Fährdamm

"Insel-Radio" Wilhelmsburg: Hörfunk zum Zuschauen

Moderatoren bei der Arbeit: Das "Insel-Radio" Wilhelmsburg sendet schon bald live und täglich aus einem gläsernen Studio an der Fährstraße.

Hamburg. Die Reeperbahn in St. Pauli und die Fährstraße in Wilhelmsburg haben eine Gemeinsamkeit: Das gläserne Studio eines Webradios, in das Passanten hineinschauen und den Moderatoren bei der Arbeit zusehen können. Auf Hamburgs bekanntester Amüsiermeile ist es Radio Reeperbahn in dem spektakulären Neubau "Tanzende Türme". Von Wilhelmsburgs heimlicher Hauptstraße sendet das "Insel-Radio". Noch verwehren heruntergelassene Jalousien an der Hausnummer 58 den Blick auf Radiochef Thomas Böttger, wenn er Sendung macht. Aber ab dem 27. März lässt sich der 54-Jährige in seine Wohnung schauen.

"Man muss das Ego haben, sich präsentieren zu wollen", sagt Thomas Böttger und macht keinen Hehl daraus, dass er es besitzt: "Sabbeln kann ich", fügt er noch hinzu. Die Idee, sich im gläsernen Studio öffentlich zu machen, kam ihm bei der Beobachtung, wie Internationale Bauausstellung und Internationale Gartenschau den Stadtteil Wilhelmsburg im atemberaubenden Tempo verändern. Hier passiere was, sagte sich der Radiomacher, und irgendwie wollte er an der Entwicklung teilhaben. Als er die Chance bekam, das Insel-Radio in eine Ladenwohnung in die Fährstraße zu verlegen, griff er zu. Böttger kündigte seine Wohnung am Ernst-August-Deich, von wo aus das Insel-Radio seit acht Jahren sein Programm gesendet hatte. Wohnungen in der Fährstraße sind begehrt. Das Quartier gilt bei Stadtplanern und Trendforschern als Hamburgs kommendes Szeneviertel. "Ich hätte nichts dagegen, wenn das Viertel hier eine kleine Sternschanze würde", sagt der Insel-Radiochef.

Thomas Böttger sieht in dem gläsernen Studio noch die Möglichkeit, das Internetradio an sich von seinem Ruf als Spielwiese für Freaks zu emanzipieren. 2000 Internetsender gibt es in Deutschland. "Webradios dümpeln vor sich hin", meint Böttger. Mit einem gläsernen Studio wie bei seinem Insel-Radio dagegen bekäme ein solches Projekt einen "professionelleren Touch".

Die Geschäftsstruktur seines Webradios hat Böttger bereits professionalisiert. Er hat ein Gewerbe angemeldet und das Ein-Mann-Unternehmen TOB-Media gegründet. Das Insel-Radio ist eine Geschäftssparte der Dachfirma. Böttger bietet Wilhelmsburger Unternehmen wie dem Friseur "um die Ecke" an, Werbespots zu produzieren und zu senden. Zusätzlich vermietet TOB-Media Audio- und Videostreams, also Datenströme für Radio und Fernsehen im Internet, sowie Serverkapazitäten und gestaltet Internetauftritte für Unternehmen.

Thomas Böttger zählt zu einer besonderen Spezies Unternehmer. "Ich bin selbstständiger Hartz-IV-Empfänger", sagt der 54-Jährige. Für eine Übergangszeit zahlt die Agentur für Arbeit weiter seine Grundsicherung. Nur so habe er eine Chance, TOB-Media zu betreiben und möglicherweise später einmal Gewinn zu erwirtschaften, sagt Böttger.

Um seine Studioausstattung hat Wilhelmsburgs Radiomacher nicht gebettelt. Thomas Böttger hat sie einfach selbst gezimmert. Den Tresen, in den das Mischpult integriert ist. Die Regale, in denen CDs, Vinylschallplatten und Audiokassetten stehen. Die Mikrofone hängen an Lampenständern, die Böttger umgebaut hat. So geschickt, dass man ihnen ihre ursprüngliche Funktion nicht ansieht.

Etwa 15 Quadratmeter ist das gläserne Insel-Radio-Studio groß. Ein Hocker am Tresen bietet einem Studiogast Platz vor einem Mikrofon. Noch sendet das Insel-Radio überwiegend Musik und zu jeder vollen Stunde Nachrichten aus Deutschland und der Welt, die das "Studio Amsterdam", ein Service von freien Journalisten für Webradios, produziert. In Zukunft plant Böttger mehr Wortbeiträge. "Das Insel-Radio soll Sprachrohr für die Wilhelmsburger sein", sagt er.

Dürfte er sich einen Talkgast zur Eröffnung seines gläsernen Studios wünschen, würde Böttger Olaf Scholz wählen. Gerne würde er mit Hamburgs Erstem Bürgermeister über das Nachbarschaftsticket zur Internationalen Gartenschau plaudern, das allen Elbinselbewohnern an drei selbst gewählten Tagen freien Eintritt gewährt. Böttger hätte eine andere Lösung begrüßt: Einen stark reduzierten Eintritt exklusiv für die Wilhelmsburger, etwa 1,50 Euro pro Tag. Das hätte den vielen einkommensschwachen Menschen im Stadtteil besser geholfen, sagt er.

Insgesamt 14 Moderatoren gestalten das Programm beim Insel-Radio. Aus Wilhelmsburg stammt neben Thomas Böttger nur noch die Haufrau Silke Klann. Die übrigen Moderatoren, darunter ein Kraftfahrer, ein Scripter, Hausfrauen, produzieren ihre Sendungen daheim in Hannover, Köln oder anderswo. Das sei so üblich beim Webradio, sagt Böttger. Hinter "Ollis Radio Show" verbirgt sich ein früherer Moderator des Hessischen Rundfunks, der nicht vom Radio lassen kann.

Nur ein dunkler Vorhang trennt das Radiostudio von Böttgers Wohnzimmer. Morgens trinkt er einen Kaffee, isst sein Frühstück, geht dann ans Mikrofon. Manchmal bleibt er bis spät nachts. Am 27. März wird Thomas Böttger um 9 Uhr die Jalousien hochziehen und das gläserne Studio eröffnen: "Man soll sehen, dass jemand live da ist."