Buxtehude/Apensen

Missbrauchs-Prozess: Beweismittel verschollen

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Die beweistragenden Tagebücher sind beim Jugendamt nicht mehr auffindbar, das Gericht muss nun auf Zeugen setzen.

Buxtehude/Apensen. Eine 19-Jährige hat bei ihrer jüngsten Befragung vor dem Amtsgericht Buxtehude ihren Pflegevater erneut des sexuellen Missbrauchs und der körperlichen Misshandlung von Schutzbefohlenen bezichtigt. Der Beschuldigte Frank J., der als Sozialpädagoge in Ahlerstedt auf dem großzügigen Familienanwesen mit seiner Ehefrau und weiteren Erziehungshelfern eine Kindereinrichtung in Zusammenarbeit mit der Hamburger Jugendhilfe betrieb, bestreitet hingegen die Vorwürfe.

Das Buxtehuder Jugendschöffengericht unter Vorsitz von Richterin Nora Sielbeck ist nun dabei, die Indizienketten zu schließen. Erschwerend ist für die Richter, dass wichtige Beweismittel offensichtlich bei den beteiligten Jugendämtern Wandsbek und Hamburg Nord nicht mehr auffindbar sein sollen. So zum Beispiel Tagebücher der Vanessa W. (Name von der Redaktion geändert) und einem weiteren 12-jährigen Mädchen, das in der Kindereinrichtung in Obhut war. Darin sollen die Mädchen zu strenge Erziehungsmethoden der Pflegeeltern und Erzieher auf Vanessas Initiative hin dokumentiert haben. Zudem berufen sich die zuständigen Jugendamtsmitarbeiter bei geschwärzte Namen in Akten und verspätet eingereichten Protokollen auf Datenschutzvorgaben So bleiben die Aussagen der Zeugen als wesentliche Indizien.

Selbstbewusst und verbal gewandt schilderte Vanessa im Zeugenstand alle vermeintlichen Missstände im Hause der Pflegeeltern. Sie äußerte den Wunsch, dass solche "schlechten Menschen, wie ihre Pflegeeltern nie wieder Kinder anvertraut bekommen sollen". Zudem sei sie enttäuscht, dass trotz des funktionierenden Dorftratsches in Ahlerstedt (Landkreis Stade) "so ein Fall" so wenig beachtet würde. Deshalb habe sie bei allen Gelegenheiten laut über den Missbrauch gesprochen.

So auch mit ihrer besten Freundin aus Grundschulzeiten, der sie nach fünf Jahren zufällig am Bahnhof Stade begegnete oder einem 15-jährigen Ahlerstedter im Bus. Schulfreundin Eileen F. schilderte im Zeugenstand ihre Zweifel am Wahrheitsgehalt. "Ich bin als Kind oft dort gewesen, habe dort auch übernachtet, aber nie so etwas erlebt. Streng waren die Eltern, aber es war immer sehr schön dort." Der Fünfzehnjährige berichtete als Zeuge, dass Vanessa im Bus für alle hörbar von Vergewaltigungen ihres Pflegevaters und ihres damaligen Freundes Stefan sprach.

Die vom Gericht befragten Zeugen aus dem Umfeld der Pflegeeltern, Nachbarn, der Pastor, die Diakonin, Freunde, mit denen auch gemeinsam Urlaube verbracht wurde, hatten einhellig ausgesagt, niemals Gewalt oder herabwürdigende Erziehungsmethoden gesehen zu haben. Mit diesem Widerspruch von der Richterin konfrontiert, sagte Vanessa, dass sich ihre Pflegeeltern Besuchern gegenüber "gut verkauft hätten" und ja auch die Jugendämter in ihrem Fall 15 Jahre nichts bemerkt hätten. Erst nach ihrer Anzeige habe man dort reagiert und die Kinder herausgeholt.

Das geschah, nachdem Vanessa aus dem Ahlerstedter Anwesen ausziehen sollte. Vanessa, die in der Pflegefamilie wie ein eigenes Kind der Eltern auch nach ihrer Volljährigkeit lebte und selbst auch Erzieherin werden will, hatte begonnen, Methoden ihrer Pflegeeltern und der Erzieher hart zu kritisieren. Zu viele Forderungen und Strenge habe es gegenüber ihr und den vier Kindern aus Problemfamilien gegeben, dazu Schläge und Erniedrigungen. Sie sah sich als Beistand der jüngeren Kinder.

Das führte zu permanenten Streitigkeiten, an deren Ende stand, dass Vanessa ausziehen und ihr Leben auf eigene Füße stellen sollte. Nach Vanessas Darstellungen habe ihre Vertraute, Rita F., ihr die Augen geöffnet und sie bestärkt, Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs zu erstatten. Rita F., die sich nach einem Fernkursus mit sechs Seminaren Mentaltrainerin nennt und von den Pflegeeltern engagiert wurde, sollte Vanessa unterstützen, ein eigenständiges Leben zu organisieren.

Nach einer kurzen Aufnahme im Hause ihres Freundes Stefan zog Vanessa in eine Wohngruppe der Stader Awo. Auch dort gab es nach einiger Zeit massive Probleme mit Vanessa, schildert Erzieher Martin R. im Zeugenstand. Vanessa hatte in E-Mails dem Jugendamt berichtet, wie unzulänglich die Erziehungs- und Betreuungsarbeit der Awo-Mitarbeiter seien. "Sie warf uns Inkompetenz und Ignoranz ihr und ihrem Schicksal gegenüber vor. Es eskalierte in Drohungen. Nach kräfteraubenden Auseinandersetzungen wurde im Team entschieden, dass Vanessa aus unserer Awo-Einrichtung ausziehen sollte." Mit einem Urteil im laufenden Prozess wird frühestens Ende des Monats gerechnet.