Wilstorf

Die Tennis-Cracks vom Hinterhof

Wenn die Spieler des Tennisclubs Wilstorf aufschlagen, wird jeder Balkon an der Rosentreppe zur Loge

Wilstorf. Die Haupttribüne am Center Court des Tennisclub Wilstorf ist mindestens so hoch, wie die am Rothenbaum. Sie fasst allerdings nicht annähernd soviele Zuschauer. Das liegt an der doppelten Exklusivität der Tribüne: Sie hat nur Logen und um eine solche zu erhalten, muss man Mitglied sein – im Eisenbahnbauverein.

Damit hat es sich auch mit der Exklusivität des Clubs und das finden seine Mitglieder auch gut so. Schließlich ist der Tennisclub mit den beiden Plätzen im Hinterhof der Baugenossenschaftsblocks an der Rosentreppe aus der Arbeitersportbewegung entstanden und seine Mitgliedsbeiträge sind immer noch so gestaltet, dass Normalverdiener keine Schwierigkeit haben, sie aufzubringen. Den After-Match-Drink müssen sich die Spieler noch selbst mit dem Flaschenöffner kredenzen und Häppchen gibt es höchstens aus der Brotdose. Das klingt jetzt ein bisschen wie Ryanair am Sandplatzrand; hat aber viel mehr Charme, finden alle, die den TC Wilstorf einmal besucht haben.

„Wir hatten mal eine Mannschaft vom Club an der Alster zum Punktspiel hier zu Gast“, erinnert sich Vereinspräsident Uve Peters. „Die haben zuerst etwas ungläubig geguckt, aber nach dem Spieltag wollten sie unbedingt wiederkommen.“

Die Tennisanlage auf dem Hof existiert seit 1930

Das mag daran liegen, dass das wohnzimmergroße Vereinshaus zwar auch an Spieltagen keine Gastronomie bietet, aber die Spieler und ihre Frauen selber dafür sorgen, dass es den Gästen an nichts mangelt. „Vor allem die Salate hatten es damals den Alster-Herren angetan“, sagt Peters.

Die Hinterhoftennisanlage gibt es seit 1930. Damals wurden die Plätze vom „Reichsbahn-Sportverein Viktoria“ angelegt. Daran waren zwar auch gesetzte Bürger aus Wilstorf beteiligt, aber eben nicht nur. Der Verein ermöglichte es auch ganz normalen Eisenbahnern, den weißen Sport auszuüben. Die Reichsbahn beteiligte sich auch mit Material: Das erste Vereinsheim war ein ausrangierter Viehwaggon, der mit viel Liebe innen ausgebaut wurde. „Wie man den hierher bekommen hat, weiß ich nicht“, sagt Uve Peters, „aber er wurde bis in die 70er-Jahre hinein benutzt.“ Bald nach der Vereinsgründung kamen Nazis und Krieg, der Spielbetrieb ruhte. Auch nach dem Krieg wurde die Anlage zunächst nicht genutzt. „Ich erinnere mich, dass ich schon als kleiner Junge hier rumgebutschert bin“, sagt Uve Peters, „Erst Anfang der 50er-Jahre wurde hier wieder gespielt“.

Zum Tennis zog es ihn damals noch nicht. Er spielte erst einmal Fußball. „Später suchte ich aber einen Sport, den man mit seiner Frau zusammen betreiben kann“, sagt er. Als Eisenbahner bot sich ihm da gleich der Tennisclub Wilstorf an. Zwar hatte die Deutsche Bahn sich von ihren Werksvereinen getrennt, aber die Clubs existierten noch und waren von Eisenbahn-Mitarbeitern dominiert. Viele wohnten in der unmittelbaren Umgebung, beim Eisenbahnbauverein.

„Wir hatten mal einen Platzwart, der direkt von seinem Balkon aus beobachten konnte, ob wir nach den Spielen den Sand auch wieder ordentlich geglättet haben“, erinnert sich der zweite Vorsitzende des Vereins, Wolfgang Hahn. „Der musste nichts sagen, sondern stand einfach nur auf seiner Loggia und guckte herunter. Wir wussten, dass wir erst mit der Platzpflege fertig waren, wenn er zurück in seine Küche ging.“

Die Anwohner stört der Tennisclub im Hof nicht. Sie genießen vielmehr den direkten Blick auf die technikbetont ausgetragenen Doppel äußerst erfahrener Tennisspieler. „Wir nehmen Rücksicht auf die Nachbarn und die Nachbarn nehmen Rücksicht auf uns“, sagt Wolfgang Hahn. „So haben wir zum Beispiel keine Flutlichtanlage und auch im Hochsommer spielen wir höchstens bis neun Uhr abends.“

Zu seinen besten Zeiten hatte der TCW 110 Mitglieder. Streit um die beiden Plätze gab es trotzdem nie: „Wir haben uns immer untereinander einigen können“, sagt Peters. „Die familiäre Atmosphäre ist es, die diesen Verein ausmacht.“ Das zieht auch immer mal Spieler aus anderen Vereinen an die Rosentreppe, zum Beispiel, wenn in ihren Stammvereinen die Stimmung eher angespannt ist.

Trotzdem pflegt der TCW gute Kontakte zu allen Nachbarvereinen. Das muss er auch, schließlich sind die Wilstorfer Aktiven in der kalten Saison darauf angewiesen, bei anderen Clubs Hallenzeiten zu bekommen.

Das jüngste Vereinsmitglied ist 45 Jahre al

Mittlerweile ist Uve Peters der Vereinsälteste, der Älteste und der Vorsitzende in einer Person. Außer dem 75-jährigen gibt es noch 31 andere Mitglieder, das jüngste ist 45. „Es ist abzusehen, dass wir aussterben“, sagt Peters. Davon ist im Ligabetrieb allerdings nichts zu merken: Beide Mannschaften, die der TCW am Start hat – eine Herren 65, eine Herren 70 – sind gerade souverän in die dritthöchste Hamburger Spielklasse aufgestiegen.

Dennoch wäre dem Verein Nachwuchs höchst willkommen. „Am besten Spieler mittleren Alters“, sagt Wolfgang Hahn. „Um Jugendliche an den Verein zu binden, sind wir wohl zu alt.“ Wer den Club mal besuchen möchte, hat dienstags die besten Chancen. Nachmittags und abends trainieren die Ligamannschaften.