Wilhelmsburg

Arbeitslose werden Rettungshelfer

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Andreas Schmidt

Gerd Riehm und Dennis Runge waren lange ohne Job. Jetzt bekommen sie für die Gartenschau (igs) eine neue Aufgabe

Wilhelmsburg . Mit 59 Jahren verlor Gerd Riehm seinen Job. "59 Jahre - das war in meinem Bereich so, als wäre man 120", sagt der Mann mit dem kurzen, grauen Vollbart aus Hamburg-Sasel. Gerd Riehm arbeitete als Event-Manager in einer Agentur, organisierte vor allem Ausstellungen auf medizinischen Kongressen. "Die Agenturen", sagt Gerd Riehm, "sind meist besetzt mit jungen Leuten im Alter von 20 bis 35 Jahren."

An diesem Tag sitzt der 61-Jährige auf einem Krankenbett im katholischen Krankenhaus Groß-Sand in Wilhelmsburg und lässt sich von einem jungen Mann am Ohr die Körpertemperatur messen. Er heißt Dennis Runge, kommt aus Neuendorf bei Elmshorn und könnte mit seinen 23 Jahren Gerd Riehms Sohn, ja sogar Enkelsohn sein. Aber beide vereint ein Zustand, den sie nicht wollten: Sie sind arbeitslos, Gerd Riehm seit zwei Jahren und der Zahntechniker Dennis Runge seit einem Jahr.

Doch das Schicksal hat es gut mit den beiden Männern gemeint. Gerd Riehm und Dennis Runge bekommen wieder eine Chance zu arbeiten. Erst befristet, und wenn sie die Prüfung bestehen, auch unbefristet. Sie gehören zu 21 Frauen und Männern, die gerade zu Rettungshelfern des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) ausgebildet werden.

Ihren ersten Einsatz bekommen sie während der Internationalen Gartenschau (igs), die vom 26. April bis zum 13. Oktober auf der Elbinsel Wilhelmsburg ihre Pforten öffnet und rund 2,5 Millionen Besucher erwartet. Dann werden die Rettungshelfer sich vor allem um ältere und behinderte Besucher kümmern, um Kinder, die ihre Eltern verloren haben und um Erschöpfte, Kranke und Verletzte, die Erste Hilfe benötigen.

480 Stunden theoretischen Unterricht an der Schule für Gesundheit und Pflegeberufe des Bildungsträgers SBB Kompetenz und 160 Stunden Fachpraxis haben Gerd Riehm und Dennis Runge in den vergangenen Wochen absolviert, um sich fit zu machen für die kleinen und großen Notfälle in der Welt der 80 Gärten der Internationalen Gartenschau.

Eine Woche lang sind sie in Kranken- und Rettungswagen des Deutschen Roten Kreuzes mitgefahren, sie sammelten Erfahrungen mit älteren pflegebedürftigen Menschen, die in DRK-Tagesförderstätten betreut werden. Sie arbeiteten mit Mädchen und Jungen in einer DRK-Kindertagesstätte. Und sie blickten eine Woche lang in die Krankhauswelt von Groß-Sand: in der Zentralen Notaufnahme und in der geriatrischen Abteilung.

In der Zentralen Notaufnahme hatten sie - im Beisein einer examinierten Krankenschwester - Erstkontakt mit Menschen, die mit kleinen und großen Leiden in die Klinik kamen. Und in der Geriatrie halfen sie Älteren beim Essen, Waschen, Anziehen und beim Toilettengang. "Es ging vor allem darum, die Scheu abzubauen, pflegebedürftigen und behinderten Menschen zu helfen", sagt Pflegedienstleiterin Margit Mehlich.

Gerd Riehm und Dennis Runge sind beide mit den Themen Krankheit und Verletzung vertraut. Gerd Riehm fuhr als junger Zivildienstleistender Kranken- und Rettungstransporte für das DRK. Danach fuhr er zehn Jahre weiter ehrenamtlich für die Hilfsorganisation. Dennis Runge ist sehr aktiv in der Freiwilligen Feuerwehr Neuendorf. Er ist Ausbilder in der Jugendfeuerwehr Siethwende, arbeitet in der feuertechnischen Einsatzleitung des Kreises Steinburg und macht mit bei einer so genannten First-Responder-Gruppe, die an Unfallorten mit Erster Hilfe die Zeit überbrückt, bis der Rettungsdienst kommt.

"Wir haben Leute gesucht, die mit beiden Beinen im Leben stehen und Berufserfahrung haben", sagt der DRK-Koordinator für die Gartenschau-Einsatzplanung, Harald Krebs. "Auch Herr Riehm mit seinen 61 Jahren hätte bei erfolgreicher Prüfung die Chance, bei uns als Rettungssanitäter zu arbeiten. Wir haben derzeit 22 offene Vollzeitstellen." Auch für den Fahrdienst der Tagesförderstätten und für den Hauswirtschaftsdienst der Kindertagesstätten suche das DRK derzeit noch Leute.

Für Gerd Riehm und Dennis Runge ist derweil erst einmal vor allem wichtig, dass sie einem geregelten Arbeitsalltag nachgehen werden, der Struktur ins Leben bringt. In Acht-Stunden-Schichten werden sie zwischen 9 Uhr und Sonnenuntergang auf dem Gartenschaugelände im Einsatz sein, für 8,50 Euro brutto die Stunde.

"Ich wusste in der letzten Zeit gar nicht, was ich mit dem ganzen Tag anfangen soll und saß nur noch vor dem Computer", bilanziert Dennis Runge. Jetzt hat er wieder eine richtige und wichtige Aufgabe.

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