Harburg

„Wir waren dem Tode geweiht“

Helmut Wolff schildert seine Kindheit, die er ohne Hilfe einer mutigen Harburger Geschäftsfrau nicht überlebt hätte

Harburg. Helmut Wolff ist drei Jahre alt, als im Jahr 1939 der Zweite Weltkrieg beginnt. Seinen Vater kennt er nicht. Der wollte Helmuts Mutter nicht heiraten, weil sie Jüdin war und er dadurch Unannehmlichkeiten befürchtete. Helmut Wolffs Großeltern, in deren Haus in Parchim Wolff große Teile seiner frühesten Kindheit verbracht hat, sind für den Jungen so etwas wie Ersatzeltern. Der Großvater ist ein anerkannter Jurist und Notar. Wolff verlebt im Haus der Großeltern eine unbeschwerte Kindheit. Auch ein Vetter Wolffs lebt bei den Großeltern. Bei dem Pogrom 1938 verlieren die Großeltern alles. Das Haus wird zerstört, Großvater Wolff kann nicht mehr arbeiten. Der perfide Rassenwahn der Nazis trifft die Familie mit voller Wucht.

„Als jüdische Kinder waren wir dem Tode geweiht, das wusste und weiß jeder. Aber mein Vetter und ich hatten das Glück, dass wir bei verschiedenen Menschen versteckt wurden. Wir beide sind die einzigen der ganzen Familie, die überlebt haben“, beginnt Wolff vor rund 100 Zuhörern seine Erzählung im Harburger Rathaus. Der inzwischen 77 Jahre alte Mann mit dem grauen Vollbart erzählt ruhig seine Lebensgeschichte, ohne jede Dramaturgie, die ist auch nicht nötig. Was Wolff zu erzählen hat, ist dramatisch genug.

Die ersten Jahre seiner Kindheit habe er recherchiert. Eigene Erinnerungen an die ersten drei Jahre habe er nicht, sagt Wolff. Die seien wie ausgelöscht. Ins Rathaus ist er auf Einladung des Vereins Gedenken in Harburg gekommen, um als Zeitzeuge des Nazi-Regimes seine Geschichte, eine von Tausenden, zu erzählen.

Die Mutter, die jüdische Schauspielerin Anna Maria Wolff, nimmt den Jungen zuerst mit nach Berlin und dann nach Hamburg. Helmut muss, wie alle Juden, einen „Judenstern“ tragen. In Hamburg lernt Wolffs Mutter den jüdischen Geschäftsmann Robert Donald Kugelmann kennen. Die beiden heiraten und leben mit Helmut an der Isestraße. Helmut geht zur Schule, wird von seinen Mitschülern drangsaliert und geschlagen, weil er Jude ist. „Ich hatte jeden Morgen große Angst vor dem Schulweg, aber ich bin jeden Tag hingegangen, weil ich gern zur Schule wollte“, berichtet Wolff, der noch heute trotz seines hohen Alters als Architekt arbeitet. Im Jahr 1942 bekommen seine Großeltern und Eltern den Deportationsbefehl ins Konzentrationslager Theresienstadt. Anna Maria Wolff bringt den Jungen zu einer befreundeten Schauspielerin. Dann begehen sie und ihr Mann Selbstmord. Um sich ihrer Deportation zu entziehen, gehen auch Helmuts Großeltern in den Freitod.

Mit sechs Jahren verliert Helmut Wolff nicht nur sein Zuhause, seine Eltern und Großeltern. Für ihn beginnt jetzt auch eine Zeit „des Lügens und Schweigens“, sagt er. Der „Judenstern“ verschwindet von seinem Arm, und Helmut wird zum ausgebombten, arischen Pflegekind. Er wird von Familie zu Familie weitergereicht und versteckt. „Bis heute haben die Wissenschaftler nicht klären können, wie damals dieses Netzwerk von Helfern in Hamburg funktioniert hat“, sagt Klaus Möller vom Verein Gedenken in Harburg. Für den kleinen Jungen Helmut Wolff war es eine schlimme Zeit. „Ich wurde herumgereicht. Sobald ich mich an eine Familie gewöhnt hatte, musste ich wieder weg. Dass mir diese Menschen durch ihren Mut und ihre Zivilcourage das Leben gerettet haben, war mir damals natürlich nicht klar“, sagt Wolff heute.

Schließlich landet Helmut Wolff bei Klara Laser in Harburg. Sie und ihr Mann Sally besaßen vor dem Krieg das Herrenbekleidungsgeschäft Laser am Sand. Sally Laser war Jude. Nach den perfiden Rassengesetzen der Nazis waren damit auch die drei Kinder der Lasers Halbjuden. Auch sie überlebten die Diktatur in Verstecken. Klara Laser nimmt Helmut auf.

Endlich kann der Junge unbehelligt zur Schule gehen, niemand weiß, dass er Jude ist. Nur der Schulleiter der Schule in Marmstorf, die Helmut besucht, weiß Bescheid und denunziert Helmut und seine Pflegemutter nicht. „Und er hat nichts gesagt, obwohl er bei den Nazis ein sehr hohes Tier war. Nach dem Krieg bin ich zu ihm gegangen und habe mich bei ihm dafür bedankt“, sagt Wolff. Der Junge Helmut spielt mit seinen Klassenkameraden. Er ist beliebt, wahrscheinlich auch, so vermutet Wolff heute, „weil ich viel Spielzeug besaß. Ich war der Einzige in der Straße, der Rollschuhe und einen Lederfußball hatte“. Und Helmut schweigt, lügt und hält die Legende des ausgebombten Pflegekindes aufrecht. Einer seiner Freunde, in dessen Haus der Junge oft spielt, ist Sohn eines Gauleiters. Helmut will unbedingt in die Hitler-Jugend eintreten, alle Kinder sind in der Organisation. „Ich hatte sogar schon das Koppel, aber Frau Laser hat mich dann doch davon überzeugt, dass es keine gute Idee ist, wenn ich dort eintrete.“

Klara Laser schafft es irgendwie, den Jungen vor den Nazis zu retten. Und Helmut schafft es, das Lügengebäude um seine Herkunft aufrechtzuerhalten. „Ich war ein wildes Kind, es hat auch Probleme zwischen Frau Laser und mir gegeben“, erzählt Wolff heute. Aber man habe sich zusammengerauft. Das Ziel war, einfach nur zu überleben. Helmut weiß bis zum Ende des Krieges nicht, dass er keine Familie mehr hat, dass alle entweder in den Freitod gegangen oder in den KZ der Nazis umgebracht worden sind. Nur sein Vetter lebt noch. Bei Kriegsende ist Helmut etwa zehn Jahre alt. Margarethe Laser, Tochter von Klara Laser, kehrt aus ihrem Versteck zurück. Sie und ihr späterer Mann nehmen Helmut bei sich auf. In Trier, dort zieht die Familie später hin, macht Helmut Wolff sein Abitur, studiert später unter anderem in Hamburg Ingenieurwesen, bevor er in die Architektur wechselt.

„Ich habe so viele gute Menschen kennengelernt, und die hatte man damals als jüdisches Kind bitter nötig, um zu überleben“, so Helmut Wolff am Ende seines erschütternden und packenden Vortrags im Rathaus.