Harburg

Ein Kunstwerk wirft Fragen auf

An der Immobilie am Schellerdamm 28 in Harburg fehlt eine Tafel mit der notwendigen Erklärung

Harburg. „Ich bin doch einigermaßen überrascht“, sagt Armin Roski aus Marmstorf, nachdem er sich das Kunstwerk „Fischgalerie“ an der Hauswand am Schellerdamm 28 angeschaut hatte. Es war aber nicht die Fischgalerie aus Edelstahl, die dort schon seit zehn Jahren die Blicke auf sich zieht und nun ihren Betrachter nachdenklich werden ließ, es war die bröckelige und unverputzte Hauswand hinter dem Edelstahlkunstwerk, die er nicht in einen schlüssigen Zusammenhang mit den drei Stahlfischen bringen konnte. Armin Roski, der Mitglied der 1765 in Hamburg gegründeten Patriotischen Gesellschaft ist und sich gemäß der Gesellschaftssatzung um die Beförderung der Künste und des nützlichen Gewerbes ehrenamtlich kümmert, sagt: „Ich dachte immer, die Hauswand soll noch mal saniert werden. Aber das scheint ja nicht der Fall zu sein.“

Und wie es aussieht, wird sich auch in Zukunft am Zustand der Wand nichts ändern, denn die unverputzte Wand ist tatsächlich ein Teil des vor zehn Jahren von der Harburger Designerin Maya Meinecke geschaffenen Kunstwerks Fischgalerie. „Es müsste dann doch aber eine Hinweistafel mit einer Beschreibung des Gesamtkunstwerks angebracht werden, damit sich der Betrachter einen Reim darauf machen kann, was dieses Arrangement aussagen will“, sagt Roski.

Hinter dem gesamten Geschehen steckt Arne Weber, der Chef des Hamburger Bauunternehmens HC Hagemann, der bereits 1992 begonnen hatte, seine Vision von einem modernen Hamburger Binnenhafengebiet in die Tat umzusetzen. Die Hafenindustrie war weitgehend am Ende. Moderne Zeiten begannen mit der Entwicklung der Technischen Universität. Bedarf an modernen Büroflächen und Wohnraum wuchs. Weber ließ industrielle Altbauten sanieren und modernisieren und schuf auch Neubauten wie den 2002 fertig gestellten 75 Meter hohen Channel Tower an der Ecke Karnapp/Schellerdamm.

Die gesamte moderne Bürowelt aus alten und neuen Gebäuden hört auf den Namen Channel Hamburg. 2006 trennte sich Weber von den Channel-Bauten eins bis elf und verkaufte sie an die ehemals bundeseigene Industrieverwaltungsgesellschaft IVG, die sich zu einer großen europäischen Immobilienfondsgesellschaft entwickelt hatte. Die IVG hat damals auch das Kunstwerk am Gebäude Schellerdamm 28 übernommen und derzeit offenbar andere Sorgen, als sich mit der Kunst und möglichen Erklärungstafeln zu beschäftigen. Zu den Sorgen zählen nicht vermietete Büroflächen im Channel.

Aber Arne Weber und Designerin Maya Meinecke erinnern sich gut an die künstlerische Gestaltung im Binnenhafengebiet, wo Alt und Neu zum Teil auf engstem Raum aufeinander treffen. Weber: „Wir haben Glas und Stahl, Sichtbeton und frisches Mauerwerk. Wir haben den Hafen und das viele Wasser. Und wir haben natürlich auch noch die alten Gebäude, die wir nicht vergessen wollen.“ Maya Meinecke: „Zum Wasser gehören Fische aber auch Wasserratten. So war meine erste Arbeit eine Wasserratte mit einem Bauch in Form eines At-Zeichens. Das At-Zeichen verdeutlicht das moderne Computer-Zeitalter, die Wasserratte den früheren industriellen Schmuddel. Es gab früher viele Wasserratten im Binnenhafen, meine Skulptur steht im Westlichen Bahnhofskanal.“ Und die Fische zieren nun als „Fischgalerie“ die Außenwand am Schellerdamm 28 und als „Schwarm“ die Sichtbetonwände im Foyer des angrenzenden Channel Towers. Weil Arne Weber mit seiner Lebenserfahrung auch zur Erkenntnis gekommen ist, dass mindestens auch ein Schwein zu jeder Ansammlung gehört, ist der Fischschwarm um ein rosafarbenes Schwein ergänzt.

Und die drei Fische der Fischgalerie, die sich in zwei mal zwei Meter großen, gebürsteten Edelstahltafeln an der Altbaufassade befinden und bei Dunkelheit von hinten grün beleuchtet werden – passend zur grünen Beleuchtung an der Mauerwendel des Channel Tower – sollen nach den Worten von Maya Meinecke den Spannungsbogen zwischen Alt und Neu verdeutlichen. Und Arne Weber sagt, er sei schon häufiger auf die alte Steinfassade angesprochen worden. „Ist euch da das Geld ausgegangen?“, sei er mal gefragt worden. „Nein, das mit Sicherheit nicht“, antwortet er, „es wäre für uns einfach gewesen, die Wand ebenfalls neu zu verklinkern. Aber in diesem Fall soll der Wandel von Alt nach Neu sichtbar gemacht werden.“

An der alten Hauswand sind im oberen Abschnitt noch die Kacheln des früheren Lever Sunlicht-Gebäudes zu erkennen. Und direkt Stein auf Stein sind noch Spuren des früheren Bäckereibetriebs zu erkennen, der für den Neubau des Channel Towers abgerissen worden war. Designerin Maya Meinecke könnte sich eine Tafel für die Erklärung des Kunstwerks vorstellen. Der Hauseigentümer müsste sich darum allerdings kümmern.