Holm-Seppensen

Wie der Falkenweg sein C verlor

Mühlenschüler in Holm-Seppensen haben eine Woche lang die Geschichte der Straßennamen ihres Heimatorts erforscht

Holm-Seppensen. Dass Geschichte so spannend sein kann, nein, das hätte Luca nie gedacht. "Der Eidig, der war ja wie Robin Hood!", schwärmt der Neunjährige. Richtig interessant sei das gewesen, was er gehört habe. Seine Mitschülerin Anna ist ebenfalls ganz begeistert. "Wir haben sooo viel gelernt", sagt sie beeindruckt. Was ist da los gewesen am Freitag im Holm-Seppenser Kulturbahnhof? Schüler, die gerne lernen und plötzlich sogar Geschichte lieben? Die Projektwoche zum Thema "Ursprung und Entstehung der Straßennamen in Holm-Seppensen", an der sich drei dritte Klassen der Mühlenschule beteiligt haben, hat es offensichtlich möglich gemacht.

Vier Tage lang haben die Kinder den Erzählungen von Zeitzeugen aus dem Ort gelauscht, die von "damals in Holm-Seppensen" erzählten. Sie haben erfahren, dass der Falkenweg nichts mit dem Vogel zu tun hat und der Vesperweg von einem kirchlichen Abendgebet oder Kaffee und Kuchen weit entfernt ist. Die Ergebnisse der Arbeit sollen in Informationstafeln niedergeschrieben werden und dann möglichst im Ort oder direkt an den Straßen zu sehen sein.

"Kinder-Kulturpfad" heißt der große Rahmen, der das Ganze zusammenhält. Er ist die Idee der in Holm-Seppensen lebenden Künstlerin Miriam Bonner, die Kinder so sensibel für kulturelle Themen machen will. Im vergangenen Jahr war der Kinder-Kulturpfad mit der Projektwoche "Maler und Bildhauer in Holm-Seppensen" gestartet, bei der die Mühlenschüler neun Tafeln zu lokalen Kreativen entworfen hatten. Unterstützt wurden sie unter anderem von älteren Bürgern des Ortes, die die Künstler persönlich kannten, dem Geschichts- und Museumsverein und dem Kulturbahnhof.

Auch bei der diesjährigen Fortsetzung waren wieder viele dieser Vertreter dabei, die zu den Straßennamen einiges zu erzählen hatten. Zum Beispiel zum Falkenweg. Mariechen Wagener, seit 1937 zu Hause in Holm-Seppensen, erinnerte sich, dass dort vor rund hundert Jahren ein Herr Wilken gelebt hatte, dessen Frau eine geborene Falck war. Falckenweg war deshalb in alten Karten zu lesen, man hatte entschieden, die Straße nach der Frau zu benennen. Nur das C war irgendwann abhanden gekommen.

Gemeinsam mit Rudolf Dieckmann erzählt die 78-Jährige von den Anfängen des Ortes als Fluchtpunkt für Großstädter, die dort ihre Wochenendhäuschen hatten. Erst der Bau des Bahnhofs im Jahre 1901 hatte den Städtern die Anreise in die Sommerfrische ermöglicht. Die Häuser wurden anfangs nach der Reihenfolge ihres Baus durchnummeriert, die Straßen waren schlichte Sandwege, einige von ihnen sind es sogar bis heute noch. Nach und nach erhielten die Straßen dann Namen - für Postboten oder Ärzte sollte es schließlich nicht zu unübersichtlich sein, wenn sie bestimmte Häuser suchten.

"Der Jungfernstieg zum Beispiel geht auf drei unverheiratete Damen zurück, die als Lehrerinnen arbeiteten, in Hamburg lebten und ein Häuschen im Ort hatten", erzählt Anke Dieckmann. Logisch, dass da der Name wunderbar passte. Sie selbst wohnt seit 1954 in der Straße, in der heute auch die Mühlenschule steht, ihr Großvater hatte den drei Damen sogar das Haus abgekauft. Zwölf Jahre lang wurde die Straße zwar Schulweg genannt, doch 1972 besann man sich wieder auf die ursprüngliche Bezeichnung - im Zuge der Gebietsreform wurden Holm und Seppensen der Stadt Buchholz zugeschlagen, und dort gibt es bereits mitten in der Innenstadt einen Schulweg.

Der Eidigweg geht hingegen auf den freien Wildschütz Hans Eidig aus Klein Klecken zurück, wie Rudolf Dieckmann berichtet. "Eidig zog Anfang des 19. Jahrhunderts durch die Wälder und jagte Wild, das er den Armen gab." Eine Art deutsche Antwort auf Robin Hood sozusagen. Wer in Holm-Seppensen auf die Idee kam, eine Straße nach Eidig zu benennen, konnte Dieckmann jedoch nicht sagen. "Vielleicht haben sich die ersten Siedler hier auch wie in der freien Wildbahn gefühlt", mutmaßt er.

Regina Spandau wiederum berichtet, dass der Vesperweg auf einen Herrn Vesper zurückgeht, der lange Zeit Vorsitzender des Wegevereins war und damit an der Gestaltung der neuen Siedlung einen maßgeblichen Anteil hatte.

Insgesamt haben die Mühlenschüler etwa ein Dutzend Straßennamen erforscht. Im Unterricht werden sie jetzt an die schriftliche Aufbereitung gehen, bevor im kommenden Jahr die nachrückenden dritten Klassen mit einem dritten Thema, etwa dem alten Handwerk oder alten Bräuchen, weitermachen. Das Konzept des Kinder-Kulturpfads sieht vor, dass er jährlich wächst und vielleicht irgendwann auch weitere Buchholzer Ortsteile mit einbezieht.