Buchholz

Ortsvorsteher ist das Sprachrohr der Bürger

Ein Aprilscherz wirft die Frage auf: Wie viel Kleinteiligkeit braucht die Stadt Buchholz?

Buchholz. Die Märchensiedlung in Buchholz als eigenständige Ortschaft? Was von der Buchholzer Liste als Aprilscherz gemeint war, ist zumindest für einige Bewohner von Schneewittchenweg und Co. gar nicht so abwegig. Ganz im Gegenteil, sie würden es sogar unterstützen, wenn ein Ortsvorsteher ihre Interessen wahrnehmen und als Sprachrohr ihres Wohnviertels auftreten würde. "Die Informationen würden dann viel besser gebündelt werden können", ist sich Erika Rendel sicher, die seit 2004 in der Siedlung lebt. Und Gerhard Recht hat gleich ein Beispiel parat: Die Kreuzung Ecke Hamburger Straße/Nordring beispielsweise bräuchte seiner Meinung nach dringend einen Kreisel. Ein Ortsvorsteher könnte sich viel stärker dafür einsetzen als einzelne Bürger.

Dabei hatte Peter Eckhoff, Fraktionsvorsitzender der Buchholzer Liste, den Antrag seiner Fraktion nicht zuletzt deshalb als nicht ernst zu nehmend eingestuft, weil ihm nach eigener Aussage kein Bürger bekannt ist, der eine eigenständige Ortschaft will. Außerdem sei die Unterteilung des Stadtgebiets in viele kleine Ortschaften wohl etwas zu viel der Regulierung, sagte Eckhoff. Auch Bürgermeister Wilfried Geiger ging auf den Scherz der Buchholzer Liste mit Ironie ein und erklärte, Ortsvorsteher als direkte Ansprechpartner in der Nachbarschaft würden der Politikverdrossenheit sicherlich Einhalt gebieten.

Aber wie viel Ernst könnte tatsächlich dahinter stecken? Fakt ist, dass von den 41.000 Einwohnern der Stadt Buchholz knapp 23.000 Einwohner in der Kernstadt leben, der Rest zählt zu den Ortschaften. Diese haben wiederum teilweise keinen Ortschaftsstatus, sondern sind lediglich Ortsteile ohne eigenen Ortsrat und Ortsvorsteher oder Ortsbürgermeister - je nach Größe. Dibbersen, Steinbeck, Trelde, Sprötze und Holm-Seppensen zählen zu den großen Ortschaften mit Ortsrat und Ortsbürgermeister, während beispielsweise Vaensen oder Buensen keine eigene Vertretung besitzen. Eine Mischform stellt Reindorf dar, wo es zwar mit Heike Meyer eine Ortsvorsteherin gibt, aber keinen Ortsrat.

Historisch gehen die Ortschaften auf die Gebietsreform im Jahre 1972 zurück, als sie in die Stadt Buchholz eingemeindet wurden, aber man für sie eine gewisse Eigenständigkeit bewahren wollte. Im Leben der Stadt würden sie mit Blick auf ihre Vereine und Institutionen einen bedeutsamen Faktor darstellen, heißt es auf der Buchholzer Internetseite. Das bestätigt auch Heike Meyer: "Der Ortsvorsteher ist sozusagen ein Überbleibsel aus alter Zeit, damit der Ort nicht ganz untergeht."

Ihre Arbeit beschreibt sie so, dass sie als ständige Ansprechpartnerin für die insgesamt rund 230 Reindorfer Bürger zur Verfügung steht. Im Ort befindet sich ein Schaukasten, in dem ihre Telefonnummer angeschlagen ist - was im Grunde aber gar nicht notwendig ist, da sie nach mehr als 20 Jahren Amtszeit sowieso bei fast jedem Bewohner bekannt ist. "Ich melde mich bei der Stadtverwaltung, wenn die Straßen kaputt sind oder die Bushaltestelle verdreckt ist", sagt sie. Einmal im Jahr organisiert sie eine Müllsammel-Aktion sowie das Dorffest. Früher durfte sie außerdem die Personalausweise der Reindorfer verlängern, doch das ist heute nicht mehr möglich. Einzig Beglaubigungen kann sie noch ausstellen - was wiederum nur selten nachgefragt wird.

Anders als die Ortsbürgermeister von Holm-Seppensen oder Sprötze besitzt Heike Meyer nur geringe sogenannte Verfügungsmittel zur eigenen Verwendung. 100 Euro darf sie im Jahr ausgeben. Die Ortsräte der größeren Ortschaften erhalten Verfügungsmittel von 1500 bis 2500 Euro und beraten zudem über Teilhaushalte, mit denen beispielsweise Sportvereine oder kleinere Renovierungen von Gebäuden unterstützt werden. Die Höhe der Mittel, die aus dem Haushalt der Stadt kommen, berechnet sich anhand der Zahl der Einwohner und eines Basiswerts.

"Die Leute in den Ortschaften wissen einfach viel besser, wovon sie reden", umschreibt Heike Meyer die Bedeutung der Menschen vor Ort bei den politischen Entscheidungen. Zwar werde ihre Meinung nur bei bestimmten Dingen gehört, die Entscheidung treffe am Ende der Buchholzer Stadtrat. Gewicht habe sie dennoch. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist im Dibberser Ortsrat zu finden. Die Fraktion von SPD und Bündnis 90/Die Grünen lehnt die von der Verwaltung vorgeschlagene Erweiterung des Gewerbegebiets Vaenser Heide nach Norden ab und hat einen entsprechenden Antrag gestellt. Der wird nun am Montag, 15. April, in der Ortsratssitzung diskutiert.

Etwas Ähnliches könnten sich Bewohner der Märchensiedlung auch für sich vorstellen. "Ein Ortsvorsteher wäre ein guter Multiplikator", findet Christina Raspovic, die ebenfalls eine Anwohnerin der ersten Stunde ist. Häufig wisse man auch gar nicht, an wen man sich bei Problemen wenden könne, etwa wenn die Straße im Winter nicht geräumt wird. Einen ersten Schritt zu mehr Gemeinschaft in der Siedlung hat es kürzlich bereits gegeben: Die Internetseite www.märchensiedlung.de ist als Forum für alle Bürger gestartet.