Buchholz

Sicherheitsaktion: mit Promillebrille hinterm Steuer

Bei einer Sicherheitsaktion für Fahranfänger klären Polizei und Fahrschulen in Buchholz über die Gefahren von Alkohol auf. 18- bis 24-Jährige sind die Hauptrisikogruppe, weil sie sich oftmals überschätzen.

Buchholz. Die Polizei Harburg will verstärkt vor allem Fahranfänger für die Gefahren beim Autofahren sensibilisieren - und hat deshalb gemeinsam mit den Fahrschulen, der Verkehrswacht, dem Landkreis Harburg und der VGH Versicherung ein Fahrschulprojekt initiiert. Im Zuge einer bundesweiten Aktionswoche zum Thema Alkohol gab es dazu am vergangenen Wochenende auf dem Buchholzer Schützenplatz eine Praxis-Premiere. "Wir wollen den jungen Leuten verdeutlichen, warum es immer wieder zu schweren Verkehrsunfällen kommt", sagt Dirk Poppinga, Verkehrssicherheitsberater der Polizei Harburg.

Die 18- bis 24-Jährigen sind die Hauptrisikogruppe, weil sie sich oftmals überschätzen, fehlende Fahrpraxis haben und sich mancher Risiken gar nicht bewusst sind. "Wir versuchen, bei ihnen eine gewisse Betroffenheit zu erzeugen." Das geht so weit, dass Opfer von Verkehrsunfällen in die Fahrschulen kommen und von ihren Erlebnissen berichten. "Natürlich sollen die Fahrschüler keine Angst vor dem Autofahren entwickeln", fügt er hinzu. Es gehe darum, sie einfach mal zum Nachdenken zu bringen. Ein wichtiges Utensil dabei: Die sogenannte Promillebrille, die Alkohol am Steuer simuliert und mit der die Fahrschüler am Wochenende über einen Hindernisparcours fahren mussten. Für das Abendblatt begab sich Reporterin Christiane Tauer auf Testfahrt mit der Promillebrille:

Kaum habe ich die Brille auf, wird die Welt um mich herum zu einem wackeligen, verzerrten Etwas. Der Asphalt vor mir steigt stufenweise aus der Erde heraus, die Bäume erscheinen doppelt. Selbst das Lenkrad, an das ich meine Hände klammere, kann ich kaum erkennen. Fahrlehrer Christian Grau sitzt neben mir. Er ermuntert mich, kräftig aufs Gaspedal zu drücken. Äh, lieber nicht, denke ich mir und krieche über den Platz. Würde ich ordentlich Gas geben, wären schon die ersten zwei Hindernisse platt gewalzt. Kein Wunder. Die Gläser der Promillebrille, die mich an eine überdimensionale Schwimmbrille erinnert, sind so geschliffen, dass man durch sie die Außenwelt nur noch verzerrt wahrnimmt. Hätte ich 1,3 Promille im Blut, würde ich genau so schlecht sehen können, erklärt mir Poppinga.

Während der Fahrt muss ich all meine Kräfte auf das Sehen lenken. Links rum, rechts rum, hab ich da gerade ein Hindernis übersehen? Christian Grau beruhigt mich, da war nichts. Also weiter - geradeaus. Die Polizeikommissarinnen Stephanie Treidel und Jacqueline Reckeweg werfen Tennisbälle in meinen Weg, die heranpreschendes Wild oder plötzlich auftauchende Radfahrer symbolisieren sollen und auf die ich sofort reagieren muss. Tja, nur leider sehe ich die Bälle gar nicht. Ich fahre ungebremst weiter.

Beim Einparken klappt es meiner Meinung nach besser. Im Schneckentempo tuckere ich in die Parkbucht, auch das Ausparken funktioniert einigermaßen. Dass ich ein Hindernis fast übergemangelt hätte, bekomme ich erst später per Fotobeweis mit.

Als ich aus dem Auto steige, sagt mir Stephanie Treidel knallhart die Wahrheit ins Gesicht: "Drei Bälle überfahren, das macht drei Tote oder Verletzte." Ich bin geschockt. Wie kann es sein, dass ich von den plötzlich auftauchenden Hindernissen nichts mitbekommen habe? Es wundert mich, dass ich, nach jahrelanger Fahrpraxis, anscheinend keinen Deut besser bin als die Fahrschüler von Christian Grau und der Fahrschule Fletschok, die vor mir zur Promillebrille-Fahrt gestartet sind. Eher war ich wohl noch schlechter.

"Die Tennisbälle habe ich schon gesehen, ich wusste ja, was auf mich zukommt", sagt Sven Knickrehm, 24, aus Buchholz. Ole Eckert, 21, aus Tostedt, empfand die Fahrt hingegen als weniger angenehm. "Ich konnte an den Seiten gar nichts mehr erkennen, da ist mir richtig komisch geworden", sagt er. Auch Sylvie Tröger, 24, aus Buchholz hat sich gewundert, dass die Brille so eine starke Auswirkung auf ihre Fahrsicherheit hat. "Alles dreht sich, ich konnte fast nichts mehr erkennen", sagt sie. Seit zwei Monaten übt sie für den Führerschein. Sollte sie die Prüfung am Ende bestehen, will sie am besten gar keinen Tropfen Alkohol trinken, wenn sie Auto fährt. "Man darf nicht vergessen, dass die Brille ja nur die Optik verzerrt", sagt Dirk Poppinga. Alkohol habe ja noch ganz andere Auswirkungen auf den menschlichen Körper, die sich mit so einer Testfahrt gar nicht nachstellen ließen.

Er hofft, dass die Parcoursfahrt die Fahranfänger für die Problematik sensibilisiert hat. Auf die Premiere in Buchholz werden weitere, ähnliche Aktionen folgen.