Lüneburg

Kaltenmoor – wo Wohnen krank macht

Schimmel und Sanierungsstau: Ein Großinvestor lässt seine Hochhäuser in Kaltenmoor verkommen. Jetzt schaltet sich auch die Stadt ein.

Lüneburg . Als Rolf-Marco Bullmann mit Familie, Hund und Maus in eine neue Wohnung zog, ahnte er nicht, was hinter der dunkelgrünen Acryltapete Übles lauerte: Schimmelsporen. Nach zwei Jahren hat der schwarze Pelz sämtliche Außenwände überzogen - eins der Kinderzimmer ist komplett unbewohnbar. Schuld sei falsches Lüften, pampt die Wohnungsverwaltung bei jeder Meldung, die der Familienvater macht. Doch die Bullmanns sind nicht allein mit ihrer Not: 800 vergammelte Wohnungen besitzt eine israelische Immobilienfirma im Lüneburger Hochhaus-Viertel Kaltenmoor. Täglich gibt es Beschwerden - doch die Investoren setzen aufs Aussitzen.

Neue Heimat, sozialer Wohnungsbau: Die Häuser in Lüneburgs am dichtesten besiedeltem Stadtteil stammen aus den 60er und 70er-Jahren. Zeugen einer Zeit, die sich heute zu wiederholen scheint: Aus Wohnungsmangel werden Mietshäuser hochgezogen - schnell und zahlreich. Dass ihr Vermieter nicht in der Nähe lebt, auch nicht im selben Land, noch nicht einmal in derselben Staatengemeinschaft, das bekommen all jene Menschen zu spüren, die eine Wohnung gemietet haben, die vor etlichen Jahren von der Fondsgesellschaft Tshuva Group Europe (TGE) gekauft wurde. Dahinter steckt der israelische Unternehmer Yitzhak Tshuva. Er selbst ist Milliardär, seine Mieter im fernen Lüneburg beziehen zum großen Teil Hartz IV.

Kaltenmoor hat einen Quartiersmanager: Uwe Nehring soll für ein gutes Miteinander der zahlreichen Kulturen im Stadtteil sorgen. Er weiß, dass täglich Beschwerden über die schlechten Wohnbedingungen bei der Verwaltungsgesellschaft Elad auflaufen, einer Tochter der TGE-Gruppe: undichte Fenster, kaputte Fugen, marode Balkone. Dass an einer Tür der Hinweiszettel "bitte klopfen, Klingel kaputt" hängt, ist da noch das geringste Übel - weil nicht gesundheitsschädlich.

Anders der Schimmel. "Gefühlt 100 mal" hat sich Vater Bullmann im Büro der Vermietergesellschaft gemeldet. "Da kommt dann jemand und misst die Luftfeuchtigkeit", erzählt der 46-Jährige. "Im Kinderzimmer heißt es, wir lüften zu wenig, und im Bad, wir lüften zu viel. Ich verstehe das bald nicht mehr."

Das städtische Bauamt sei da gewesen, habe das Zimmer der jüngsten Tochter Sarah, 14, für unbewohnbar erklärt. Jetzt teilen sich die Töchter einen Raum in der Drei-Zimmer-Wohnung. "Aber auch hier ist schon überall Schimmel", erzählt Eike, 17. "Besonders um das Fenster herum." Seit die Familie umgezogen ist, plagt sich die Teenagerin mit Mandelentzündungen und ständigen Infekten herum.

Das Thema hat mittlerweile die Lüneburger Kommunalpolitik erreicht. Der Rat hat eine Resolution verabschiedet, stellt Forderungen an die Fondsgesellschaft. Doch nichts passiert. Jetzt ist Oberbürgermeister Ulrich Mädge (SPD) der Kragen geplatzt. Auch seiner zweiten Aufforderung zu einem Gespräch ist von der TGE niemand gefolgt. "So kann man mit Mietern und mit der Stadt nicht umgehen", sagt er. "Das ist unverantwortlich. Dem Fonds geht es nur darum, so viel Miete wie möglich zu bekommen. Aber es geht hier nicht um Beton, sondern um Menschen."

Laut Rathaus ist in die Gebäude seit den Siebziger Jahren nicht entscheidend investiert worden. Die Folge: hohe und nicht nachvollziehbare Abrechnungen. Bei einer Beispielwohnung hat die Verwaltung ausgerechnet, dass die Miete von 5,79 Euro kalt auf 9,87 Euro warm springt. Und Uwe Nehring hat etliche solcher Klagen auf seinem Schreibtisch liegen.

Da alle Bitten und Aufforderungen zu einem Gespräch bislang folgenlos geblieben sind, will Oberbürgermeister Mädge den Investor jetzt an seiner empfindlichsten Stelle treffen: der Rendite. Er rät zu Mietminderungen, auch die Arge solle ihre Zahlungen überprüfen - sie zahlt für jede zweite Wohnung in den betroffenen Häusern. Mädge fragt sich, ob das "Geld zu Recht und im Sinne des Sozialgesetzbuches" fließt, "schließlich geht es um Steuergeld". Die Stadt werde notfalls vor Gericht ziehen: Kaltenmoor ist Sanierungsgebiet, und wenn ein Eigentümer nicht freiwillig saniert, kann die Stadt ihn zwingen.

Familie Bullmann sucht derweil nach einer neuen Wohnung. Hund und Maus sind mittlerweile tot, erzählt Tochter Eike. "Alles, seit wir hier wohnen." Sie wollen einfach nur noch raus. Raus aus ihrer Schimmelbude und rein in eine Wohnung, die sie nicht länger krank macht.