Harburg

Franz-Josef macht das Kreuz flott

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Rachel Wahba

Kirchturmrenovierer Skrzipek repariert die Unterkonstruktion des Kreuzes von St. Johannis

Harburg. Franz-Josef Skrzipek macht gerne Scherze. Wenn er seinen jungen Helfer vorstellt, sagt er: „Die anderen sind schon tot, ich brauchte einen neuen.“ Sein Azubi Piotr Koloch lächelt. Männer wie Skrzipek brauchen für ihren Job wahrscheinlich eine gehörige Portion Humor. Heute hat der Kirchturmrenovierer einen Termin in Harburg, im Kirchturm der St. Johannis Kirche in der Bremer Straße. Der Architekt des Kirchenkreises Ost, Hagen Dorow, erwartet den Handwerker schon. Skrzipek soll die Konstruktion, auf der das Kirchenkreuz auf dem Turm befestigt ist, reparieren. Natürlich ist der Mann mit Seilen und Helm gesichert, wenn er mit dem Lötkolben über den Dächern Harburgs hantiert. Trotzdem bleibt der Job lebensgefährlich.

„Das Kreuz ist noch stabil, runterfallen wird es nicht. Aber die Unterkonstruktion muss dringend repariert werden, damit wir Ruhe bis zur Turmsanierung im nächsten Jahr haben“, sagt der Architekt. Die Unterkonstruktion des Kreuzes auf dem Kirchenturm ist aus Stahl. Verkleidet ist der Stahl mit Kupfer. Der Stahl unter dem Kupfer ist im Laufe der Jahre korrodiert, also gerostet, weil Regenwasser dem Stahl zugesetzt hat. „Bei zwei verbauten Metallen korrodiert immer das unedlere der beiden. Das ist in diesem Fall der Stahl. Wenn Metall korrodiert, kann es sein Volumen bis zum neunfachen vergrößern. Der Stahl drückt also die Kupferverkleidung raus“, erklärt Doro. Und in 36 Metern Höhe ist das ein Fall für Skrzipek.

Franz-Josef Skrzipek und Piotr Koloch kommen aus Hannover angereist. „Es gibt auch hier in Hamburg einen Handwerker, der sich auf Kirchtürme spezialisiert hat, aber wir arbeiten schon seit Jahren mit Herrn Skrzipek zusammen“, sagt Hagen Dorow. Und dann steigen der Architekt und der kleine, drahtige Mann, der das Kreuz richten soll, mit dem Azubi die schier endlos wirkenden Treppen im Turm auf. Unterwegs im engen Treppenhaus zeigt Dorow die anderen Schäden, wegen derer der ganze Turm saniert werden soll. Immer wieder sind Stellen zu sehen, wo der Rost dafür sorgt, dass die Stahlkonstruktion hinter der Betonwand sichtbar wird. Der Beton ist abgeplatzt, weil sich der feuchte Stahl ausdehnt.

Früher, in Polen, habe er Elektriker gelernt, erzählt der 48 Jahre alte Handwerker. „Ich war so oft auf den Dächern von Häusern und habe die Blitzanlagen repariert, dass ich irgendwann beschloss, Dachdecker zu lernen. Nach sechs Jahren habe ich meinen Dachdeckermeister gemacht. Und schon in Polen habe ich viele Kirchtürme repariert“, so Skrzipek. Vor vielen Jahren ist er nach Deutschland gekommen und hat sich in der Nähe von Hannover, in Burgdorf, selbstständig gemacht, als Dachdecker-, Elektromeister und Kirchturmrenovierer.

Angst? Nein Angst habe er nicht, wenn er dort oben auf den Kirchturmspitzen herum klettere und sein Handwerk ausübe. Bei seiner Arbeit aber, und das mache den Unterschied, sei es lebenswichtig, dass die Ausrüstung immer zu 100 Prozent in Ordnung sei. „Und man muss natürlich sehr genau darauf aufpassen, was an macht. „Glücklicherweise hatte ich noch nie einen Unfall“, sagt Franz-Josef Skrzipek und steigt das letzte Stück vom Glockenraum über eine angelehnte Leiter durch eine Luke aufs Dach des Kirchturms von St. Johannis.

Während Skrzipek auf dem Dach des Turmes den Schaden begutachtet, zeigt Architekt Dorow auf die Glocken, die an Stahlkonstruktionen aufgehängt sind, eine echte Bausünde aus den 50er-Jahre. Im Jahr 1894 wurde die Kirche gebaut, 1944 total zerstört bei den Bombenangriffen auf Harburg. 1954 wurde St. Johannis neu gebaut, die alte, zerstörte Kirche war nicht mehr zu retten. Und damals hat man die etwa 600 Kilogramm schweren Kirchglocken nicht wie es früher üblich war, in einem hölzernen Glockenstuhl aufgehängt, sondern in eine Stahlkonstruktion.

„Die Bewegungen der Glocken werden auf die Stahlträger übertragen, die in den Betonwänden eingebaut sind“, sagt Hagen Dorow. Und das ist die Krux: Der Stahl kann nicht, wie Eichenholz, die Schwingungen auffangen, beziehungsweise abfedern. Dort, wo der Stahlstreben in der Betonwand verankert sind, ist der Beton beschädigt. Also will Dorow die Glocken im nächsten Jahr bei der Turmsanierung in einen Glockenstuhl aus Eichenbalken aufhängen.

Skrzipek hat den Schaden inzwischen begutachtet und steigt wieder vom Dach hinunter. Er werde, erklärt er dem Kirchen-Architekten, die Kupferplatten teilweise erneuern und wieder festlöten. Dann müsste das Kreuz sicher stehen, der Regen wird abgehalten von der Unterkonstruktion. Zwei bis drei Stunden wird Franz-Josef Skrzipek dafür in luftiger Höhe verbringen.

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