Meckelfeld

Hochhäuser - Das Ende einer Vision

In den 1970er-Jahren veränderten Hochhäuser die bäuerliche Struktur des Landkreises, vor allem in Meckelfeld. Doch die hohen Bauten leider unter einem Imageverlust.

Meckelfeld. In den 70er-Jahren galten sie als modern und waren heiß begehrt: die Wohnungen in Hochhäusern. Vor allem in Meckelfeld lässt sich der Aufbruch in die Moderne an Hochhäusern ablesen. Wie man heute weiß, war das eine widersprüchliche Entwicklung. Kaum eine andere Bauform steht heute für Sozialprobleme und in vielen Fällen gar für soziale Brennpunkte. Damit und mit anderen Planungsideen und Baustilen der 1960er- und 1970er-Jahre beschäftigt sich das Freilichtmuseum am Kiekeberg zurzeit in ihrem Forschungsprojekt "Bauen und Wohnen nach 1945 im Landkreis Harburg".

Zwar gelten die Hochhäuser in Meckelfeld nicht als sozialer Brennpunkt. Aber wie Nina Streibel, wissenschaftliche Volontärin am Freilichtmuseum am Kiekeberg, in ihren Gesprächen mit Bewohnern herausfand, leiden auch diese hohen Bauten unter einem Imageverlust. Die ersten Wohnungen waren schnell vergeben, und jetzt wohnen dort überwiegend Menschen aus sozial schwachen Schichten.

Doch vor vierzig Jahren war alles, was damals zählte, schnell und kostengünstig Wohnraum zu schaffen. Viele Menschen suchten nach Ende des Zweiten Weltkrieges ihre neue Heimat auf dem Land: Kriegsflüchtlinge, Vertriebene und Ausgebombte der Stadt Hamburg. "Jede Woche kam ein Zug in Winsen an, und die vorhandenen Wohnungen liefen über", sagt Hans Joachim Röhrs, früherer Gemeindedirektor der Gemeinde Seevetal und ehemaliger Oberkreisdirektor des Landkreises Harburg.

Mit dem Bau von Hochhäusern erhofften sich die Planer, die Probleme mit einem Schlag lösen zu können. Zwei achtgeschossige Bauten entstanden Anfang der 70er-Jahre am Kürbsweg in Meckelfeld. Dort, wo einst Bauernhöfe standen. Und so verlor Meckelfeld mit jedem weiteren Hofverkauf seinen alten Ortskern. "Die Landwirte konnten mit dem Verkauf ihrer Flächen einen ordentlichen Reibach machen", sagt Röhrs. "Auch das Handwerk freute sich über den Aufbruch."

Der ehemalige Oberkreisdirektor macht also nicht nur die "Stadtflucht" für die baulichen und strukturellen Entwicklungen im Landkreis Harburg verantwortlich, sondern auch das Bestreben, an der enormen Wertschöpfung teilzuhaben. Das wird auch in einem alten Bericht im Hamburger Abendblatt von 1962 deutlich. Darin wird Philipp Helbach, Bürgermeister von Meckelfeld mit den Worten "wenn uns Hamburg seine Hochhäuser und sogar Betriebe direkt vor die Nase setzt, kann es nicht verlangen, dass wir uns allein mit einem Grüngürtel schmücken" zitiert. Neben den Hochbauten im Landkreis entstanden auch die Autobahnen, so dass die Bevölkerung rasant anstieg - von 90 000 Einwohnern in 1939 auf 140 000 in der Nachkriegszeit.

Heute leben rund 250 000 Menschen im Landkreis. Allein in Meckelfeld hat sich die Einwohnerzahl von 1939 bis 1950 fast verdoppelt. 1961 hatte Meckelfeld 3455 Einwohner, heute sind es 9437.

In den Baubetrieben und im Handwerk klingelten die Kassen nur so. Heike Meyer, Stiftungsratsvorsitzende der Stiftung Freilichtmuseum, war in der Zeit in der Buchhaltung eines Kalksandsteinwerkes beschäftigt, und sagt: "Wir hatten irre viele Aufträge."

Das Problem war nur: Es fehlte an einem abgestimmten Bauleitplanung im gesamten Landkreis. Röhrs sagt, die wenigsten Menschen hätten fachliche Kenntnisse darüber gehabt. Und so wuchsen die Hochbauten und andere gleichförmige Siedlungsgebilde wild in das Land.

Es hätte aber noch schlimmer kommen können. Denn eine gigantische Planungsidee aus Hannover machte in den 70er-Jahren die Runde: Eine Trabantenstadt mit 50 000 Einwohnern sollte 1975 in der Gemeinde Seevetal entstehen. Von null auf hundert sollte die Bevölkerungszahl verdoppelt werden. Der Etat für das 390 Hektar große Gebiet lag bei rund 800 Millionen Mark.

"Damals hatte kein Mensch darüber nachgedacht, wie es funktionieren sollte, die 50 000 Menschen gebündelt an einem Ort zu integrieren", sagt Professor Rolf Wiese, Museumsdirektor des Freilichtmuseums am Kiekeberg. Am Ende kam es nicht zur Trabantenstadt dank der Politik in der Gemeinde Seevetal. Eine einzige Stimme war entscheidend für die Ablehnung. Damals hatten CDU und Wählergemeinschaft gemeinsam 21 Sitze, FDP und SPD 20. Röhrs, der zu denjenigen zählte, der die Bauplanung ablehnte, ist froh, dass es nicht so weit kam: "Der ganze Kreis hätte darunter geblutet." Reihen- und Hochhäuser entstanden dennoch, wenn auch nicht in den Ausmaßen wie in der Trabantenstadt geplant.