Harburg

Schülerpaten leisten "Starthilfe" in Wilhelmsburg

Projekt von Arbeiterwohlfahrt und Schulbehörde verhilft zum Schulabschluss. Nelson-Mandela-Schule macht mit. Die Arbeiterwohlfahrt sucht noch ehrenamtliche Helfer.

Wilhelmsburg. Mehr als 190 Menschen engagieren sich in ihrer Freizeit als Schülerpaten in dem gemeinsamen Projekt "Starthilfe" von Arbeiterwohlfahrt (Awo) und Hamburger Schulbehörde. Studenten, wissenschaftliche Mitarbeiter an Universitäten, frühere Kaufleute und Lehrer sehen für sich einen Sinn darin, jungen Leuten bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz unter die Arme zu greifen. Oder einfach mit ihnen über das Leben zu reden.

Die Nelson-Mandela-Schule in Wilhelmsburg, eine Stadtteilschule mit etwa 80 Prozent Migranten, will sich im neuen Schuljahr ab dem 1. August an dem Projekt "Starthilfe" beteiligen. Die Awo sucht jetzt dafür zusätzliche ehrenamtliche Schülerpaten mit Berufserfahrung, Coachs genannt. Bislang beteiligen sich 17 Schulen an dem im Jahr 2006 gestarteten Projekt.

Früher hätten Eltern ihren Kindern bei der Berufswahl geholfen. Heute seien immer weniger Mütter und Väter dazu in der Lage, sagt Thorsten Scheffner, Abteilungsleiter für die Jahrgänge 8 bis 10 an der Nelson-Mandela-Schule und damit zuständig für die Berufsorientierung.

"Wir haben viele Eltern, die den ganzen Tag arbeiten. Das müssen wir als Schule auffangen. Dazu brauchen wir die Ehrenamtlichen", sagt er.

Die Mutter arbeitet im Schichtdienst, der Vater hat einen Kiosk, kommt erst um 23 Uhr nach Hause. So sieht es aus bei einem Schüler, den Coach Wilfried Bolte betreut hat. "Ich bin ganz erstaunt, was Kinder mit 13 Jahren schon alles erlebt haben", sagt er. Der frühere Bankkaufmann und heutige Rentner aus Buchholz koordiniert das Projekt "Starthilfe" an der Schule Ehestorfer Weg in Harburg und wird diese Aufgabe zumindest zu Beginn auch an der Nelson-Mandela-Schule übernehmen. Für Wilfried Bolte wird das Ehrenamt zum Vollzeitjob.

Es gibt verschiedene Gründe, warum Jungen und Mädchen Paten brauchen. Einer ist auch, dass die Eltern nicht arbeiten, sich in einer Hartz-IV-Karriere eingerichtet haben. Ein Junge vertraute sich seien Coach Wilfried Bolte an, dass in der Familie das Geld fehle, um eine Druckerpatrone kaufen zu können. Der Junge galt als Schulschwänzer, erschien aber zuverlässig zu seinen Coaching-Stunden. Bolte brachte ihn am Ende bei einem Unternehmen als Auszubildenden zum Elektriker unter. Einer seiner schönsten Erfolge, wie er sagt.

Häufig fehle Eltern auch das Wissen, ihrem Kind auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich weiter helfen zu können. Nicht selten habe in Migrantenfamilien die Mutter diese Rolle zu übernehmen. Die habe sich aber selbst nie beworben und sei damit überfordert, sagt Thorsten Scheffner. Selbst einfache Fragen, etwa wie viel Porto auf einen Briefumschlag für den Versand einer Bewerbungsmappe gehöre, seien schon ein erhebliches Problem.

Menschen wie Margret Sauer dagegen wissen, was junge Leute tun müssen, um überzeugend bei einem Unternehmen auftreten zu können. Die frühere Lehrerin und Industriekauffrau hat eine Aufgabe im Ruhestand gesucht und betreut bereits zwei jeweils 13 Jahre alte Jugendliche noch vor dem offiziellen Beginn von "Starthilfe" an der Nelson-Mandela-Schule. "Ich habe mich selbst bei der Schule beworben", sagt sie.

Ehrenamtliche stellen wichtige Weichen für das ganze Leben. Übermenschliches erwartet aber niemand von den Schülerpaten. Ein Coach trifft sich einmal in der Woche meist am frühen Nachmittag nach Schulschluss zu einem Gespräch mit dem Schüler, das 45 bis 60 Minuten dauert. Mit Vorbereitungszeit und An- und Abfahrt seien das zwei bis drei Stunden Aufwand in der Woche, sagt Wilfried Bolte. Manchmal helfen die Coachs auch bei den Schulaufgaben in Fächern, in denen "ihre" Jugendlichen besondere Schwächen hätten. "Wir sind aber keine Ersatz-Nachhilfelehrer", betont er.

Die Schüler, die sich von einem Paten helfen lassen wollen, unterschreiben eine Selbstverpflichtung, regelmäßig zu den Coaching-Stunden zu erscheinen. Dass einzelne sich trotzdem als unzuverlässig erweisen, bleibt nicht aus. Wilfried Bolte rät angehenden Schülerpaten, eine "gewisse Geduld" mitzubringen. "Der Coach trifft auf Kulturen und Lebensverhältnisse, die für ihn neu sind", sagt er.

In der Regel wollten die Jugendlichen etwas erreichen, sagt Margret Sauer. Sie seien ja freiwillig bei ihren Paten. Für den Coach sind es besondere Momente, wenn seine Arbeit Erfolg zeigt. Wilfried Bolte kommen noch heute Tränen der Rührung, wenn er an seine Patin denkt, die eine so große Angst vor der Hauptschulabschlussprüfung gehabt hatte. In der Schule habe die junge Muslimin ihn spontan vor Glück umarmt, als sie den Schulabschluss geschafft hatte.

Wer als Schülercoach an der Nelson-Mandela-Schule in Wilhelmsburg tätig werden möchte, wendet sich an Jenny Fabig beim Awo-Landesverband Hamburg, Telefon: 040/41 40 23 41, E-Mail: jenny.fabig@awo-hamburg.de