Zwei auf einer Wellenlänge

Die Firma Ultrawaves auf dem TUHH-Campus ist mit einer patentierten Ultraschall-Umwelttechnologie für Klär- und Biogasanlagen Weltmarktführer. Sie bildet den Auftakt unserer neuen Innovations-Serie „Von Harburg in die Welt“

So häufig wie in den vergangenen Monaten ist Klaus Nickel nie zuvor aus seiner Heimat herausgekommen. Dubai, Singapur, Hongkong. Und jetzt wieder Harburg. Bevor es in ein paar Monaten erneut mit dem Flieger nach Übersee gehen wird. Spanien, Frankreich, Polen, Großbritannien, China, Japan, USA – auf der Weltkarte in der Firmenzentrale auf dem Unicampus stecken die Fähnchen mit dem Firmenlogo dicht bei dicht. Klaus Nickel hat sie persönlich an die Karte gepinnt. So kann er Tag für Tag sehen, wie das Imperium seines Unternehmens wächst. Das System, das Dr. Klaus Nickel und sein Geschäftspartner Prof. Uwe Neis vor zwölf Jahren aus dem Labor der Technischen Universität Hamburg auf den Markt gebracht haben, schlägt inzwischen weltweit Wellen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Es handelt sich um einen „Ultraschallreaktor zur Effizienzsteigerung bei der Vergärung von Biomasse in Biogas- und Kläranlagen“, was beim Laien zunächst viele Fragezeichen aufwirft. Prof. Neis fasst es mit einfachen Worten: „Das Gerät ist 80 Kilogramm schwer und kaum größer als ein normaler Koffer. Dahinter verbirgt sich ein Hochleistungs-Ultraschallgerät, mit dem zum Beispiel Abwasserklärschlamm beseitigt werden kann. Die Wellen, es sind 20.000 Schwingungen in der Sekunde, jagen durch das Wasser und knacken quasi jeden Stoff, ganz egal um welche Form von Biomasse es sich handelt.“ In Kläranlagen zum Beispiel verkürze der Ultraschall die Faulzeit des Klärschlamms, indem er diesen auflockere und die Zellwände der im Schlamm enthaltenen Mikroorganismen aufbreche. Ein Gerät also, um Wasser zu reinigen ohne chemische oder physikalische Unterstützung. Eingesetzt werden die Systeme in Klär- und Biogasanlagen, zum Beispiel in Ahrensburg, Bargteheide, Schleswig und Bamberg, in Südamerika, den USA und Asien.

Seine Wurzeln hat das Unternehmen an der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH). Die Idee, Ultraschallwellen im Umweltbereich einzusetzen, wird 1993 geboren. Damals richtet die Rüstungsindustrie eine verblüffende Anfrage an die TUHH. „Die Mauer war gefallen, die Feinde waren uns abhanden gekommen. Ultraschalltechnik unter Wasser zur Ortung von U-Booten wurde nicht mehr gebraucht“, erinnert sich Neis. „Man wollte von uns wissen, in welcher Form sich Ultraschall außerdem in wässrigen Medien nutzen lässt.“ Neis, von dem Forschungsauftrag begeistert, geht mit seinen Studenten, den Diplomanden und Promovierenden ans Werk. Dazu gehört auch der damals 25 Jahre alte Verfahrenstechniker Klaus Nickel. Er hat sein Studium abgeschlossen, möchte jetzt seine Doktorarbeit schreiben. Neis stellt ihn an. Der junge Harburger wird zum wichtigsten Mann für ihn. Sieben Jahre wird getüftelt, experimentiert, entwickelt. Die Ergebnisse am Ende der Forschungsarbeit überzeugen. „Wir wussten nun, dass wir Wasserqualität mit Ultraschall beeinflussen können“, so Neis. „Die Erkenntnis war damals völlig neu.“

Was aber mit diesem Wissen anfangen? Welches Produkt entwickeln? Und welchen Markt erschließen? Die Möglichkeiten scheinen schier unendlich. Schließlich entscheiden sich Prof. Neis und Dr. Nickel für die ihnen am Erfolg versprechendste Anwendung: Sie wollen versuchen, mit der Technik biologische Prozesse im Wasser und Abwasser beschleunigen. Die beiden Wissenschaftler machen sich auf die Suche nach einem Industriepartner, der die entsprechenden Geräte entwickelt. 2001 gründen sie das Unternehmen Ultrawaves. Sie beziehen ein Büro im Northern Institute of Technologie auf dem Campus, mieten ein Labor an, entwerfen ein Firmenlogo. „Wir waren Ingenieure, aber keine Geschäftsleute“, sagt Klaus Nickel. „Dementsprechend hatten wir keine Ahnung davon, wie schwer es sein würde, ein neues Produkt auf einem konservativen Markt zu etablieren.“ Die beiden Geschäftspartner beteiligen sich an den Ausschreibungen der Kommunen, die in Deutschland die Kläranlagen betreiben. Doch diese sind skeptisch. Das Vertrauen in die neue Technik muss erst wachsen. Doch wie soll das geschehen, wenn es kein Pilotprojekt gibt? Wenn keine Betrieb bereit ist, den ersten Schritt zu machen? Das Projekt stockt. 2003 stehen sie kurz vor der Pleite. Nur mit Hilfe von Fördergeldern kann sich Geschäftsführer Nickel über Wasser halten. „Wir hatten alles in das Produkt investiert, weil es darum ging, uns am Markt zu etablieren“, sagt Nickel. Ein letztes Mal beschließen sie zur Weltleitmesse für Wasser-, Abwasser-, Abfall- und Rohstoffwirtschaft nach München zu reisen. Sie ahnen, dass die Fahrt ihre letzte sein könnte. Auf der Messe kommen sie mit Firmen aus Amerika und Japan ins Gespräch. Mit dem ersten Auftrag kehren sie zurück. Es ist der Beginn der Vermarktung und zugleich der Durchbruch. Schon wenige Monate später geben die Gründer den Vertrieb an ausländische Firmen vor Ort ab. Bereits ein Jahr später sind sie weltweiter Marktführer. Im Jahr 2006 erhält die Ultrawaves GmbH für seinen Ultraschall-Reaktor den Innovationspreis des Bundesverbandes der Deutschen Industrie.

Es sind zwei ungleiche Gestalten, die hinter Ultrawaves stecken. Auf der einen Seite der 70 Jahre alte Professor, ein Genie seines Faches, weltgewandt, mit langjähriger Auslandserfahrung und trockenem Humor. Neis ist in der Welt herumgekommen, hat in Zentralafrika Wasserversorgungssysteme entwickelt und in der Karibik das Umweltmanagement der 16 Inselstaaten aufgebaut. Ein Mann mit Leidenschaft für sein Metier, der seit seinem Bauingenieursstudium an der TU Karlsruhe genau wusste, welchem Thema er seine Forscherleidenschaft widmen wollte: dem Wasser. Das war ihm spätestens klar, als Ende der Sechziger einer seiner Kommilitonen beim Schwimmen im Rhein auf eine Glasscherbe trat. „Er kam aus dem Wasser und blutete wie ein Schwein“, erinnert sich Neis. „Dieses Erlebnis war Sinnbild für die Wasserverschmutzung.“

An seiner Seite steht Klaus Nickel, Dr. Ing., 45 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Marmstorf. Er hat an der TU studiert und promoviert. Heimatverbunden ist er, bodenständig durch und durch. Kein Mann für Experimente, sondern fürs Solide. Neis schätzt an seinem jüngeren Kollegen die Zuverlässigkeit und den Realismus. „Klaus ist einer, der keine Luftschlösser baut, sondern am Boden bleibt.“ Die beiden haben großen Respekt voreinander. Zur Promotion 2001 bot Neis seinem Doktoranden das „Du“ an. Da kannten sie sich bereits acht Jahre. Aus Kollegen sind inzwischen Freunde geworden.

Die Produkte ihres Unternehmens sind heute in 22 Ländern der Erde vertreten. Hinzu kommt, dass sich an unerwarteter Stelle ein weiteres Anwendungsgebiet abzeichnet: die Energiegewinnung in Biogasanlagen. Denn auch hier kann der Ultraschall die Faulzeit des Klärschlamms verkürzen und damit den Wirkungsgrad landwirtschaftlicher Biogasanlagen verbessern. Also haben Nickel und Neis Anfang des Jahres den „Biosonator“ auf den Markt gebracht. Auch hier werden per Ultraschall die Zellwände von Biomasse aufgebrochen, sodass die Bakterien leichtes Spiel haben, diese Biomassesuppe zu Biogas zu verdauen.

Nickel und Neis sind optimistisch, dass hier ein neuer Markt wartet. Und dass noch vieles mehr mit Ultraschall im Wasser möglich ist. Und so wird im firmeneigenen Labor weiter geforscht. Ob Klärschlamm, Maishäcksel oder Grasschnitt – die Proben kommen aus aller Welt, landen im Kühlschrank und werden im Testlauf mit dem Ultrawaves-Verfahren behandelt. Kürzlich kam eine Anfrage aus Australien. Darüber sind die sie besonders stolz. Weil auf der Weltkarte im Büro genau dort noch Platz für viele Ultrawaves-Fähnchen ist.