Serie: Wie wir wurden, was wir sind

Das Huhn mit den blauen Beinen

Wie wir wurden, was wir sind. Letzter Teil der gemeinsamen Serie von Hamburger Abendblatt und Freilichtmuseum am Kiekeberg: Geschichte der Tier- und Pflanzenzucht

So ganz genau weiß keiner, wie das Ramelsloher Huhn entstanden ist und wo es herkommt. Einige glauben, die Mönche des Klosters Ramelsloh wollten ein möglichst jungfräuliches, schlichtes Huhn mit unauffälligen Beinen züchten, und heraus kam diese besondere Rasse. Andere sind überzeugt, dass es sich einfach als Variante des deutschen Landhuhns entwickelt hat. Sein Markenzeichen sind die blauen Beine. Daher stammt auch der Name Ramelsloher Blaubein.

1874, in der Hochphase der Tierzucht, wurde das Huhn erstmalig als Rasse vorgestellt und nach dem Dorf Ramelsloh benannt, woher es stammte. Es wurde aber auch oft Stubenküken genannt, da es meistens in der Wohnstube gehalten wurde. Inzwischen steht das Huhn auf der roten Liste der bedrohten Haustierrassen. Doch erst vor wenigen Wochen sind wieder Küken dieser Rasse im Museum geschlüpft.

Eine Dauerausstellung im Freilichtmuseum am Kiekeberg beschäftigt sich mit dem Zuchterfolg von Tieren und Pflanzen, mit historischen und modernen Pflanzensorten und Tierarten. Besucher erfahren, was die Menschen bis vor 200 Jahren angepflanzt und welche Tiere sie gehalten haben.

Mit der Verbreitung der Dampfmaschine und der Eisenbahn in Norddeutschland bekam die Pflanzen- und Tierzucht einen immensen Schub. Etwa Mitte des 19. Jahrhunderts kam es zu einem regen Austausch von Saatgut und fertigen Produkten. So gelangte der grüne Krauskohl - heute bekannt als Grünkohl - der von der Firma Cordes in Wilhelmsburg gezüchtet wurde und eine satte grüne Farbe hatte, in die weite Welt. In den Vier- und Marschlanden entstanden erste Gewächshäuser, in denen Pflanzen aus Nord-, Mittel- und Südamerika wie Melonen, Zucchini und Tomaten wachsen konnten.

Die Kartoffel kam schon um 1600 aus Mexiko nach Europa. Zunächst wurde die Pflanze wie eine Art Trophäe gehandelt. Sie wurde in barocken Gärten gepflanzt und damit zur Schau gestellt. Erst viel später schaffte die Kartoffel den Sprung in die Hausgärten. "Aus dem Sammlerobjekt entwickelte sich damit die Nutzpflanze", sagt Matthias Schuh, 42, Gärtner des Freilichtmuseums. Es dauerte allerdings noch 200 Jahre, bis sich das Nachtschattengewächs in Norddeutschland als Feldfrucht durchsetzte.

Für den Gaumen waren die neuen Pflanzen eine Bereicherung, ernährten sich die Menschen in Norddeutschland doch bis dahin überwiegend von Getreide, aßen Eintöpfe und Brei. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden dadurch die Tellergerichte mit Fleisch, Gemüse und Kartoffeln, die sich bis heute gehalten haben. "Die Kaufleute und Hamburger Reeder fingen an, essen zu gehen und haben Wert auf solche Gerichte gelegt", sagt Schuh.

Die Tomate trat einen ähnlichen Siegeszug in Norddeutschland an wie die Kartoffel. Sie stammt aus Südamerika. Um 1880 realisierten die Gärtner, dass die Sorte Ficarazzi gut mit den nordischen klimatischen Bedingungen zurechtkam und bauten sie unter Glas an. Doch die Kunden reagierten zurückhaltend. "Ganz nach dem Motto ,Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht'", sagt Matthias Schuh. Deshalb sei die Ficarazzi einfach umbenannt worden in "Vierländer Platte". "Dann hat sich die Tomate verkauft wie geschnitten Brot."

Die würzige Sorte ist immer noch auf dem Markt. "Sie zu essen, ist ein unglaubliches Geschmackserlebnis", so Schuh. Das Problem ist ihr Aussehen. Sie ist leicht gerippt, was die Lagerung erschwert, da sie im Vergleich zu Tomaten mit glatter Oberfläche leichter schimmelt. Das mindert den Ertrag, und der stand bei den Gärtnern schon Ende des 19. Jahrhunderts an oberster Stelle. Größere Früchte und schnelleres Wachstum waren damals die Devise. "So geht es bis heute", sagt Schuh. "Insbesondere bei der Tomate ist man übers Ziel hinausgeschossen und hat der Natur ins Handwerk gepfuscht. Der Geschmack wurde weggezüchtet."

Auch in der Tierwelt finden sich Parallelen. Etwa das Holstein Friesian, das Ende des 19. Jahrhunderts von Amerika kam. Als es in die norddeutschen Rassen eingekreuzt wurde, erlebten die Milchbetriebe eine wahre Leistungsexplosion, die noch weiter gesteigert wurde - auch dank hochwertiger Futtermittel. "Die Lebensmilchleistung dieser Kühe ist heute dreißig mal so hoch wie vor hundert Jahren", sagt Schuh.

Das Holstein-Rind verdrängte die alte Rasse - das schwarzbunte norddeutsche Niederungsrind, das eine geringere Milchleistung hat. Aber im Freilichtmuseum gibt es die alte Rasse noch. Weitere regionale Tierrassen, die im Freilichtmuseum gezeigt werden, sind das Bentheimer Schwein, benannt nach der niedersächsischen Stadt. Anfang des 20. Jahrhunderts war es wegen seines reichhaltigen Fettaufbaus beliebt. Als aber mageres Fleisch en vogue wurde, ließ das Interesse an der Rasse nach.

Wenn Matthias Schuh den bisherigen Zuchterfolg bei Tieren und Pflanzen weiterspinnt, können sich einem die Nackenhaare aufstellen. "Vielleicht bauen wir das Gemüse in 200 Jahren gar nicht mehr in der Erde an, sondern in synthetischen Substraten, etwa in Schaumstoff", sagt der Museumsgärtner. Denn es ist nichts Neues mehr, dass die Pflanzen keine Erde, sondern nur Nährstoffe benötigen, die sie über das Wasser bekommen können. Pflanzenanbau im Schaumstoff? Gruselig!