Das Theater gehört allen

Motto der neuen Lüneburger Spielzeit lautet "Dein Mein Unser". Neue Chefs bei Ballett und Orchester starten

Das Frühjahr ist die Zeit der Vorfreude. Nicht nur auf die selige Sommerzeit - auch, und in norddeutschen Wetterlagen wohl weit mehr zu empfehlen, auf das, was danach kommt: die neuen Programme von Schauspielhäusern und Opern. Jetzt hat auch das neue Leitungsteam des Lüneburger Theaters seinen Plan für die nächste kulturelle Jahreszeit vorgestellt.

"Dein Mein Unser Theater" lautet das Motto, in schlichtem Weiß auf knalliges Blau gedruckt und kaum misszuverstehen: Hajo Fouquet setzt seinen Kurs des Bürgertheaters fort, des Hauses, das mit der Stadt und den Menschen in der Stadt eng verknüpft ist.

"Es tut sich was", sagte der Intendant und Geschäftsführer in Personalunion bei der Pressekonferenz gestern. Drinnen wie draußen. Draußen laufen Bauarbeiten, sollen bald Bäume am Abend illuminiert werden. Drinnen gibt es nicht nur ein neues Programm und wie immer in dem Stadttheater zahlreiche Premieren (31), sondern auch zwei neue Köpfe an leitenden Positionen: Das Orchester wird ab September anders klingen - nicht mehr nach Urs-Michael Theus, sondern nach Thomas Dorsch. Und die Tänzer werden sich anders bewegen - nicht mehr nach Francisco Sanchez Martinez, sondern nach Olaf Schmidt.

Drei-Sparten-Haus heißt das Lüneburger Theater gemeinhin - weil es eigene Produktionen in Musiktheater, Schauspiel und Ballett bietet. Aber es ist auch ein Kinder- und Jugendtheater, es spielt Konzerte und veranstaltet Lesungen. 400-mal im Jahr öffnen sich die diversen Türen des Theaters.

In der neuen Spielzeit zum ersten Mal am 20. September. Das Haus öffnet die Saison uneitel mit "Kasimir und Karoline", einem Jugendstück. "Wir verwenden die Originalsprache von Horváth", sagte die Spartenleiterin Sabine Bahnsen, "das funktioniert wunderbar." Ebenfalls im Kinder- und Jugendtheater auf die Bühne kommen: Cornelia Funkes "Als der Weihnachtsmann vom Himmel fiel" (eine Herausforderung für die Abteilung Bühnentechnik), "Die Kuh Rosemarie" über eben jene, das Musical "13" über eben jenes Alter, eine abgespeckte Version der Massenet-Oper "Werther", das "Anne Frank Tagebuch" für Schüler und die zeitgenössische Oper "Max und Moritz", die derzeit noch geschrieben wird - und: "Pinocchio", das erste Kindertanzstück des neuen Ballettchefs Olaf Schmidt.

Zwischendurch ein paar Belege für Fouquets Prinzip Bürgertheater: Bei "Love Bite - Biss ins Herz" arbeitet das Theater mit der Leuphana Universität zusammen, bei Schuberts "Winterreise" mit der Musikschule und der Christianischule, bei Mozarts "Zauberflöte" mit verschiedenen Schulen, bei "13" mit der Musikschule. Der Tanzjugendclub tritt zusammen mit den Profis auf die Bühne, der Seniorentheaterclub musste einen Aufnahmestopp verhängen, und das Scala-Kino zeigt passende Filme. Bei einer Kinderkrimilesung arbeitet das Theater mit der Buchhandlung Am Markt zusammen, bei "Der gute Mensch von Sezuan" mit der Volkshochschule.

Zurück zum Programm. Die Opern "Lucia di Lammermoor" - schön von Donizetti - und "Zar und Zimmermann" - komisch von Lortzing - präsentiert das Team im Herbst, "Die Zauberflöte" folgt im Juni 2014, und von Adrew Lloyd Webber gibt es das Musical "Sunset Boulevard" zu sehen und hören.

Der neue Chef des Balletts, Olaf Schmidt, tritt in "Sechs Tanzstunden in sechs Wochen" selbst als Schauspieler in Erscheinung. Das Stück bildet eine Ausnahme - weil er es bereits in Regensburg gespielt hat. Ansonsten wolle er keine alten Kamellen bringen, versprach er. Gerne hätte Schmidt "Das Parfüm" in Tanz umgesetzt, bekam aber die Rechte nicht. Der Ersatz: "Kaspar Hauser". Schmidt will seinen Tanz Bilder und Stimmungen erzeugen lassen, die eine Geschichte erzählen, und ermutigt zum freien Zuschauen: "Sich alles genau angucken, das funktioniert nicht. Einfach hinsetzen und sehen, was passiert." Wer mehr möchte als bloßen ästhetischen und emotionalen Genuss, kann eine der Ballett-Werkstätten von Olaf Schmidt besuchen.

Ein ähnliches Angebot macht Chefdramaturgin Katja Stoppa für das Schauspiel: bei Bier, Wein und Erdnüssen. Neue Stücke sind hier "Die Katze auf dem heißen Blechdach", "Agatha Christies Hobby ist Mord", "Der Tod und das Mädchen", "Schwarz wie Tinte", "Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner", "Clyde und Bonnie", "Clavigo". Burkhard Schmeer liefert "Das kleine Weihnachstspektakel", und Britta Haarmanns neue Revue heißt "Halbstark" - die aus dieser Spielzeit ("Friss oder stirb") wird fortgesetzt ebenso wie "Die Comedian Harmonists".

Kafkas "Die Verwandlung" bringt das Theater als szenische Lesung heraus, und die szenische Kantate von Carl Orff ("Carmina Burana", welche sonst), kommt als Mammutprojekt mit Sängern der Kantoreien von St. Michaelis und St. Johannis auf die Bühne.

Spannend: Die "Carmen" in Lüneburg gibt es zweimal - eine Sängerin und eine Schauspielerin, freilich im selben Stück auf derselben Bühne.

Der neue Musikdirektor Thomas Dorsch - zurzeit noch in Oldenburg - gründet aus den Sinfonikern heraus die Norddeutsche Kammerakademie, er stellt Familienkonzerte auf den Spielplan - darunter die Uraufführung "Vom Lärm der Welt - oder: Mias Reise in Reich der Noten". Das Stück schreibt er selbst, denn von Hause aus ist Thomas Dorsch: Komponist. Ein Meisterkonzert in St. Johannis, Kammerkonzerte in der Musikschule - das Theater wird in der ganzen Stadt vibrieren. "Anspruchsvoll, im Unterhaltsamen wie im Ernsten", so Fouquet. Fast vergessen: "Salz" geht in die vierte Runde.