"Ich will etwas Niveauvolles machen!"

Graffitikünstler Tobias Zwengel im Abendblatt-Interview über sein Harburger Projekt, Schönheit in Graffiti und die Bedeutung von legalen Flächen

Die Landschaft wirkt wie ausgestorben, trotz Straßenlärms und Zugverkehrs, die Gegend erscheint grau und leer. An der Unterführung der Walter-Dudek-Brücke sieht es nicht besonders nach Frühling aus. Graffitikünstler Tobias Zwengel soll das auf seine Art ändern. In den nächsten Tagen erhält er vom Harburger Bezirksamt die Genehmigung, die östlichen Stützpfeiler der Brücke zwischen der Hannoverschen Straße und dem Großmoordamm zu gestalten. Der 36-jährige Marmstorfer kümmert sich seit Jahren um legale Flächen zum Sprayen in Hamburg. Mindestens 90 Quadratmeter der Mauerwand darf und möchte er nun zum Frühjahr hin verschönern.

Hamburger Abendblatt:

Das Bezirksamt Harburg hat Ihrem Vorhaben nach Jahren nun zugestimmt, Herr Zwengel. Was genau haben Sie denn vor?

Tobias Zwengel:

Eine konkrete Zeichnung gibt es noch nicht. Es wird das klassische Graffito im Vordergrund stehen mit den jeweiligen Künstlernamen der Mitgestalter. Der Hintergrund ist noch unbestimmt. Wichtig ist mir, dass alles farblich abgestimmt ist, wie aus einem Guss.

Wie haben Sie denn das Bezirksamt von ihrer Idee überzeugt?

Zwengel:

Es gab am Anfang nicht viel Resonanz. Ich bin nach einiger Zeit mit mehr Biss rangegangen und wurde dann zu Herrn Gerrald Boekhoff durchgestellt. Er ist Fachamtsleiter des Managements für öffentlichen Raum im Harburger Bezirksamt und war sehr angetan von meiner Idee. Die kam im Bezirksamt insgesamt gut an und so wurde alles in die Wege geleitet.

Was ist das Ziel dieses Projektes?

Zwengel:

Man soll lange Freude daran haben, immer wieder etwas Frisches sehen. Deshalb ist es an sich kein abgeschlossenes Projekt, das hört sich zu gesteuert an und wird auch nie abgeschlossen sein. Der Zufall bestimmt, wie es kommt.

Trägt Harburg dann die Kosten?

Zwengel:

Nein, jeder Künstler trägt seine eigenen Kosten. Natürlich ist es für den Bezirk relevant, keine Investitionen oder Nachteile tragen zu müssen. Mir ist wichtig, frei und kreativ die Wand bemalen zu können. Ich will die Wand mit Niveau gestalten.

Sie wollen mehr legale Flächen für die Graffitikunst in der Hamburger Umgebung. Ist da Ihr Projekt nicht eine Ergänzung zu den Graffiti der Flutschutzmauer am Bostelbeker Hauptdeich in Harburg? Dort dürfen etwa 2500 Quadratmeter Wand legal nach Anmeldung von Sprayern bemalt werden.

Zwengel:

Das Projekt des Vereins GroßStadtRaum war eine tolle Idee. Aber mit der Mauer wird respektlos und chaotisch umgegangen. Durch die dort verwendete billige Vorstreichfarbe blättert alles wieder ab. Die Leute lassen ihre leeren Dosen einfach liegen, und der Verein muss hinterher kommen und aufräumen.

Sie wollen "Ihre" Wand also anders managen?

Zwengel:

Definitiv. Ich habe kein Bestreben, eine schöne öffentliche Fläche für "Hans und Franz" zu organisieren. Ich werde auf die Künstler zugehen und fragen, ob sie dort mitmalen wollen. Mit ihnen muss es auch menschlich passen. Ich möchte das mit eigener Hand managen. Illegale Bemalungen sind natürlich nicht auszuschließen, aber die legale Kunst möchte ich an "meinen" Flächen ein wenig kontrollieren.

Glauben Sie denn, dass durch mehr legale Räume für Sprayer das illegale Bemalen abnimmt?

Zwengel:

Das kann man nicht sagen. Gegen die Entwicklung kommt man nicht an. Und die geht in Richtung Respektlosigkeit. Aber da darf man den Kopf nicht in den Sand stecken, man muss weitermachen.

Graffiti lebt davon, weiter getragen zu werden, aber nicht ausschließlich in illegaler Weise. Wenn jemand meine Bilder illegal zerstört, dann male ich eben drüber.

Wie haben Sie denn angefangen?

Zwengel:

Mit 15, 16 Jahren habe ich angefangen, mich dafür zu interessieren und mit einem Freund zusammen Zeichnungen erstellt und später auf Spanplatten geprobt. Die richtige Begeisterung kam aber durch das Buch "Subway Art" von Cooper und Chalfant. Es wird auch die Bibel der Graffiti Art genannt.

Ich unterstütze Anfänger gerne und hoffe, dass sie sehen, dass illegale Graffiti nicht Selbstzweck sind und Billig-Farbe nicht lange hält.

Was ist für Sie das Besondere an Graffiti Art?

Zwengel:

Gute Graffiti sind schön anzusehen, interessant von der Linienführung. Welche zu machen ist wie Kurzurlaub für mich. Ich habe schon immer legale Wände organisiert und bemalt. Die Begeisterung hierfür möchte ich auch weitergeben.

Was sagen denn andere zu Ihrem Hobby?

Zwengel:

Graffiti ist nicht nur ein Hobby, Graffiti ist mehr. Ich rede nicht viel darüber, aber wenn ich es tue, ist das Feedback meistens positiv. Die Meinung anderer ist mir aber weitgehend Wurst. Ich mach' das, wie es mir gefällt und Freude macht. Eben für mich und Graffiti.

Also wollen Sie sich durch Ihre Graffiti nicht profilieren?

Zwengel:

Profilierung ist ja immer dabei aber nicht ausschlaggebend. Wenn man keine bekannte Persönlichkeit ist, bleibt man ohnehin anonym. Ich mache das nicht, um berühmt zu werden. Tatsächlich ist es so: Die Wenigsten wissen, warum sie eigentlich Graffiti malen.