Wilhelmsburg

Insulaner sind aus dem Häuschen

Beim Festival 48h Wilhelmsburg bespielten Musiker den Stadtteil an den ungewöhnlichsten Konzertorten

Wilhelmsburg. 115 Bands und Solokünstler haben am Wochenende an letztlich 61 Orten - das Konzert von Kako Weiss ist aus dem Gartenweg ins Café Mittenmang verlegt worden - in 48 Stunden Konzerte auf den Elbinseln gegeben. Katja Scheer, Projektleiterin des Musikfestivals 48h Wilhelmsburg, ist nach einer ersten Einschätzung am Sonntag sehr zufrieden mit den Besucherzahlen. Die genaue Anzahl wird der Veranstalter in zwei Tagen ermitteln. Die Festivalorganisatoren rechnen mit mehr als 7000 Besuchern.

Bei diesem Festival seien die Besucherzahlen zweitrangig, sagt Katja Scheer. Wichtiger seien die "wunderbaren Begegnungen" mit den Menschen, die Musiker und das Publikum hätten.

Das Festival 48h Wilhelmsburg ist nicht das Musikspektakel mit den meisten Besuchern in Hamburg - dafür aber gewiss das Konzertereignis mit den meisten ungewöhnlichen Spielorten. Da sitzt der Liedermacher mit der Klampfe in der Buchhandlung und muss ich abmühen, fremde Buchtitel und eigene Texte nicht durcheinander zu bringen. Das spielen aus dem NDR bekannte Seebären in einem Schrebergarten am Kanal.

Da rocken Alternative-Bands auf dem Parkdeck am S-Bahnhof Veddel gegen den Lärm vorbeifahrender Schnellzüge an. Und da spielt ein Crossover-Trio im Schaufenster einer Boutique so leidenschaftlich, dass die Party auf dem Bürgersteig weiter geht. Das sind vier Beispiele, die zeigen, wie kurios die Elbinseln 48 Stunden lang bespielt worden sind.

Süheyla Akdeniz, Betreiberin der Boutique "Wilhelmine" in der Veringstraße, ist im wahrsten Sonne des Wortes aus dem Häuschen: "Ich bin begeistert, ich komme in meinen eigenen Laden nicht hinein", ruft sie, lacht und macht Fotos mit dem Handy. Die Band Still In Search gibt in ihrem Schaufenster ein Konzert. Mit 40 Menschen ist das kleine Modehaus mehr als gefüllt. 80 weitere Gäste lauschen vor der Tür. Ein junger Vater wippt im Takt - in der einen Hand den Kinderwagen, in der anderen eine Flasche Bier.

Der Liedermacher R. J. Schlagseite, ein dürrer Typ mit einer wunderbar tiefen Stimme wie Johnny Cash, singt am Nachmittag in der Buchhandlung Lüdemann Blues-Songs über das Ausnüchtern oder das Ignorieren von schmerzhaften Sportverletzungen. Die ungewohnte Kulisse in dem Laden verlangt ihm höchste Konzentration ab: "Ich sehe immer irgendwelche Buchtitel und Buchstaben. Das lenkt mich ab", sagt er. Der 45-Jährige scheint nie zu schlafen. Abends gibt er an diesem Tag noch ein Konzert im Hamburger "Westwerk". Nachts taucht er in der Soulkitchen Halle auf und legt Platten auf. Häufig käme er zu Auftritten nach Absprachen am Tresen, sagt der Musiker aus Wilhelmsburg.

Lutz Cassel, Sänger und Kontrabassist der maritimen Combo Hamborger Schietgäng, hat seinen Schrebergarten am Assmannkanal als Open-Air-Spielstätte geöffnet. Am anderen Kanalufer sitzen drei Mittzwanziger mit Party-Glitzer im Gesicht und gehen bei den Süß- und Salzwassersongs richtig mit. "Draußen am Wasser zu sitzen und maritime Songs zu hören, das passt", sagt die 23 Jahre alte Studentin Signe. Später zieht sie mit ihren Freunden aus Berlin und Bad Segeberg weiter ins Rialto Kino. Wahrscheinlich werde der Abend in der Soulkitchen Halle enden, erklärt sie den Festival-Plan der drei. Was 48h Wilhelmsburg so toll mache: "Man kann durch die Gegend laufen und überall an den Ecken ist etwas los", sagt Maike, 24.

Cheforganisatorin Katja Scheer vom Bürgerhaus Wilhelmsburg wird nach 48 Stunden Konzertmarathon an die 30 Spielorte besucht haben. Wie wird es ihr am Montagvormittag ergehen? "Wahrscheinlich wache ich auf und denke: Was mache ich jetzt?" mutmaßt sie Sonntagmittag und lacht. Sie und ihr Team haben am Montag frei. Am Dienstag werden sie Gespräche mit den beteiligten am Festival führen und horchen, wie es gelaufen ist.