Tespe

Das Dorf Appel als Paradebeispiel

Hauke Wendler und Carsten Rau drehen einen Film über die Unterbringung von Asylbewerbern in Appel und Tespe

Appel/Tespe. Mit ihrem 90-minütigen, preisgekrönten Dokumentarfilm „Wadim“ setzten Hauke Wendler und Carsten Rau 2011 das Mosaik eines kurzen Lebens zusammen, das stellvertretend für 87.000 andere Menschen steht, die heute mit einer Duldung in Deutschland leben. Ihr nächstes Filmprojekt in Spielfilm-Länge widmen die Fernseh-Journalisten nun den Asylbewerbern im Landkreis Harburg - und denjenigen, die sich plötzlich geballt mit der Frage nach einer sinnvollen und nachhaltigen Unterbringung konfrontiert sehen.

Was passiert eigentlich, wenn Asylbewerber in einem Land leben müssen, das sie nicht kennen, und in dem sie sich mitunter nicht willkommen fühlen? Vor welche Probleme stellt das Recht auf Asyl, das im Grundgesetz verankert ist, all diejenigen, die es umzusetzen haben? Und wie gehen die deutschen Bürger eigentlich mit den damit verbundenen Ängsten und Wünschen der Betroffenen um? Mit diesen Fragen starteten Hauke Wendler und Carsten Rau vor zweieinhalb Monaten in die Recherche zu ihrem neuen Filmprojekt. Dabei stießen sie auf zwei Beispiele, die völlig unterschiedliche Geschichten erzählen. Auf der einen Seite: eine tschetschenische Asylbewerber-Familie, die im Juli in Tespe in einer ehemaligen Sparkassenfiliale Unterschlupf fand. Der Landkreis Harburg hatte dort quasi über Nacht eine Zwischenaufenthaltsstation für Asylbewerber eingerichtet. Auf der anderen Seite: die Bürger aus Appel, in deren 400-Einwohner-Gemeinde 50 Asylbewerber ein neues Zuhause finden sollen.

In beiden Fällen regte sich Widerstand: Die Tesper fühlten sich überrumpelt, kritisierten die Kommunikationspolitik des Landkreises Harburg. Die Appeler schlugen ähnliche Töne an. Für sie ist die geplante Unterbringung in einem ehemaligen Altersheim im Ortskern „nicht sozialverträglich“. Auf mehreren Versammlungen machten sie bislang deutlich, dass sie mit dem Plan der Kreisverwaltung alles andere als einverstanden sind. Zwar sehen sie sich in der Pflicht, einen Beitrag zu leisten. Doch der müsse verhältnismäßig bleiben. Ihre Forderung: umverteilen. Die Bürgermeister der Samtgemeinde Hollenstedt wollen nun am 14. November über mögliche Alternativen reden. Und auch der Landkreis Harburg ändert plötzlich seine Marschrichtung: Sozialdezernent Reiner Kaminski gab jetzt bekannt, dass die Verwaltung nicht an der bisherigen Planung festhalten wird, wenn es andere Möglichkeiten in der Samtgemeinde gibt, die ebenso zeitnah und effizient umsetzbar seien.

Für Hauke Wendler sind Tespe und Appel filmreife Paradebeispiele. An ihnen ließen sich die einzelnen Konfliktlinien der Betroffenen sehr gut nachzeichnen und darstellen. Sie zeigten die Ängste und Wünsche der Bürger und die der Asylbewerber, verdeutlichten aber auch die Notlage, in der sich der Landkreis Harburg zurzeit befindet. Der muss nämlich bis Ende 2014 500 neue Asylbewerber in der Region unterbringen und nutzt deshalb jede halbwegs vertretbare Option, um die von Bund und Land auferlegten Aufgaben zu erfüllen. „Ich persönlich finde, dass in Appel bislang sehr verantwortlich mit dem Thema Asyl umgegangen wurde. Die Menschen sagen, dass sie bei der Bewältigung der Aufgabe helfen wollen. In anderen Ortschaften, die vor einer ähnlichen Situation standen, war die Stimmung manchmal offen fremdenfeindlich", sagt Hauke Wendler.

Dennoch stehe Appel stellvertretend für viele andere Gemeinden in Deutschland, die sich zurzeit ebenfalls mit der Unterbringung von Asylbewerbern beschäftigen. Das Thema habe schließlich bundesweite Relevanz. Und ein Ende sei nicht absehbar. „Das Recht auf Asyl beginnt nicht am Mittelmeer, sondern in den Köpfen derer, die es gewähren sollen“, sagt Wendler.

Die Journalisten wollen zumindest in Appel so lange weiterdrehen, bis eine endgültige Entscheidung gefallen ist. Vielleicht auch darüber hinaus, um zu zeigen, wie es danach weitergeht. Denn mit der Unterbringung der Asylbewerber im Ort sei die Geschichte schließlich noch lange nicht zu Ende, betont Wendler. „Dann beginnt die eigentliche Arbeit. Dann geht es nämlich darum, wie die neuen Nachbarn miteinander zurecht kommen.“

Mit ihrem Film wollen Rau und Wendler Möglichkeiten aufzeigen, was jeder einzelne Bürger dafür tun kann. Und die vielen Fragen beleuchten, die damit verbunden sind. Die Länge von 90 Minuten sei notwendig, um auch Dinge wie „Dublin II“ und den Begriff der Duldung zu erklären. Vermutlich sogar nicht ausschließlich im Fernsehen, sondern auch im Kino. Wendler sagt: „Der Film soll spannend und unterhaltsam sein, aber auch informieren. Wenn sich die Zuschauer hinterher intensiver als vorher mit dem Thema Asyl auseinandersetzen, dann haben wir unser Ziel erreicht.“

Wann und wo der Streifen laufen wird, ist übrigens noch nicht abschließend geklärt. Auch nicht, wie er finanziert wird. Rau und Wendler verhandeln zurzeit mit verschiedenen Sendern über eine Co-Produktion. Der NDR hat bereits Interesse angemeldet. Bleiben Wendler und Rau im Zeitplan, könnten die Arbeiten im Sommer 2014 abgeschlossen sein.