Wilhelmsburg

Geschichten erwecken den "Klotz" zum Leben

Karen Buckenauer führt Besucher durch den historischen Flakbunker in Wilhelmsburg

Wilhelmsburg . Bunker-Führer? Diese Bezeichnung beschreibt zwar die Aufgabe von Karen Buckenauer recht präzise, ist aber historisch zu vorbelastet, als dass sie ernsthaft infrage käme. Ausstellungsbegleiter lautet deshalb der Vorschlag der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg für die neue ehrenamtliche Tätigkeit, für die es kein offizielles Wort gibt. Die Pädagogin führt Besucher durch die Ausstellung zur Geschichte des Wilhelmsburger Flakbunkers. Insgesamt sechs Ausstellungsbegleiter gibt es, die in ihrer Freizeit freitags und sonntags um 15 Uhr in 30 Meter Höhe in etwa eineinhalb Stunden ein Kapitel deutscher Kriegsgeschichte erzählen. Karen Buckenauer hat an diesem Sonntag, 12. Mai, ihre Premiere.

Die Familiengeschichte der 50-Jährigen ist eng mit dem "Klotz", wie die Wilhelmsburger den Flakbunker nennen, verbunden. Deshalb wollte Margret Markert, Leiterin der Geschichtswerkstatt, sie unbedingt im Team haben. Karen Buckenauers Großvater, ein Zimmermann, hat nach Ende des Zweiten Weltkrieges in einem kleinen Nebenschutzraum des Hauptbunkers die Leiternfabrik Brendel gegründet. Der Familienbetrieb rüstete Öltanks an der Wilhelmsburger Kornweide ein. Er machte sich offenbar einen so guten Namen, dass er später den exklusiven Auftrag erhielt, Fahnenmaste für die Olympischen Spiele 1972 in München zu produzieren.

"Opa hat viel über den Krieg erzählt", sagt Karen Buckenauer. So kennt sie kurze überlieferte Episoden, die in keinem Geschichtsbuch stehen. Da sei nicht selbstverständlich. Viele hätten den Krieg tabuisiert, nach Kriegsende sei in vielen deutschen Familien kein Wort darüber mehr gesprochen worden. Nur Menschen, die am "Klotz" lebten, können Alltagsanekdoten erzählen wie die von Karen Buckenauers Vater, der als kleiner Junge nach Kriegsende abenteuerlustig in den Flakbunker hineinkroch und einen Koffer fand. "Darin lag ein toter Hund ", erzählt sie das abrupte Ende des Abenteuers.

Mehr als vier Jahre lang haben ehrenamtliche Mitarbeiter der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg die Geschichte des Flakbunkers an der Neuhöfer Straße recherchiert und für ein Dokumentationszentrum aufbereitet. Anschließend mussten vier Jahre Forschung auf 13 Kurztexte komprimiert werden. Themen sind das NS-Regime in Wilhelmsburg, Erinnerungen von Flakhelfern oder auch die missglückte Sprengung des Bunkers mit seinen bis zu vier Metern dicken Decken im Jahr 1947, als deutsche Jungen und Mädchen den frustrierten britischen Soldaten spöttisch zuriefen: "Made in Germany!"

Das minimalistische Konzept der Stuttgarter Ausstellungsgestalter HG Merz Architekten Museumsgestalter fasst die Geschichte des Flakbunkers auf dreizehn interaktiven Würfeln, nur 30 mal 30 Zentimeter groß, zusammen. Über auf den Quadern angebrachten QR-Codes gelangen Besucher mit dem Smartphone zu Audio- und Filmbeiträgen. Die Zeitzeugin Gerda Tobuschat beschreibt in einer Hördatei das Gedränge auf den Treppenstufen und das Chaos in den Schutzräumen: Bei Vollalarm im April 1945 war die Eisentür schon verschlossen gewesen, als sie völlig erschöpft den Bunker erreichte. Die Tür öffnete sich, sie landete im dritten Stock. Dicht an dicht standen oder lagen Menschen. Kleine Kinder oder Babys weinten. Die Menschen haben vor Angst und in Panik geschrieen. Es war dunkel. Nach dem Bombenangriff begann das Gedränge, um die Hölle zu verlassen.

Das Gelände am Bunker sei sandig gewesen, weiß Karin Buckenauer. Vor allem für Frauen mit Kinderwagen habe das die schnelle Flucht in den Schutzraum erschwert. Das Einzugsgebiet sei riesig gewesen. Einige Menschen hätten zu Fuß 45 Minuten gebraucht. Einige für sie wichtige Habseligkeiten hätten sie bei sich getragen: Dokumente, Fotos, ein wenig Silber.

Die Menschen im Flakbunker hätten doppelt Angst gehabt: Angst vor dem Bombardement und Furcht vor dem, was sie danach vorfinden würden. Notfalls mussten Menschen irgendwo einquartiert werden, wenn sie ausgebombt waren. "Das war unvorstellbar", sagt Karin Buckenauer.

Margret Markert erwartet Zeitzeugen, die den Krieg noch miterlebt haben, unter den Ausstellungsbesuchern. Jeder dürfte seine eigene, subjektive Wahrheit haben. "Wir wollen die Leute nicht über den Krieg belehren", sagt Karen Buckenauer. "Wir geben Einblicke."

Eine Generalprobe zu den Führungen haben die sechs Ausstellungsbegleiter nicht machen können. Auch deshalb, weil sich die Bauarbeiten am Flakbunker wegen des langen Winters deutlich verzögert haben. Die Flakbunkerruine wurde als Projekt der Internationalen Bauausstellung in einen "Energiebunker" umgewandelt. Als Öko-Kraftwerk versorgt das Bauwerk aus der NS-Zeit heute bis zu 3000 Haushalte mit Wärme und 1000 Haushalte mit Strom.

Der umgenutzte Flakbunker steht für den Wandel auf den Elbinseln. Nach dem Karin Buckenauer Wilhelmsburg wie viele andere verlassen und in Hamburg-Ottensen und im Landkreis Stade gelebt hatte, ist die Mutter eines Sohnes (24) und einer Tochter (22) vor zwei Jahren in ihre Heimat zurückgekehrt. Das Straßenbild habe sich verändert, hat sie festgestellt. Mehr junge Leute. Mehr Anzugträger. Das kulturelle Leben sei deutlich reicher geworden, sagt sie und nennt die Universität der Nachbarschaften als Beispiel. Als Ausstellungsbegleiterin trägt sie nun selbst zum kulturellen Angebot bei. Auf der Elbinsel fühlt sie sich zu Hause: "Meine Familie", sagt Karen Buckenauer, "hat eine ganz typische Wilhelmsburger Geschichte."

Die nächsten Führungen der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg im Flakbunker Wilhelmsburg sind am Freitag, 17. Mai, 7., 14., 21. Juni; Sonntag, 12. und 19. Mai, 2. und 16. Juni, 7. und 21. Juli. Beginn jeweils 15 Uhr, Treffpunkt ist der Bunkereingang, Neuhöfer Straße 7. Eintritt: 5 Euro + 1 Euro Getränkebon für das Café vju.

Die Ausstellung ist täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Eintritt: 1 Euro, gilt als Getränkebon im Café vju.