Harburg

Judo: Zack - schmeiße ich Mama um

In der Harburger Eltern-Kind-Judogruppe lernen die Kleinen beim Toben Koordination und Disziplin.

Harburg. Dass Elefanten rote Augen haben, damit sie sich besser im Kirschbaum verstecken können, ist ein uralter Kinderwitz, aber er zieht jeden Montag aufs neue. 15 Knirpse zwischen drei und sieben Jahren kugeln vor Lachen über die Judomatte des Harburger Turnerbunds (HTB) auf der Jahnhöhe. Ihre Eltern liegen dazwischen und lächeln höflich.

Die Freude der Kinder rührt nicht nur daher, dass sie den Witz miterzählen können, sie wissen auch, dass jetzt ein Spiel losgeht, dass ihnen richtig Spaß macht: Sie dürfen ihre Eltern umschubsen, denn sie sind nun kleine Elefanten, die mit den großen rangeln. Mit einem lauten "Törööö!" geht es ins Getümmel, Kinder und Eltern auf allen Vieren. Immer wenn ein Kind auf einen Erwachsenen trifft, krabbelt es unter den großen Elefanten, nimmt sich den gegenüberliegenden Arm, zieht diesen diagonal unter dem Elternbauch hervor und stemmt sich dabei gegen die Seite des Erwachsenen. Mutter oder Vater kippen nun um. Auch die Eltern kullern die Kinder auf diese Weise. Die Kleinen rollen auf die Seite und klatschen dabei mit dem Arm laut auf die Matte.

Das Elefantenschubsen vereinigt gleich drei Elemente, mit denen sich auch größere Judoka immer wieder intensiv auseinandersetzen: Bodentechnik, Wurf und Fallübung. Allerdings nutzt sich auch der größte Spaß bei den kleinen Rackern schnell ab und es muss ein neuer her. Zum Glück hat Trainerin Gabi Ewert noch so einiges auf Lager: Lebende Müllautos, Kletteraffen und popoklatschende Schlangen, zum Beispiel.

Erst einmal schickt sie Eltern und Kinder jedoch mal wieder laufen: "Damit die Kleinen gleich wieder konzentriert zuhören können", sagt die Übungsleiterin. "Das Laufen dient gleichzeitig als strukturierendes Element und zum Abbau der Aufregung über das Spiel davor."

Die Eltern- Kind-Judo-Gruppe beim HTB gibt es seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Ins Leben gerufen hatte sie der Judo-Abteilungsleiter des Turnerbundes, Ralf Reinholz. Er leitete die Gruppe auch zunächst. Vor zehn Jahren übernahm Gabi Ewert sie dann. Sie war einst als Mutter mit ihrem damals kleinen Sohn zum Judo gekommen, entdeckte den Sport für sich und nahm am Breitensport-Training der Judo-Abteilung teil.

Als sich abzeichnete, dass Ralf Reinholz die Kleinkindergruppe aufgrund zahlreicher anderer Verpflichtungen - unter anderem als internationaler Kampfrichter - abgeben musste, besuchte Gabi Ewert Lehrgänge. "Dabei ist es allerdings schwierig, Lehrgänge und Weiterbildungen für unser Konzept zu finden", sagt sie. "Judo-Trainingskonzepte beginnen in der Regel mit sechsjährigen Kindern." So bildete sie sich bei Kinderturnern und bei Psychomotorik-Lehrveranstaltungen fort und versucht, das dort gelernte Wissen auf die Judomatte an der Jahnhöhe zu übertragen.

Oft ist sie erstaunt, wie gut das geht. "Im Judo steckt viel Psychomotorik und dadurch, dass bei uns die Eltern mitmachen, fällt es den Kindern auch leichter, sich auf die Übungen einzulassen." Dass die Eltern mitmachen, ist ein ganz wichtiger Aspekt in dieser Gruppe: "Judo lebt vom partnerschaftlichen Üben und die Eltern sind der beste Übungspartner", sagt Gabi Ewert. "Außerdem kommt man als Mutter oder Vater von Kleinkindern sonst ja seltener dazu, Sport zu treiben. Ich achte deshalb immer darauf, dass auch die Eltern ordentlich schwitzen. Und zu guter Letzt, stärkt das gemeinsame Üben die Bindung zwischen Elternteil und Kind. Ich habe wohl aus diesem Grund einen relativ hohen Anteil an Vätern, die mit ihren Kindern kommen."

Judo-Papa Jochen Hartmann weiß das zu bestätigen. Er ist mit seinem Sohn Max seit einem halben Jahr dabei. "Früher bin ich viel gelaufen", sagt der TU-Angestellte. "Seit ich Papa bin, komme ich jedoch kaum noch dazu. Ich genieße es, mich einmal die Woche etwas auspowern zu können und gleichzeitig etwas mit meinem Kleinen zu machen." Jochen und Max bekamen den Judo-Tipp im Kindergarten. "Die Erzieherin sagte, Max würde sich wenig zutrauen und empfahl uns diese Gruppe. Davor waren wir schon mal bei der Psychomotorik, aber das hat Max nicht so gefallen. Ich glaube, dass ich mitmache, ist sehr hilfreich." Max nickt heftig. "Am tollsten am Judo ist, dass ich mit Papa toben kann", sagt er.

Völlig wild durcheinander geht es allerdings auch beim Eltern-Kind-Judo nicht. Immerhin ist dies ein asiatischer Kampfsport und erfordert auch von den Kleinsten zwar noch keinen weißen Anzug mit perfektem Gürtelknoten, aber immerhin schon ein Minimum an Disziplin und Etikette, ob das nun das geordnete An- und Abgrüßen ist oder die relative Stille, die herrscht, wenn Gabi Ewert Übungen erklärt. "Das funktioniert aber einfach so. Einen Zwang gibt es nicht", sagt Gabi Ewert. "Der Spaß steht im Vordergrund."

Für die meisten Kinder endet das Krabbeljudo-Alter ungefähr mit der Einschulung. Einige bleiben noch etwas länger, einige gehen dann ins "richtige" Judo-Anfängertraining, einige hören ganz auf. Es hat auch schon manche Judo-Karriere in der Kleinkindergruppe begonnen. So machte zum Beispiel auch die Harburger Bundesliga- und Nationalmannschaftskämpferin Nieke Nordmeyer ihre ersten Judoerfahrungen als kleiner Elefant mit großen roten Augen. Während der Hamburger Sommerferien macht die Eltern-Kind-Gruppe Pause. Danach heißt es jeden Montag ab 16.30 Uhr wieder "Re!", "Hajime!" und "Törööö!". Neue Eltern und Kinder sind stets willkommen.