Bleckede

Janusz Kahl hat „die Hölle in der Idylle“ überlebt

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Carolin George

Ehemaliger Häftling eines KZ an der Elbe musste beim Bau eines Kraftwerks für die damaligen HEW mithelfen. 70 Jahre später kommt er an den Ort seines Martyriums zurück.

Bleckede. 1944. Janusz Kahl ist 17 Jahre alt, als Deutsche ihn aus Warschau verschleppen. Er landet in Alt Garge an der Elbe: ein Fluss, ein paar Häuser, viele Kiefern – und ein Konzentrationslager. 70 Jahre später ist der Warschauer zurückgekehrt und hat vor 350 Zuhörern im Bleckeder Gymnasium von der schlimmsten Zeit seines Lebens erzählt.

Eingeladen hatten ihn die AG Juden in Bleckede und der Freundeskreis Literatur in der Region aus Bleckede: Die Vereine haben die dritte Auflage des Buches „Die Hölle in der Idylle“ des Hamburger Berufschullehrers John Hopp auf den Weg gebracht und Janusz Kahl anlässlich der Vorstellung zum Zeitzeugengespräch gebeten.

John Hopp ist 71 Jahre alt, als er bei einem Spaziergang von seinem Ferienhaus an der Elbe Gräber von dänischen und polnischen Häftlingen entdeckte. Sie lassen dem pensionierten Berufsschullehrer keine Ruhe, und er beginnt seine Recherche. Das ist 1982. 1987 erscheint das Ergebnis seiner jahrelangen Nachforschungen dann in einer ersten Auflage.

„Das Buch bewahrt Leiden vor dem Vergessen, es ist ein unverzichtbarer Mosaikstein zur Aufklärung über das Terror- und Lagersystem der SS“, sagte Dr. Detlef Garbe, Direktor der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Exakt 86 Außenlager hat das Konzentrationslager am Rande Hamburgs zwischen 1942 und 1945 errichten lassen, um das Arbeitspotenzial der Häftlinge für kriegs- und wirtschaftliche Zwecke zu nutzen. Rücksichtslos haben die Nationalsozialisten die Menschen ausgebeutet, den Tod durch Entkräftung bewusst in Kauf genommen.

In Alt Garge haben die Häftlinge nicht nur ihr eigenes Lager aufbauen müssen, sondern auch ein neues Kohlekraftwerk für die Hamburger Electricitätswerke (HEW). Bis 1974 war es in Betrieb – doch erst Mitte der Neunziger Jahre stellte sich das Unternehmen seiner Vergangenheit. „Bis dahin wurde dieses Geschichtskapitel unterschlagen“, sagte Garbe. Das ist heute anders: Die Buchvorstellung in Bleckede besuchte ein Vertreter von Vattenfall, dem Rechtsnachfolger der HEW. Sowohl Vattenfall als auch die Sparkassenstiftung Lüneburg haben die Neuauflage finanziell unterstützt.

Ergänzt ist das Buch des 2004 verstorbenen John Hopp um neue Forschungen des Bleckeder Hobbyhistorikers Henning Bendler: Zwei Lager hat es in Alt Garge für den HEW-Kraftwerksbau gegeben, weiß Bendler. Eines von August 1944 bis Februar 1945 als Außenlager von Neuengamme, ein weiteres war bereits seit 1940 im Bau. Menschen aus Slowenien, Kroatien, Polen, Tschechien, den Niederlanden und der Slowakei kamen unfreiwillig an die Elbe. „Je tiefer sie in der NS-Rassenlehre angesiedelt waren, desto schlechter waren die Bedingungen für sie“, sagte Bendler. 646 Einwohner zählte Alt Garge im Jahr 1949, aufgeteilt auf 243 Adressen. Bei 28 Prozent der Menschen lautete die Adresse noch vier Jahre nach Kriegsende: Lager A, das Lager für den HEW-Kraftwerksbau – nicht das Außenlager Neuengamme. Erst 1954 wurde es abgerissen, bis auf Garage und Kantine: Heute genutzt von einer Kita. Janusz Kahl gehörte nicht zu Lager A. Die Deutschen schickten ihn ins Lager B. Dort steht heute eine Autowerkstatt.

Es sind die Tage des Warschauer Aufstands – nicht des Warschauer Ghetto-Aufstands – im Jahr 1944, als die Familie Kahl nach Deutschland verschleppt wird. Es ist der 10. August.

Janusz Kahl spricht Deutsch, erzählt in Bleckede aber lieber auf Polnisch von der Zeit vor 70 Jahren. Georg Erdelbrock von der KZ-Gedenkstätte übersetzt.

Janusz Kahl ist 87 Jahre alt, seine Haut und seine Haare sind weiß. Schmal ist der alte Mann, die Beine schlägt er unter dem Tisch nicht übereinander, sondern stellt beide Füße auf den Boden der Bühne. Die Hände, durchzogen von dicken Adern, legt er auf einem der Knie übereinander.

„Pazifizierung“ nannte es die SS, als sie die Menschen eines ganzen Stadtteils verhaftet, ausraubt und vergewaltigt. „Trotzdem hatten wir Glück im Vergleich zu einem anderen Stadtteil: Dort wurden alle erschossen.“

Nach einer Nacht auf dem Marktplatz, einem Durchgangslager mit zufälliger Sortierung der Gefangenen in verschiedene Gruppen für verschiedene Lager und zehn Tagen Quarantäne war Alt Garge ab 24. August 1944 der Ort für Janusz Kahl, an dem er leben musste. Da das Lager für diese Menge Menschen (etwa 500 Männer wurden aus Warschau dorthin verschleppt) nicht ausgelegt war, mussten sie zunächst auf dem Boden schlafen.

Firmen haben die Häftlinge zur Arbeit eingezogen, an fünf deutsche Begriffe kann Janusz Kahl sich erinnern: Straßenbau, Kabelbau, Hafen, Kiesgrube und Sandgrube.

Er selbst musste Kies und Sand verladen, „das brauchte unglaublich viel Kraft“. Sein Körper ging in die Knie: Aus jeder Abschürfung wurde eine eiternde Wunde, er bekam Geschwüre wegen des Vitaminmangels, die ganze Haut war irgendwann verkrustet und von Schorf überzogen.

Der rechte Arm war nach dem Krieg kaputt, er wog noch 43 Kilo und brauchte ein Jahr zur Regeneration. „Schwer zu sagen, aufgrund welchen Wunders ist da rausgekommen bin“, sagt der Mann 70 Jahre nach seinem Horrorjahr an der Elbe. 49 Männer haben die Arbeit an dem Kraftwerk nicht überlebt. Janusz Kahl ist 1945 nach Wöbbelin gekommen und dort am 2. Mai befreit worden.

2013 in Bleckede sagt Janusz Kahl, der von Deutschen fast zu Tode misshandelt wurde: „Ich habe gelitten, aber das war damals. Das waren andere Leute. Es gibt keinen Grund, von den damaligen Gefühlen etwas in die heutige Zeit zu tragen. Ich denke, dass die nächste Generation nach der, die uns malträtiert hat, den Fehler verstanden hat.“

Lachen kann er sogar, wenn er nach Entschädigungen gefragt wird: „Bei mir hat der polnische Staat ein Minus gemacht.“ Denn – das ergänzt er ohne zu lachen: „Die meisten anderen waren zum Zeitpunkt der Auszahlung schon tot.“

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