Mann beseelt gewesen sei. Gern hätte der gebürtige Buxtehuder sie auch zu seinem Beruf gemacht. Dann entschied er sich mit Blick auf die Familie aber doch für seine zweite Passion als Pädagoge und unterrichte seine Schützlinge als Realschullehrer in Mathe und Chemie.

Als begeisterter Hobbyfotograf hat Kalhorn so ziemlich alles abgelichtet: moderne Architektur und Ballettszenen ebenso wie Windmühlen und Oldtimer, maritime Landschaften und norddeutsche Städte, aber auch Stillleben und Porträts. Zum häufigsten und beliebtesten Motiv aber wurden Schaufensterpuppen.

Alles begann an einem trüben Herbstabend von 30 Jahren. Während Ehefrau Monika mit Tochter Agnes beim Weihnachtsmärchen im Helmssaal weilte, streifte Kalhorn allein durch Harburgs City. In den festlich dekorierten Schaufenstern entdeckte er viele attraktive Puppen: „Ich fand sie sehr fotogen. Sie hatten eine sexy Ausstrahlung, waren sehr naturalistisch, wirkten fast echt.“ Außerdem hätten ihn die Spiegeleffekte gereizt. Das Fotografieren durch die großen Glasscheiben sei schließlich auch technisch herausfordernd.

In einer Deko-Zeitschrift las Kalhorn später einen großen Artikel über Schaufensterpuppen. Dort erfuhr er unter anderem, dass auch der als „Ekel Alfred" Tetzlaff bekannt gewordene Schauspieler Heinz Schubert („Ein Herz und eine Seele“) als Fotograf ein Faible für Schaufensterpuppen hatte. „Bei einer Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe habe ich ihn dann sogar persönlich getroffen und ihn auf unseren gemeinsamen Spleen angesprochen. Daraus entwickelte sich dann ein hoch interessantes und aufschlussreiches Gespräch“, berichtet Kalhorn.

Der Fotokünstler scheut seitdem keine Mühen, die Puppen so zu fotografieren, wie er will. Dazu holt er sich von Kaufhausmanagern auch schon mal die Erlaubnis ein, die Objekte der Begierde aus dem Innenraum der Ausstellungsflächen abzulichten. „Ich wollte rechtlich einfach immer auf der sicheren Seite sein“, erklärt Kalhorn. Mit seinem Ansinnen sei er noch nie abgeblitzt. So war er auch schon im feinen Alsterhaus auf dem Jungfernstieg und in diversen Edelboutiquen aktiv.

Es gab eine Zeit, da konnte Kalhorn mit einer hohen Trefferquote schon von einem Blick ins Gesicht der Puppe sagen, von welchem Hersteller sie stammt. Das wird heute zunehmend schwerer. Und das nicht nur, weil viele Schaufensterpuppen im Wortsinn kopflos sind.

„Die Puppen haben sich im Laufe der Zeit sehr verändert, leider kaum zu ihrem Vorteil“, sagt Kalhorn mit aufrichtigem Bedauern. „Früher hatten viele individuelle Züge und schöne Perücken. Heute wirken sie oft anonym und sogar androgyn. Das Anziehende haben die meisten von ihnen verloren.“

Als Erinnerung an die schönen Puppenzeiten, in denen vor allem bei französischen Exemplaren sogar Beine, Arme und Hände beweglich waren und die Dekorateure – wie auch Fotografen – nach Herzenslust Posen kreieren konnten, hat sich Heiner Kalhorn schon vor Jahren eine Vertreterin der „alten Puppenschule“ nach Hause geholt.

Entdeckt hat er die kühle Schöne bei der Geschäftsaufgabe eines Modehauses in Bremerhaven. Zwar hätte sich Ehefrau Monika mächtig erschrocken, als er seinerzeit mit der namenlosen Fremden auf dem Rücksitz seines Autos vorgefahren sei: „Doch inzwischen gehört sie praktisch zur Familie.“ Nicht selten sitzt sie seitdem – gern in sexy Outfits und farblich wechselnden Perücken – am Fenster des Wohnzimmers und wacht dort über das Haus der Kalhorns. Zur Freude seiner Bewohner. Und auch überraschter Passanten, die gern mal einen Blick mehr riskieren.

Fotoausstellung „Puppen – Gesellschaft hinter Glas“ von Heiner Kalhorn, Schaufenstergalerie in der Straße Lütt Enn, Fußgängerzone Neugraben. Zu sehen bis Mitte Januar.