Harburger Binnenhafen

"Plan B" könnte die Alte Fischhalle retten

Baufeld am Kanalplatz 16 soll um 90 Grad gedreht werden. Skulpturenpark nur Übergangslösung. Finanzbehörde der Stadt muss noch zustimmen.

Harburg. Noch schlummert das Grundstück am Kanalplatz 16 im Binnenhafen in tiefem Winterschlaf. Ein paar Möwen streiten sich um eine Brotkrume, ein Stück weiter treibt ein Fetzen Zeitung im Wind. Passend zur Szenerie rottet ein einstöckiger Bau mit Spitzdach vor sich hin, der offenbar mal Weiß getüncht war. Es ist die 1906 erbaute, ehemalige Hafenarbeitervermittlungsstelle, besser bekannt als Alte Fischhalle.

Über ihren Erhalt wurde lange gestritten. SPD-Fraktionschef Jürgen Heimath bezeichnete den Bau als "alte Bruchbude", die seiner Ansicht nach "nicht erhaltenswert" sei. Für ihn hätten Arbeitsplätze im Binnenhafen Priorität, weshalb er an dieser Stelle viel lieber ein neues Bürogebäude sehe.

Nach Auffassung von Heimaths CDU-Pendant Ralf-Dieter Fischer gibt es hier inzwischen genug moderne Neubauten. "Wenn wir den historischen Charakter des Binnenhafens erhalten wollen, brauchen wir nicht noch so einen mehrgeschossigen Funktionsbau aus Stahl und Beton", sagte der Christdemokrat. Und erhielt Rückendeckung durch Gorch von Blomberg von der Geschichtswerkstatt: "Ist der raue Charme des Hafens erst mal zerstört, ist er unwiederbringlich verloren."

Einen Verbündeten fanden sie in Harburgs Baudezernent Jörg Heinrich Penner. Der hatte früh wissen lassen, dass er die alte Fischhalle "für schützenswert" halte und sich dafür einsetzen wolle, "dass sie nicht abgerissen wird". Das war schon deshalb bemerkenswert, weil die Halle bereits seit 2009 im Bebauungsplan für den neuen Binnenhafen keine Rolle mehr spielte. Und auch das Denkmalschutzamt keinerlei Interesse am Erhalt des Baus bekundete, der Anfang des 20. Jahrhunderts als Harburgs erste Fischauktionshalle errichtet worden war.

Auf dem Höhepunkt der Diskussion betrat plötzlich der Investor Werner Pfeifer die Szenerie und präsentierte ein Nutzungskonzept für ein Galerie-Café. Harburger Künstler sollten hier die Möglichkeit erhalten, ihre Werke auszustellen und zu verkaufen. In dem Gebäude mit einer effektiven Nutzfläche von etwa 150 Quadratmetern sollten zudem das Hafenmeisterbüro und mindestens ein Raum für die Geschichtswerkstatt Platz finden.

Seit Pfeifer seine Pläne Ende Januar im Stadtplanungsausschuss erstmals offiziell vorgestellt hat, scheint die Rettung der steinernen Zeugin bewegter Harburger Binnenhafengeschichte einen entscheidenden Schritt vorangekommen zu sein. Die Zustimmung war so einhellig wie fraktionsübergreifend. Sogar die SPD kann sich den Fortbestand der Fischhalle jetzt vorstellen.

Allerdings nur deshalb, weil der von Pfeifer ebenfalls geplante Skulpturenpark auf der üppigen Freifläche zwischen Fischhalle und Lotsekanal laut Baudezernent Penner allenfalls eine "Übergangslösung" sein könne. Denn die Devise am Kanalplatz 16 heißt nun nicht mehr "Fischhalle oder Bürogebäude", sondern "Fischhalle und Bürogebäude".

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Stadt in der angespannten Finanzsituation freiwillig auf die Vermarktung der Fläche verzichtet", sagte Penner dem Abendblatt. Zumal sich mit dem Verkauf an einen Investor möglicherweise ein weiteres Problem "elegant" lösen ließe. Da die gesamte Kaimauer am Lotsekai hochgradig sanierungsbedürftig ist, könnten Investoren an der notwendigen Instandsetzung beteiligt werden.

Allein für den Kaimauer-Abschnitt am Treidelweg rechnet das Bezirksamt mit einem Finanzbedarf von drei bis vier Millionen Euro, die es nicht hat. "Im Bereich des Grundstücks Fischhalle kalkulieren wir zwar nur mit Kosten von etwa einer Million Euro, doch auch diese Summe muss erst einmal aufgebracht werden", so Penner.

Um "Plan B", also Erhalt der Fischhalle und neues Bürogebäude, realisieren zu können, hat das Bezirksamt der federführenden Finanzbehörde nun vorgeschlagen, das im aktuellen Bebauungsplan vorgesehene Baufeld um 90 Grad zu drehen und den neuen Bürokomplex nun parallel zum Lotskai zu errichten.

"Ich könnte mit dieser Lösung leben", sagte Werner Pfeifer. Zwar gäbe es von der Fischhalle dann keinen freien Blick mehr Richtung Lotsekanal, doch diese Kröte würde Pfeifer gern schlucken, um die Alte Fischhalle zu retten. "Da es sowohl am angrenzenden Kaufhauskanal, wie auch entlang des Lotsekanals künftig öffentliche Wege geben soll, wäre die Anbindung ans Wasser und an den benachbarten Traditionsschiffhafen ja trotzdem gegeben", sagt Pfeifer. Der überdies den Aufbau eines Pontons anregte: "Als weitere schwimmende Außenfläche für das Café und/oder einen Bootsverleih."

Sollte "Plan B" aber tatsächlich umgesetzt werden, würde das Grundstück am Kanalplatz 16 als Alternativfläche für den Beach Club von Gastronom Heiko Hornbacher definitiv entfallen. Bekanntlich muss der beliebte Sommertreff am Veritaskai umziehen, sobald ein Investor das "Baufeld 4 A" kauft und entwickelt. Langfristig soll der Beach Club am Treidelweg angesiedelt werden. Doch solange das nötige Geld für die Sanierung der Kaimauer fehlt, ist ein Umzug dorthin nicht möglich.

Sollte sich der Verkauf des Baufelds am Kanalplatz 16 indes verzögern, hält es SPD-Fraktionschef Jürgen Heimath nun für denkbar, den Beach Club doch temporär in Pfeifers Fischhallen-Konzept einzubinden. "Chillen in Strandatmosphäre statt Skulpturenpark - auch das wäre mir recht. Solange die Fischhalle stehen bleibt, bin ich für alle Optionen offen", sagt Werner Pfeifer.